Kultur : Demo gegen Rechts: Die Würde der Demonstration war antastbar

Frank Jansen

Die Zahl war gigantisch: 350 000 Demonstranten zogen am 8. November 1992 durch Berlin, um gegen die explosionsartige Zunahme fremdenfeindlicher Gewalt zu protestieren. Erschreckt hatten vor allem die Krawalle in Rostock, wo neun Wochen zuvor junge Rechtsextremisten unter dem Beifall der Bevölkerung ein Asylbewerberheim tagelang attackiert und schließlich in Brand gesteckt hatten. Die Reaktion der Demokraten: Zahllose Politiker, die Kirchen, Gewerkschaften, Parteien und andere Institutionen riefen zu der Großdemonstration auf. Bundespräsident Richard von Weizsäcker übernahm die Schirmherrschaft. Als Motto wurde der Leitspruch in Artikel 1 des Grundgesetzes ausgewählt: "Die Würde des Menschen ist unantastbar".

Bei schönem Herbstwetter fand sich neben Richard von Weizsäcker fast die gesamte Führungsschicht der deutschen Politik in Berlin ein. Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth, Bundeskanzler Helmut Kohl, mehrere Bundesminister, nahezu alle Regierungschefs der Länder waren in die Hauptstadt gekommen - nur die CSU hatte sich verweigert.

Aber auch die Linken hatten Probleme. Traten in Berlin nicht viele Politiker auf, die sich für eine Änderung des Grundgesetzes aussprachen, um das Asylrecht zu verschärfen? 200 bis 300 Autonome praktizierten im Lustgarten dann antirassistischen Protest auf ihre Weise.

In unauffälliger Alltagskleidung schoben sie sich bis zur Bühne vor, auf der Bundespräsident von Weizsäcker seine Ansprache vortrug. Eier flogen, Farbbeutel, auch ein paar Steine. Die Autonomen skandierten "Heuchler, Heuchler", Polizei und Bundesgrenzschutz, mit 3500 Mann im Einsatz, waren machtlos. Von Weizsäcker musste seine Rede unter dem Schutz von Plastikschilden und Regenschirmen halten. Der ehemalige SPD-Vorsitzende Hans-Jochen Vogel wurde zu Boden gerissen, ein BGS-Mann gab Warnschüsse ab. Die Polizei konnte allerdings nur 14 Personen festnehmen.

Nicht nur die Krawalle selbst, sondern auch die dramatischen Fernsehbilder überlagerten den Gesamteindruck einer riesigen, überwiegend friedlichen Manifestation. Die kurze Zeit später beginnenden Lichterketten waren denn auch ein Versuch, "normalen" Bürgern einen Straßenprotest gegen Fremdenfeindlichkeit zu ermöglichen, der von militanten Linken nicht zu Ausschreitungen genutzt werden konnte.

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