Demenz bei Schriftstellern : Zeit der Gespenster

Gabriel García Márquez ist dement. Er wird kein Buch mehr schreiben können. Wie Autoren mit dem Alter kämpfen.

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Späte Rückkehr. Gabriel García Márquez besucht 2007 nach 24 Jahren mit dem Zug seine Geburtsstadt Aracataca.
Späte Rückkehr. Gabriel García Márquez besucht 2007 nach 24 Jahren mit dem Zug seine Geburtsstadt Aracataca.Foto: picture-alliance/ dpa

Es war im Oktober 1980, zwei Jahre, bevor er selbst den Literaturnobelpreis erhalten sollte, als Gabriel García Márquez für die spanische Zeitung „El País“ zwei Artikel über das „Nobelpreisgespenst“ schrieb. Von dem „unerforschlichen Willen der Mitglieder der Schwedischen Akademie“ ist darin die Rede, von der Ruhe, die dieses Gespenst vielen Schriftstellern raube, von den großen Schriftstellern, die den Preis nie bekommen haben. Dass Gárcia Márquez die Artikel auch deshalb verfasste, um sich abzulenken vom eigenen Lauern auf die Auszeichnung, kann man sich denken. War es damals doch schon über 13 Jahre her, dass sein Welterfolg „100 Jahre Einsamkeit“ 1967 in Buenos Aires veröffentlicht wurde.

Auch über das Alter der Geehrten macht sich der 53-Jährige Gedanken: über den „Aberglauben“ vieler Kollegen, der Nobelpreis sei eine gewissermaßen verfrüht ausgesprochene posthume Auszeichnung, danach käme für jeden nur noch der Tod. „Ich kenne etliche große Autoren, für die diese Tage nicht wie für Borges mit gespanntem Warten erfüllt sind, sondern im Gegenteil mit metaphysischem Schrecken, denn der Glaube, niemand überlebe den Nobelpreis um mehr als sieben Jahre, treibt fleißig Blüten.“

Gabriel García Márquez hat den Nobelpreis, der ihm endgültigen Weltruhm verschaffte, schon um fast drei Jahrzehnte überlebt. Nun aber ging vor zwei Wochen die Nachricht um die Welt, er hätte „einige Probleme mit dem Gedächtnis“, wie sein 15 Jahre jüngerer Bruder Jaime García Márquez verlauten ließ. Er leide an einer schweren Demenzerkrankung, hieß es sogleich. Das wiederum dementierte umgehend der Direktor einer von García Márquez eingerichteten Journalismus-Stiftung, Jaime Abello.

Demenz hin, alterstypische Gedächtnisstörungen her, wobei die Grenzen fließend sind: Beklagt und betrauert wurde nach der Meldung vor allem, dass von Gabriel García Márquez wohl kein literarisches Werk mehr erscheinen werde. Und dass er insbesondere nicht mehr in der Lage ist, seine Biografie fortzusetzen, deren erster Teil „Leben, um davon zu erzählen“ 2002 veröffentlicht wurde und in den fünfziger Jahren endet.

Außer Acht geriet bei diesen Klagen, dass die kreative Kraft des kolumbianischen Schriftstellers schon längere Zeit erlahmt ist. Mit „Leben, um davon zu erzählen“ hat er sich zu seiner wohl letzten großen literarischen Anstrengung aufgerafft. Insbesondere in den Passagen, in denen er davon berichtet, wie er mit der Mutter in seinen Geburtsort Aracataca reist, um ihr Elternhaus zu verkaufen. Dies setzt bei ihm Erinnerungskaskaden an jene acht Jahre in Gang, in denen er bei den Großeltern aufwuchs. 2004 erschien zwar noch ein kleiner Roman von ihm, „Erinnerung an meine traurigen Huren“. Doch so reich wie dieser an Abgeschmacktheiten ist – ein alter Mann schenkt sich zum 90. die Nacht mit einer minderjährigen Prostituierten, die bitte schön Jungfrau sein soll –, kann er nur mit viel gutem Willen als Meditation auf das Alter und die Liebe, auf das Vergehen der Zeit und den Tod gelesen werden.

Das wirft die Frage auf, wie kreativ Schriftsteller im Alter generell sein können. Schreiben sie in dieser Lebensphase ihre besten oder doch eher mindere Werke, so sie noch schreiben? Selbst eine Auszeichnung wie der Literaturnobelpreis kann da zum Problem werden. Denn auf ihn muss ja nicht der von García Márquez befürchtete Tod innerhalb von sieben Jahren folgen, es kann auch schlicht und einfach das Nachlassen der schöpferischen Kraft sein. García Márquez ist selbst ein gutes Beispiel: Nur sein 1985 veröffentlichter (und lange vorher konzipierter) Roman „Liebe in den Zeiten der Cholera“ reicht noch an „100 Jahre Einsamkeit“ heran. „Der General in seinem Labyrinth“ (1989) oder „Von der Liebe und anderen Dämonen“ (1994) sind schon schwächere Romane.

