"Den Menschen so fern" mit Viggo Mortensen : Fremd im eigenen Land

Wanderung durch die Ödnis: Viggo Mortensen und Reda Kateb spielen in „Den Menschen so fern“ zwei gegensätzliche Männer, die im ausbrechenden algerischen Kolonialkrieg Gemeinsamkeiten entdecken.

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Im Kampf mit sich selbst: Lehrer Daru (Viggo Mortensen). Foto: Arsenal Film
Im Kampf mit sich selbst: Lehrer Daru (Viggo Mortensen).Foto: Arsenal Film

Albert Camus reiste als einer der Ersten zu den Nomadenstämmen im Süden seines Heimatlandes Algerien und schrieb über sie. In Algier, wo er in einfachsten Verhältnissen aufgewachsen war, lebte er Tür an Tür mit der arabischen Bevölkerung. Die Entdeckung seines Schreibtalents verdankte der Nachfahr armer spanischer Einwanderer seinen französischen Lehrern. Anfangs selbst Lehrer, blieb Albert Camus zeitlebens ein glühender Bewunderer des französischen Schulsystems. Sein Ideal war das friedliche Miteinander aller Ethnien und Klassen unter der Mittelmeersonne – in den letzten Jahren aber vor seinem frühen Tod 1960 wurde er von allen Seiten angegriffen, wenn er sich öffentlich für die Gleichberechtigung der Araber und das Existenzrecht der Pieds-noirs, der Algerienfranzosen einsetzte.

„Den Menschen so fern“, die freie Adaption der Erzählung „Der Gast“ aus Camus‘ Spätwerk, führt diese visionäre Außenseiterhaltung im ausbrechenden Kolonialkrieg wie unter einem Brennglas zusammen. Der Film des französischen Drehbuchautors und Regisseurs David Oelhoffen, erst der zweite lange Spielfilm des 47-Jährigen, will nicht mehr sein als ein Freundschaftsdrama unter ungleichen Männern, eine Abenteuerreise durch feindliches Territorium, eine Begegnung mit der spröden Schönheit der Steinwüste des Atlas-Gebirges, und doch gelingt diesem Western – so die treffende Zuschreibung eines amerikanischen Online-Magazins – mehr. Die komplizierte Vorgeschichte der postkolonialen Attacken, die unsere Gegenwart prägen, scheint darin wie in einem Lehrstück auf. Das Beste an diesem hinreißenden Film: Er gibt den Widersprüchen Raum und bleibt bei seinen Protagonisten, zwei Gefährten wider Willen.

Der arrogante Einzelgänger und der Demütige

Daru (Viggo Mortensen), ein französischer Major der Reserve, lebt im Atlas-Gebirge, Tagesreisen von der Oase seiner Kindheit entfernt, zurückgezogen und beinahe mönchisch als einsamer Landschullehrer. Den französischen Behörden verdächtig, weil er gut Arabisch spricht, ausschließlich arabische Kinder unterrichtet und Getreide an sie verteilt, wird er genötigt, den Befehl der örtlichen Gendarmerie auszuführen und einen an einem Strick herbeigeführten Mörder in die Kreisstadt Tinguit zu überstellen.

Daru pflegt den fiebernden jungen Araber Mohamed (Reda Kateb), schließt die geliebte Schule und macht sich zu Fuß mit ihm auf den Weg durch das Gebirge, sichtlich verächtlich gegenüber dem Fremden, dem er „Mut“ und „Ehre“ – französische Tugenden! – abspricht.

Große Landschaftsbilder in zahllosen Brauntönen, dazu intimere Szenen, in denen die Männer angesichts der kalten winterlichen Regenschauer Unterschlupf suchen, prägen die Atmosphäre des Films. Der arrogante Einzelgänger und der demütige und doch willensstarke Mohamed beginnen bruchstückhaft, einander zu erzählen – beide in gefärbtem französischem Idiom (einer differenzierenden Dimension, die unbedingt dazu einlädt, diesen Film in der Originalversion mit Untertiteln zu sehen). Daru, selbst Nachfahr spanischer Einwanderer, fühlt sich wie der junge Araber fremd im eigenen Land. Schließlich sind es Feindbegegnungen, wenige im Höhlengelände inszenierte Actionszenen, in denen der Lehrer und sein Gefangener ihre Stärken auf Augenhöhe kennenlernen.

Flächenbrand Kolonialkrieg

Mohamed tötete einen Cousin, der Schutzgeld von seiner verarmten elternlosen Familie eintreiben wollte. Um die jüngeren Brüder vor der verhängnisvollen Mechanik der Blutrache zu schützen, opfert Mohamed sich selbst: Er will sich der französischen Strafjustiz ausliefern und durch seine Hinrichtung weitere Rachetaten bannen.

Daru seinerseits wird mit arabischen Ex-Untergebenen aus dem Zweiten Weltkrieg konfrontiert, als die Gefährten in die Hände von Rebellen geraten. Sie zollen ihm zwar immer noch militärischen Respekt , schicken ihn aber auch als ihre Geisel in die Schusslinie eines angreifenden Trupps französischer Soldaten. Zwischen die Fronten geraten, spricht der kriegsmüde Daru aus, was er sieht: Kriegsverbrechen auf beiden Seiten des sich zum Flächenbrand weitenden ausbrechenden Kolonialkrieges.

Am Ende, wenn „Den Menschen so fern“ seine erhellende Lektion in Sachen Algerienkrieg verlässt und zu Albert Camus’ großem Thema der menschlichen Entscheidungsfreiheit zurückkehrt, finden die beiden Außenseiter einen Ausweg aus der Todesspirale, der nicht ohne Opfer bleibt.

OmU: Filmkunst 66, Filmrauschpalast und fsk am Oranienplatz

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