Kultur : Den Körper befreien

Anna Halprin tanzt ihr Leben: ein Filmporträt

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Anna Halprin hat ihr Leben lang getanzt – und sie tut es heute noch. Zum 90. Geburtstag der Tanzpionierin aus Amerika kommt nun das Filmporträt „Breath Made Visible“ von Ruedi Gerber ins Kino. Der Schweizer Filmemacher lässt die Amerikanerin mit den jüdischen Wurzeln nicht nur von ihrer unermüdlichen künstlerischen Suche erzählen – ihr ganzes Leben wird in den Tänzen sichtbar. Der Film zeigt die Kapriolen der jungen Anna, die wilden Happenings und Experimente der Sechziger, und er zeigt Halprin in ihren Achtzigern, wie sie versunken unter einem kalifornischen Mammutbaum tanzt. „Breath made visible“ – Atem, der sichtbar gemacht wird, das ist Halprins Definition von Tanz. Die Kamera fängt ihn wunderbar ein, diesen Atem.

Auf der Sonnenterrasse ihres kalifornischen Domizils haben sie alle nach einem neuen Ausdruck gesucht: Merce Cunningham, Trisha Brown, Yvonne Rainer und andere New Yorker Avantgardisten – bis sie in den letzten Jahren von einer jüngeren Künstlergeneration neu entdeckt wurden. Halprin, das zeigt der Film, ist auf ihre Art eine Radikale. Die Befreiung des Körpers aus den Fesseln der Konvention – das ist der Impetus ihrer Arbeiten. Ihr Stück „Parades & Changes“ provozierte 1965 einen Skandal: Wegen der nackten Tänzer konnte das Stück in den USA mehr als 25 Jahre lang nicht gezeigt werden. Tanz ist bei ihr immer Ausdruck einer tiefen Verbundenheit – mit der Natur, mit anderen Menschen, einem Kollektiv. Ihre Arbeiten zeichnen sich durch hohes soziales und politisches Bewusstsein aus. Später fing sie an, auch die psychischen Energien zu erforschen. So stand sie in kreativem Austausch mit Fritz Pearls, dem Begründer der Gestalttherapie.

Anna Halprin glaubt an die transformierende Kraft ihrer Kunst. Im Alter von 50 Jahren erkrankte sie an Krebs, den Weg zur Heilung hat sie sich buchstäblich freigetanzt. Der Film dokumentiert dies auf bewegende Weise: „Before I had cancer I lived my live for my art, after I had cancer I lived my art for my life“, sagt sie. Früher lebte sie für ihre Kunst, jetzt tanzt sie um ihr Leben. Halprin, die Philosophin, die Kämpferin, die Heilerin: Gerbers Film zeigt alle Facetten dieser außergewöhnlichen Frau. Sandra Luzina

Babylon Mitte, Broadway, Filmtheater am Friedrichshain

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