Kultur : Denken für Amerika

Sarah Khan interpretiert die Serie „Dr. House“.

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Die Fans von „Dr. House“ mögen vor dem Weiterlesen kurz inne- und sich festhalten: Die TV-Serie ist gar keine Krankenhausserie! Das ist die Prämisse, auf der Sarah Khans Essay „Dr. House“ basiert. Wenn es also in Wirklichkeit – was immer das sein kann im Imaginären der Bilder – nicht um tödliche Krankheiten, medizinische Fragen und dramatische Rettungen in letzter Minute geht, um was geht es dann?

Khan interpretiert die Serie als „mentales Trainingscamp“, eingerichtet, um die amerikanische Bevölkerung nach dem 11. September geistig auf Trab zu bringen. Der begnadete Diagnostiker Dr. House steht dabei nicht nur in bester Krimi-Tradition – Serienschöpfer David Shore sparte nicht mit Anspielungen auf Sherlock Holmes. Khan zufolge reanimierte er auch den amerikanischen Pragmatismus. Der eigentliche Patient dieser Serie, so die Berliner Autorin, sei die Denkfähigkeit Amerikas, die es fit zu machen galt – nicht zuletzt für einen Machtwechsel im Weißen Haus. Man könne „Dr. House“ daher auch als Vorbereitung auf einen Präsidenten Obama und als intellektuelle Ausbildungsstätte für spätere Präsidentschaftskandidaten verstehen. Tatsächlich warb die Serie mit dem Poster „Vote for Change 08“ für den Kandidaten der Demokraten.

Sarah Khan hat 2012 den Michael-Althen-Preis für ihren Text über eine „Dr. House“-Episode erhalten – benannt nach dem 2011 viel zu jung verstorbenen Filmkritiker der „FAZ“.

Hier beschrieb sie, wie der plötzliche Tod ihres Bruders ihr Verhältnis zur Serie veränderte: Sie war trotz wöchentlichen Medizinstudiums bei Dr. House „eben doch keine Diagnostikerin geworden“ und hatte die Krankheitszeichen nicht erkannt. Vielleicht gründet der ungewöhnliche Blickwinkel ihres Essays in dieser Erfahrung. Doch auch jenseits dieser Spekulationen ist der Autorin zuzustimmen: „Sobald man einen abwegigen Gedanken zulässt, selbst wenn er am Ende aller Tage falsch ist, hat man neuen Spielraum gewonnen.“ Das Buch als kreativer Freiraum reinszeniert das mentale Trainingscamp: Als kluge und unterhaltsame Entschlüsselungsfantasie muss es nicht der Weisheit letzter Schluss sein, um beim lustvollen Nachdenken über diese Serie einen hohen diagnostischen Wert zu entfalten. Elke Brüns

Sarah Khan:

Dr. House.

Diaphanes, Zürich/Berlin 2013.

112 Seiten, 10 €.

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