Debatte um Nadja Drygalla : Kein Sex mit Nazis

09.08.2012 20:40 Uhrvon

Von Beischläfern zu Mitläufern: NS-Symbole und rechtsradikale Kontakte sind niemals harmlos. Der Fall Nadja Drygalla erinnert an frühere Auseinandersetzungen - von Martin Walsers "Auschwitz-Keule" bis hin zur Eröffnung der Flick-Sammlung in Berlin.

Wenn die Gesellschaft ihre Integrität verliert

Nadja Drygalla reiste wegen ihrer Beziehung zu einem mutmaßlichen Neonazi vorzeitig aus dem Olympischen Dorf in London ab. Foto: dpa
Nadja Drygalla reiste wegen ihrer Beziehung zu einem mutmaßlichen Neonazi vorzeitig aus dem Olympischen Dorf in London ab. - Foto: dpa

Alles andere als unerheblich ist es, ob eine Sportlerin, finanziert von Steuergeldern und bejubelt von ihren Landsleuten, einen Lebenspartner annehmbar findet, der offiziell in der rechtsradikalen Szene organisiert ist – das ist bei niemandem unerheblich. „Kein Sex mit Nazis“ lautet, eher als sarkastischer Jux gemeint, eine Aufschrift auf Buttons und Aufklebern von Antifa-Gruppen und Jusos. So sinnlos ist der Slogan allerdings gar nicht. Er signalisiert die politische Bereitschaft, statt Intimität und Nähe mit „allem, was zu rechts ist“, Distanz und Analyse zu suchen, in einer Haltung, die nicht nur für die öffentliche Fassade gilt.

Sie habe nur das Bett geteilt mit jenem Mann, nicht aber seine Meinungen, hat die betroffene Frau sinngemäß erklärt. In der U-Bahn habe ich einmal eine Studentin zu einer anderen sagen hören, ihr neuer Freund sei mitnichten Neonazi, er sei nur der Ansicht, es habe nie Konzentrationslager gegeben, das sei zwar irgendwie komisch, aber sonst sei der Mann prima. Mit Nur-weil-Argumenten ruderte sie gegen die schockierte Gesprächspartnerin an: „Nur weil der ein bisschen andre Ideen hat, muss ich doch nicht auf Sex mit dem verzichten“, die Freundin mache „einen auf moralisch“.

Genau solche Aussagen aber sind das interessanteste Symptom. Sie werfen Licht in die Tiefe eines Geschehens, bei dem Individuen wissentlich bereit sind, die verbrecherische Ideologie eines anderen abzuspalten von der „netten Person“, die dieser andere doch darstelle. Dabei leugnen sie mit Vorsatz den Inhalt der Überzeugungen, dabei werden sie gewissermaßen auch als Beischläfer zu Mitläufern. Sie offenbaren zugleich ein Bild vom Menschen, das sich gegen Artikel 1 der Verfassung sträubt. Von der unantastbaren Würde des Menschen hat jemand, der einen anderen in „irgendwie Nazi, aber prima Kumpel“ aufspaltet, sich keinen Begriff gebildet. Emotionale und ethische Hochstapler arbeiten hier mit dem Druck auf andere, die als überempfindlich abqualifiziert werden sollen, während sie selber die Toleranten, Lockeren darstellen.

Wo sich eine Gesellschaft mehrheitlich zu solcher Abspaltung bereit fände, würde sie mit solchen Akten des Leugnens und Abspaltens ihre Integrität verlieren. Integer zu sein bedeutet, wahrnehmungsfähig zu bleiben und so weit wie möglich keine psychischen Inhalte abzuspalten, sondern sie zu integrieren. Dass die Nazi-Debatten wieder und wieder aufkochen, ist Nachweis einer Gesellschaft, die den Versuch unternimmt, sich selbst im Blick zu haben, was, wie Niklas Luhmann betonte, mit das Schwierigste überhaupt ist. Dass dabei in seltenen Fällen übers Ziel hinausgeschossen wird, lässt sich eher verkraften, als dass das Ziel aus den Augen gerät.

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Unser/e Leser/in blinder meint zum Artikel: Besuch im Reichstag bleibt umständlich:
Da von den aktuell 620 Abgeordneten bei den Sitzungen sowieso nur 20% anwesend sind, bleiben fast fünfhundert Sitze unbelegt. Hier könnte man doch die wartenden Besucher nach der obligatorischen Einlasskontrolle "zwischenparken".
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