Kultur : Der Agitator - warum das politische Chamäleon HME sich stets treu geblieben ist

Harald Martenstein

Es ist nicht mein Medium. Das hat Hans Magnus Enzensberger über das Fernsehen gesagt. In der Tat. Hans Magnus Enzensberger ist in Deutschland wahrscheinlich der letzte einflussreiche Intellektuelle, der seinen Einfluss ganz allein der Kraft seiner Worte verdankt.

Desillusioniert und ungebunden: So betritt der junge Enzensberger die Bühne der jungen Bundesrepublik. Er ist, wie es scheint, ein typischer Vertreter der skeptischen Generation. Enzensberger inszeniert sich als Dandy, sein Zorn kennt noch keine Richtung. Die Kulturindustrie bietet ihm, dem erfolgreichen, aber nicht ganz ausgefüllten Lyriker, beides: ein Podium und ein Thema. Enzensberger schreibt fast überall, verfasst kritische Essays über die "Sprache des Spiegel" und über die "FAZ", er macht mit in der Initiative "Gegen den Atomtod" und wirbt 1961 vergeblich für einen Wahlsieg von Willy Brandt. 1965 aber, als deutsche Autoren ein "Wahlkontor" für Brandt gründen, ist er nicht mehr dabei. Enzensberger hat sich radikalisiert, er steht jetzt weit links von der SPD. Am Ende des Jahrzehnts predigt er die Revolution, vergleicht die USA mit Nazi-Deutschland und geht für ein Jahr nach Kuba.

In den Siebzigern bleibt er links, verabschiedet sich aber von einigen Illusionen. Enzensberger schreibt, als einer der ersten, ein bisschen postmodern. An die Stelle des "Kursbuch" tritt 1980 das elegante Magazin "TransAtlantik", sein neues Forum, mit einer Rubrik, die sich provokativ "Journal des Luxus und der Moden" nennt. Enzensberger argumentiert jetzt antiutopisch, manchmal beinahe konservativ. In dem Band "Mittelmaß und Wahn" macht er seinen Frieden mit der Bundesrepublik. 1990 begrüßt er - anders als die meisten westdeutschen Intellektuellen - das Ende der DDR und die Wiedervereinigung.

Enzensberger polemisiert jetzt gegen den Mißbrauch des Asylrechts, die Eventkultur und die Musikberieselung in den Städten, er denkt über Krieg und Haß als Konstantanten menschlichen Verhaltens nach, vergleicht Saddam Hussein mit Adolf Hitler. "Es ist an der Zeit", schreibt Enzensberger in den Neunzigern, "sich von moralischen Allmachtsphantasien zu verabschieden".

Ja, Hans Magnus Enzensberger hat sich den Luxus geleistet, fast alle Moden mitzumachen. Die Irrtümer und die Erkenntnisse, die geistigen Siege und Niederlagen, alles seins. War er ein "Zeitgeistsurfer", wie Jörg Lau es nennt, der Autor seiner gerade erst bei Alexander Fest erschienenen Biographie? Die üblichen, moralisierenden Kategorien - Verrat, Anpassung - versagen bei Enzensberger. Denn er hat sich selten ganz und gar auf eine Sache eingelassen, es blieb meist ein kühler Abstand. Enzensberger hielt Distanz sogar zu seinen eigenen Haltungen. Weil er nie kopflos begeistert war, konnte er sich korrigieren, ohne das Gesicht zu verlieren. Wer Enzensberger-Essays der sechziger und der neunziger Jahre vergleicht, hört unterschiedliche Melodien, aber exakt den gleichen Sound - ironisch, sarkastisch, giftig, oft heiter, meistens grundiert von Zweifel. Enzensberger hat in seine Essays den möglichen Widerruf immer bereits eingearbeitet, als Subtext. Enzensberger, der Zeitgeistsurfer, ist in all diesen Jahrzehnten er selbst geblieben: ein skeptischer Dandy.

Er ist verdammt schnell. Den Zeitgenossen immer einen Schritt voraus, aber nie außer Sichtweite. Er wurde früher linksradikal als die meisten anderen, und kehrte dafür auch früher in den Schoß der Bundesrepublik zurück. 1963, als er den Büchner-Preis bekommt, fordert er in seiner Festrede die Bundesrepublik zu einer Art Marshall-Plan zugunsten der DDR auf, 1966 denkt er über eine Konföderation der beiden deutschen Staaten nach. 1973 ruft Enzensberger in seinem "Kursbuch" die Ökologie zum Leitthema der kommenden Jahre aus, in den 60ern begrüßt er die neuen Medien, die Sender und Emfänger zugleich und "ihrer Struktur nach egalitär" sein würden. Enzensberger beschreibt das Internet, das noch nicht einmal einen Namen hat.

Wer Enzensberger seine Wendungen vorhalten will, muß auch zugeben: Er hat einige Male grandios Recht behalten. 1966 schreibt er sich ins Kursbuch: "Bekenntnissen ziehe ich Argumente vor. Zweifel sind mir lieber als Sentiments. Widerspruchsfreie Weltbilder brauche ich nicht. Im Zweifelsfall entscheidet die Wirklichkeit."

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