Kultur : Den Osten träumen

Christina Tilmann

Sie haben Modestrecken für die Zeitschrift „Sibylle“ fotografiert oder Aktfotos für „Das Magazin“. Ihre Fotos und Fotoserien tragen Titel wie „So sind wir“ (Bernd Lasdin), „Zusammen leben“ (Ute Mahler) oder „Häuser und Gesichter“ (Helga Paris). Doch Fotografie in der DDR war stets mehr als nur Auftragsarbeit: Sie zeichnet ein schonungsloses Bild des Lebens, erstaunlicherweise fast unbehelligt von staatlicher Zensur. Helga Paris fotografierte heruntergekommene Straßen in Halle, Ulrich Wüst dokumentierte Bausünden der DDR und Gundula Schulze el Dowy zeigt den sozialistischen Menschen als Antihelden. Natürlich sind westliche Vorbilder erkennbar: der poetische Realismus eines Henri Cartier-Bresson, die Bauhaus-Fotografie oder der Realismus einer Diane Arbus oder eines Robert Frank. Doch mindestens ebenso stark war der Wille, das Eigene zu finden, oft verbunden mit gehörigem Sinn für Situationskomik. Da spielen zwei Mädchen Marilyn über dem Berliner U-Bahnschacht (Konrad Hoffmeister), Katja Worch beobachtet Arbeiter der Leuna-Werke beim Seilspringen in der Pause, und auf der Spree zieht gemächlich ein Frachter namens Traumland entlang (Evelyn Richter).

Unter dem Titel „Utopie und Wirklichkeit“ hat die Berliner Galerie argus fotokunst gemeinsam mit dem Forum für Fotografie Köln nun eine Überblicksausstellung von 30 Fotografen zusammengestellt, die die ostdeutsche Fotoszene von 1956 bis 1989 umfasst und demnächst im Berliner Willy-Brandt-Haus zu sehen ist (18. 3. – 24.4, Di – So, 12– 18 Uhr). Dem Katalog (hg. von Norbert Moos, Kettler-Verlag, Bönen, 196 Seiten, 34,80 €) entnehmen wir die Bilder der folgenden Seiten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben