Kultur : Den Tod verbieten

Der Fall Grigorij Grabowoj: Russland und seine Wunderheiler

Elke Windisch

Er hört auf den gleichen Vornamen wie Rasputin, schlägt den Wunderheiler der letzten Zarenfamilie an Dreistigkeit jedoch um Längen: Grigorij Grabowoj, der sich als Reinkarnation Christi verehren lässt und den Müttern von Beslan die Wiederauferstehung ihrer beim Geiseldrama 2004 gestorbenen Kinder versprach. Jetzt droht dem Adepten ein ähnlich unrühmliches Ende wie Meister Rasputin, der 1916 in St.Petersburg erschlagen und in die Moika geworfen wurde: Letzte Woche wurde er in Moskau verhaftet. Die Anklage lautet auf mehrfachen Betrug in besonders schwerem Ausmaß.

Die Affäre verrät viel über die aktuelle mentale Verfassung der russischen Gesellschaft. Denn der Skandal um die toten Kinder von Beslan ist nur das eine. Die erste Welle pseudochristlicher Sekten überrollte Russland schon während der Perestroika Ende der Achtziger und zu Beginn der Jelzin-Ära Anfang der Neunziger, als Preisfreigabe und Hyperinflation die Sparguthaben vernichtete. Damals wurden vor allem Ältere, Überexaltierte und eher einfach gestrickte Gemüter Opfer von selbsternannten Gurus und anderen Scharlatanen. Im Fanclub des 43-jährigen, in Kasachstan geborenen Grabowoj, der sich auf seiner Homepage mit gut zwei Dutzend akademischen Titeln und diversen Gastprofessuren schmückt, finden sich aber eher solide Herrschaften: Männer und Frauen aus den besten Kreisen der Gesellschaft.

Beispiel: Galina Scharina, seit über 20 Jahren im Schuldienst und mit dem Titel Verdiente Lehrerin des Volkes geehrt. Vor laufender Kamera des Staatssenders RTR berichtete Scharina Mitte März, sie habe nach diversen Erweckungsseminaren, bei denen Grabowoj seine Anhänger „magische“ Zahlenkolonnen herbeten lässt, ihren Sohn, die Schwiegertochter und eine Schwester in die Oberwelt zurückgeholt. Grabowoj, sekundierte ein weiterer Pädagoge, sei nicht nur der künftige Präsident Russlands, der 2008 als erste Amtshandlung ein Gesetz wider den Tod erlassen würde. Er sei der Herrscher eines universellen Lichtreichs, das bald kommen werde.

Dass die aus dem Schattenreich Heimgekehrten bisher keinen Kontakt zu ihren Familien aufnahmen, stört Grabowojs Jünger nicht. Ihre Lieben, so Lehrerin Scharina, seien bis auf weiteres in geheimer Mission im Ausland unterwegs. Mit Heilsprojekten, die von der Unesco, vom Kreml, Außerirdischen und natürlich von IHM gesponsert würden. Die meisten Untoten, predigt Grabowoj, wollen erst zurückkommen, wenn sich die Zustände in Russland gebessert hätten. Nach seiner Machtübernahme. Eben darum, so glaubt ein Teil der Mütter von Beslan, irren ihre Kinder jetzt womöglich im brasilianischen Regenwald herum.

An diesen Spekulationen zerbrach die Einheitsfront der Mütter von Beslan, die rückhaltslose Aufklärung der Katastrophe forderten. Etliche verlassen sich inzwischen lieber auf Meister Grigorij. „In zynischer, unverantwortlicher Weise“, so Ella Kessajewa, Sprecherin des Anti-Grabowoj-Flügels, habe der Guru ihre Leidensgenossinnen manipuliert. Viele vermuten in Grabowoj einen Geheimdienstler, dazu auserkoren, die Bewegung der Mütter in den Augen der Öffentlichkeit unglaubwürdig zu machen.

Merkwürdig ist an der Causa Grabowoj in der Tat manches. Dass der falsche Prophet den Fahndern erst jetzt ins Garn ging, begründet die Staatsanwaltschaft damit, dass sein Aufenthaltsort unbekannt war. Dabei war das russische Fernsehen live dabei, als Grabowoj und dessen Anhänger am 17. März eine Partei gründeten. Nicht im Untergrund sondern im Hauptgebäude der russischen Akademie der Wissenschaften am Moskauer Lenin-Prospekt. Und wo die Wiedererweckungsseminare stattfinden, ist auf Grabowojs bis heute nicht gesperrter Website nachzulesen: im Moskauer Hotel Kosmos. Durch dessen Hintereingang wurde er am Donnerstag auch in Handschellen abgeführt.

Nun hoffen seine Fans, er werde sich durch Teleportation bald wieder in die Freiheit beamen. Obwohl für derartige Sonderoperationen laut sekteninterner Hackordnung eigentlich die Nummer zwei zuständig ist: Orusvagia Lira, die Göttin des Lichts, der Liebe und Güte, himmlische Ex-Gemahlin Grabowojs mit dem bürgerlichen Namen Raissa Kaschubina. Sie ist Rektorin zweier Privatuniversitäten in Moskau mit 700 Studenten. Nachts absolviert sie angeblich Flüge – darunter auch interstellare – tagsüber läuft sie momentan jedoch an Krücken. Der Grund: Unbekannte schlugen sie Anfang März zusammen. Kaschubina hat den Ex-Göttergatten in Verdacht: Beide haben seit längerem Differenzen über die Gewinnaufteilung, und die Anwälte wittern fette Beute.

Grabowojs Wiederauferstehungsseminare, die inzwischen in 50 der 88 russischen Regionen stattfinden, sind überfüllt. Jeder Teilnehmer zahlt 2000 Rubel (60 Euro); an guten Abenden sammeln die „Apostel“ landesweit bis zu 20 000 Euro ein. Richtig teuer sind Einzel-Sitzungen; sie kosten umgerechnet 1157 Euro. Die Summe von 39 100 Rubeln steht für die Heilige Drei-Neuner-Einheit des zehnten Staates. Noch Fragen?

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