Oder man denke an Saul Bellow, der 1975 im Alter von 60 Jahren den Nobelpreis erhielt und danach nur noch wenige, schlechtere Bücher vorlegte, jedenfalls im Vergleich zu Romanen wie „Humboldts Vermächtnis“, „Herzog“ oder „Die Abenteuer von Augie March“. Auch der 1999 ausgezeichnete Günter Grass ist so ein Fall. Ein Nobelpreis hat also nicht nur den Vorteil „des Glücks, nicht mehr in einer Schlange stehen zu müssen“, wie es García Márquez später einmal erläuterte. Wenn er keine Lebenswerk-Auszeichnung darstellt, wie vor ein paar Jahren bei Doris Lessing, kann er auch eine schwere Bürde sein, eine Bürde, die manchmal den Blick von Lesern und Rezensenten trübt, weil sie von Literaturnobelpreisträgern Meisterwerke erwarten. So ist es umgekehrt vielleicht sogar von Vorteil, den Preis nie zu bekommen und das als ewigen Stachel und Antrieb zu erleben.

Es gibt auch ganz andere Beispiele. Bei Theodor Fontane entfaltete sich das Erzähltalent erst, als er schon auf die 70 zuging, ein seltener Fall in der Literatur. Und der 2009 mit 77 Jahren gestorbene John Updike schrieb bis zuletzt unermüdlich Romane und Erzählungen, darunter einige sehr gute. In einer seiner letzten Erzählungen lässt er einen Protagonisten sinnieren: „Wenn ich die Gedanken dieses sonderbaren alten Kerls richtig lese, bringt er gerade einen Toast auf die sichtbare Welt aus, sein bevorstehendes Verschwinden aus ihr sei verdammt.“

Auch den 1933 geborenen, ewigen Nobelpreiskandidaten Philip Roth könnte man nennen, legt dieser doch fast jährlich einen neuen Roman vor. Roth mag in seinem Alterswerk nicht mehr das Zeug zum ganz großen amerikanischen Roman haben, wie in seinen Zuckerman-Büchern oder seiner amerikanischen Trilogie (deren Abschluss „Der menschliche Makel“ bildete). Aber straff und kompakt sind seine letzten Romane. Roth führt eine Idee aus und bringt sie auf 150 bis maximal 180 Seiten auf den Punkt, ohne erzählerische Abschweifungen und Selbstverliebtheiten.

Wie bei ihm wird man auch bei dem im Alter scheinbar immer produktiver werdenden 85-jährigen Martin Walser eines Tages sehen, was vom Alterswerk bleiben wird und wie es sich in das Gesamtwerk fügt. „Das dreizehnte Kapitel“ heißt Walsers Anfang September erscheinender neuer Roman „über eine Liebe“, so der Verlag, „die als Unmöglichkeit so tiefgründig und lebendig ist wie kaum etwas“.

Walser scheint nach zwei Büchern, in denen der Glaube – nicht unbedingt religiöser Art, eher das Glauben an sich – im Zentrum stand, wieder zurückzukehren zu seinen bevorzugten Augenblicken der Liebe, zum Themenkomplex Alter und Liebe. Und die Liebe erfahren seine alternden, aber stets vitalen männlichen Protagonisten natürlich nicht mit Gleichaltrigen, sondern mit weit jüngeren, enorm attraktiven Frauen, um dem Tod so erst recht ein Schnippchen zu schlagen. In vielen seiner späten Romane kreist auch Philip Roth um dieses Thema, García Márquez reiht sich da mit „Erinnerung an meine traurigen Huren“ ein.

Ob der Kolumbianer auch heute noch sagen würde, dass ein Schriftsteller immer nur ein einziges Buch schreibt, egal wie viele und in was für einem Alter er sie veröffentlicht? „Das Buch der Einsamkeit“ sei sein einziges Buch, hat er Anfang der achtziger Jahre in einem Gespräch mit seinem Kollegen Plinio Apuleyo Mendoza gesagt. Und dann ausgeführt, wie dieses Thema sich durch seine Bücher zieht – und wie er es aus seinem eigenen Leben geschöpft hat: angefangen von der Kindheit im riesigen Haus seiner Großeltern bis hin zu seiner Zeit als weltberühmter Schriftsteller, da ihn die Einsamkeit der Macht und des Ruhms umgab.

„Noch siebzigjährig habe ich in Träumen die Glut des Jasmins auf der Veranda und das Gespenst der düsteren Schlafzimmer erahnt“, schrieb er in seiner Autobiografie, „immer begleitet von dem Gefühl, das mir die Kindheit verdorben hat: dem Grauen vor der Nacht. Oft habe ich mich in meinen schlaflosen Stunden rund um die Welt gefragt, ob nicht auf mir der Fluch jenes mythischen Hauses aus einer glücklichen Welt lastet, in der wir jede Nacht starben.“ Die Einsamkeit dürfte Gabriel García Márquez auch in seinen letzten Jahren begleitet haben, die Einsamkeit des Alters. Und nun die einer möglichen Demenz. Die Tragik ist, dass er darüber wohl nicht mehr schreiben kann. Dass er die „scheuen Geister der Poesie“, wie er sie in seiner Nobelpreisdankesrede genannt hat, nicht mehr herbeizurufen vermag, um mit ihnen die „tauben Kräfte des Todes" zu besiegen.

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