Der Anfang aller Avantgarde : Tohuwabohu, Totentanz, Triumph: 100 Jahre Dada

Am 5. Februar 1916 eröffnete in Zürich das Cabaret Voltaire, mit Hugo Ball, Emmy Hennings und Max Oppenheimer. Der Begriff Dada klang international - und bedeutete absolut gar nichts.

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Das Gemälde "Der Weltkrieg" von Max Oppenheimer (1916).
Das Gemälde "Der Weltkrieg" von Max Oppenheimer (1916).Foto: © Arp Museum / Museum of Modern Art

Die Revolution kündigte sich leise an, mit einem Hinweis in der „Neuen Zürcher Zeitung“. „Das Prinzip der Künstlerkneipe soll sein“, heißt es in der von Hugo Ball formulierten Ankündigung, „dass bei den täglichen Zusammenkünften musikalische und rezitatorische Vorträge der als Gäste verkehrenden Künstler stattfinden, und es ergeht an die junge Künstlerschaft Zürichs die Einladung, sich mit Vorschlägen und Beiträgen einzufinden.“ Ball, ein deutscher Theaterdramaturg und Schriftsteller, der seit 1915 in der Schweiz lebte, wollte Zirkusdirektor in einer literarisch-künstlerisch-politischen Manege werden. Nur fehlten ihm noch ein paar Artisten.

Der "Stern des Cabarets" singt den "Totentanz"

Als am 5. Februar 1916 die Künstlerkneipe Voltaire, bald Cabaret Voltaire genannt, in der Züricher Spiegelgasse eröffnet wird, stehen neben dem Großen Zampano Hugo Ball und seiner Lebensgefährtin, der Kabarettistin Emmy Hennings der Schriftsteller Tristan Tzara sowie die Maler und Bildhauer Hans Arp, Marcel Janco und Max Oppenheimer auf der Bühne. Sie rezitieren, deklamieren, singen, tanzen, manchmal nacheinander, manchmal durcheinander. Gelesen werden Verse von Kandinsky und Else Lasker-Schüler, Hennings, „Stern des Cabarets“, singt Balls kriegsmüden „Totentanz“: „So sterben wir, so sterben wir / Wir sterben alle Tage / Weil es so gemütlich sich sterben lässt.“ An den Wänden hängen frisch gemalte expressionistische, kubistische, futuristische Bilder. „Auf die Verbindung kommt es an und dass sie vorher ein bisschen unterbrochen wird“, sagt Ball, der seine Bühne zu einer „lebendigen Zeitschrift“ machen möchte.

„Das Publikum um uns schreit, lacht und schlägt die Hände über dem Kopf zusammen“, schreibt Arp über einen späteren Abend. „Wir antworten darauf mit Liebesseufzern, mit Rülpsen, mit Gedichten, mit ,Muh, Muh’ und ,Miau, Miau’ mittelalterlicher Bruitisten. Tzara lässt sein Hinterteil hüpfen wie den Bauch einer orientalischen Tänzerin.“ So beginnt vor hundert Jahren die Geschichte des Dadaismus: als Tohuwabohu und Hexensabbat. Man muss die Welt auseinandernehmen und neu zusammenfügen, dieses Postulat von Ball wurde zum wichtigsten Prinzip einer Bewegung, die mit ihrem fröhlichen Aktionismus sämtliche Avantgarden des 20. Jahrhunderts vom Surrealismus bis zum Punk prägen sollte.

Dada ist die beste Seife

Den Begriff Dada erfanden die Aktivisten erst im weiteren Verlauf des Jahres. Er klang international und bedeutete absolut gar nichts. „Dada ist die Weltseele, Dada ist der Clou. Dada ist die beste Lilienmilchseife der Welt“, heißt es im ersten dadaistischen Manifest. Die Mona Lisa, Grammofonschlager, ein Bach-Konzert, Zeitungswerbung: alles gleich schön. Von George Grosz, einem Protagonisten der zweiten Dada-Generation, heißt es, dass er stundenlang die Anzeigen der „Saturday Evening Post“ studierte. Sie seien die „ehrlichste Ausdrucksform, die die menschliche Spezies hervorgebracht“ habe.

