Kultur : Denken, schreiben, trinken

Wie die Boheme nach Kreuzberg fand: Der Schriftsteller Robert Wolfgang Schnell wird wiederentdeckt

Andreas Schäfer

Die Idee ging zwar nicht auf, aber immerhin war der Mythos Kreuzberg geboren. 1959 gründete der Maler, Schauspieler und Schriftsteller Robert Wolfgang Schnell zusammen mit dem Lyriker Günter Bruno Fuchs und dem Bildhauer Günter Anlauf die Galerie „Zinke“ in der Kreuzberger Oranienstraße, in der sich schon kurz darauf Künstler aus Ost und West trafen: Günter Grass, Manfred Bieler, Johannes Bobrowski, Hermann Kant. Die Ortswahl war Programm. Es ging – stramm avantgardistisch – um die Versöhnung von Kunst und Leben. Konkret sollte den Proletariern des „armen Kreuzberg“ Kultur vermittelt werden.

Doch das Konzept scheiterte. Erstaunt mussten die Kulturvermittler feststellen, dass der Mann von der Straße keineswegs an der Verschmelzung von Kunst und Leben interessiert war. Ein Arbeiter sagte zu Schnell, dass die ausgestellten Arbeiten „Scheiße“ seien. Ein Drucker klärte ihn sogar darüber auf, dass Kunst nur sei, wenn jemand Rembrandt genau nachmalen könne. „Wir wollten das eigentlich für die Kreuzberger machen. Sie kamen aber so selten zu uns, wie sie ins Museum gingen“, stellte Schnell später fest. Ohne Überbau blieb immerhin der Alkohol. Und die Epigonen. Als die Galerie im Sommer 1962 geschlossen wurde, war in Kreuzberg die Subkultur Mode, und weil sich vor allem Maler einfanden, war bald vom „Kreuzberger Montmartre“ die Rede.

Schnell, Berlins buntester Vorzeigebohemien, wohnte inzwischen in Charlottenburg und verfasste über die „Zinke“-Zeit mit Ende vierzig seinen ersten Roman „Geisterbahn“, mit dem er explizit „gegen den kapitalistischen Kulturbetrieb“ anschrieb. Es folgten Erzählungsbände, in denen die Helden meist aus der Unterschicht stammten, 1968 der später auch verfilmte Erfolgsroman „Erziehung durch Dienstmädchen“, Dreh- und Kinderbücher. Doch als Schnell am 1. August 1986 kurz nach seinem 70. Geburtstag starb, war er ein vergessener Autor, der freilich auf verschwenderische Weise selbst mit dem Vergessenwerden kokettiert hatte.

Denn Schnell hasste alles „Literarische“, Kneipenferne, also das, was an Büchern überlebt, und liebte die Rolle des Außenseiters. Er war 1916 als Sohn einer bürgerlichen Familie in Wuppertal geboren worden und verwendete bis zu seinem Tod den Großteil seiner Kraft darauf, gegen dieses so genannte Bürgertum anzukämpfen und sich als Theken-Intellektuellen zu stilisieren. Nicht ohne Witz. Auf die Einladung zu einem Geburtstag schrieb er: „Wer bis 15 Uhr nicht besoffen ist, muss selber zahlen.“

Wahrscheinlich brachte dieses soziale Engagement den SPD-nahen Parthas Verlag auf die verdienstvolle Idee, Schnells Bücher neu herauszugeben. Nach „Erziehung durch Dienstmädchen“ über seine Wuppertaler Kindheit und die fehlgeschlagene November-Revolution und einem Gedichtband ist jetzt aus dem Nachlass der unvollendete Roman „Das Leben des Heiligen Hermann Katz“ erschienen, der literarisch anspruchsvoller ist, als es Schnells eindimensionale Vorstellung eines ambitionierten Herz-am-rechten-Fleck-Realismus vermuten lässt. „Ich wollte nie Kunst machen. Wer diese Absicht hat, der ist für jede Erkenntnis verloren“, schreibt er in einer Selbstaussage. „Literarisches bewegte mich nie.“

In den „Katz“-Roman gelangt die polemische Kunstfeindlichkeit glücklicherweise nur in homöopathischer Kalauerdosierung: „Er war zu gebildet, seinen Weg nach dem eines gerade vorbeikommenden Hundes zu nehmen. Er wollte leben. So, ohne weiteres. Ungeachtet aller Schwierigkeiten. Ein Hund war ihm schon zu literarisch. Das hatte er bei Unamuno gelesen.“ Die Rede ist von Hermann Katz, einem in Wuppertal lebenden jungen Mann, dessen Entwicklung Schnell von 1921 bis 1932 verfolgt. Die Atmosphäre zu Hause ist beklemmend. Die Mutter neigt zur Weinerlichkeit, der Vater ist deutschnational und legt, als der junge Hermann seine Malerfreundin nach Hause bringt, in einem unbeachteten Moment die Hand auf ihr Gesäß.

Hermann schreibt Gedichte, leidet unter seinen Lehrern, lässt sich mit resoluten älteren Frauen ein und genießt den Rotwein unter dem Mansardendach, während die Dame für ihn die Hausaufgaben erledigt. Schnell macht keine großen Umstände, lässt seine plastischen Figuren viel sprechen, meidet Anekdoten und jede Form von Beschreibung. Das Buch, ein Zwitter aus Bildungs- und Schelmenroman, lebt vor allem von dem gewitzten Blitzen zwischen den Zeilen, das man auch auf den harmlos wirkenden Autorenporträts aus Schnells Augenwinkeln schießen sieht.

Im Leben war Schnells Zuflucht aus der Bürgerenge die Kneipentheke. Im Roman übernimmt die Erotik die Rolle des Trostes. Hermann, hilflos und rigoros zugleich, lässt sich vom Duft der Frauen bis nach Rostock leiten, wo er in die unpoetischen Geheimnisse der Zuhälterei eingeführt wird, bevor er nach Wuppertal zurückkehrt, kurz bevor die Nazis die Macht übernehmen. Schnells direkter, ansatzloser Stil mag durchaus proletarisch wirken. Aber das Rascheln der Kleider, die angedeuteten Interieurs, der weiße Sand auf Sylt und vor allem Schnells Selbstironie – das alles ist zur Freude des Lesers viel bürgerlicher, als der Autor es sich eingestehen wollte.

Robert Wolfgang Schnell. Das Leben des Heiligen Hermann Katz. Roman. 280 S., 24 €. Erziehung durch Dienstmädchen. Roman. 208 S., 24 €. Erschließung der Wirklichkeit. Gedichte. 250 S., 24 €. Parthas Verlag, Berlin 2006.

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