Im nordöstlichen Frankreich tobt 1916 die Schlacht von Verdun, bei der 800.000 Soldaten sterben, ohne dass es zu einer größeren Verschiebung des Frontverlaufs kommt. In Zürich, der reichsten Metropole der neutralen Schweiz, herrscht Frieden. Menschen aus aller Herren Länder sind in der Stadt, die Bahnhofsstraße wird Balkanstraße genannt. Franzosen und Deutsche grüßen einander freundlich. Durch die Gassen laufen auch James Joyce und Wladimir Iljitsch Lenin, „steinernen Gesichts, eine unscheinbare Aktenmappe unterm Arm“, wie sich Emmy Hennings später erinnert. Es ist eine wilde, gefährliche Zeit, und ein Großteil der Dadaisten sind Davongekommene. Hugo Ball meldet sich 1914 freiwillig, wird ausgemustert und fährt auf eigene Faust an die Front in Lothringen. Was er dort in einem Lazarett erlebt, beendet die Kriegsbegeisterung. Richard Huelsenbeck, der zur Rampensau des Cabaret Voltaire aufsteigt, ist auf der Flucht vor den Musterungsbehörden.

Hugo Ball als "magischer Bischof".
Hugo Ball als "magischer Bischof".Foto: © Arp Museum / Hugo-Ball-Sammlung, Pirmasens

„Das Lokal war überfüllt“, schreibt Hugo Ball nach der Premiere. Kein Wunder, der Eintritt ist frei, Gebühren fallen nur für die Garderobe an. Finanziell kommen die Dadaisten auf keinen grünen Zweig. Ein Höhepunkt der Show ist das Simultangedicht, bei dem Huelsenbeck, Janco und Tzara nebeneinander auftreten und durcheinander Englisch, Deutsch und Französisch reden. Sprachen im Schlachtengetümmel. Der „Simultanismus“ (Theodor Däubler), die gleichzeitige Darstellung von eigentlich Unvereinbarem, wird zum zentralen Kunstmittel der Bewegung.

Im Juni 1916 tritt Hugo Ball als „magischer Bischof im kubistischen Kostüm“ auf. Weil er sich im röhrenförmigen Gewand kaum bewegen kann, muss er auf die Bühne getragen werden. Er rezitiert Verse ohne Worte. Lautgedichte, in denen der Dadaismus endgültig seine Sprache findet. „Die magisch erfüllte Vokabel beschwor und gebar einen neuen Satz“, jubelt Ball, „der von keinerlei konventionellem Sinn bedingt und gebunden war.“ Die Performance markiert einen Höhepunkt der Dada-Geschichte und nimmt gleichzeitig, so der Dada-Chronist Martin Mittelmeier, den Abschied vorweg.

Hugo Ball hat Burnout

Im Juli ziehen sich Hugo Ball und Emmy Hennings, erschöpft vom täglichen Cabaret-Betrieb, ins Tessin zurück. Ball wird sich später dem Katholizismus zuwenden. Anfang 1917 erlebt die Bewegung mit der Galerie Dada in der Züricher Bahnhofsstraße ein kurzes Revival, diesmal liegt der Schwerpunkt auf den Ausstellungen. „An den Soiréen werden hier Feste gefeiert von einem Glanz und einem Taumel, wie Zürich sie bis dahin nicht gesehen hat“, freut sich Ball. Doch die Avantgarde ist fast schon im Akademischen erstarrt, es kommt zu Fraktionsbildungen und Abspaltungen. Dada stirbt einen sanften Tod.

Um umso triumphaler wiederaufzuerstehen. Im November 1918 berichtet der amerikanische Reporter Ben Hecht, wie Arbeiter und Soldaten das Berliner Stadtschloss stürmen. Ihr Anführer Karl Liebknecht zieht sich aus, um sich barfuß und in langer Winterunterwäsche ins Bett des Kaisers zu legen. „Ich hörte die königlichen Sprungfedern quietschen, als Liebknecht seine Beine ausstreckte. Dann, als er sich umdrehte, um ein Buch zu nehmen, gab es plötzlich einen durchdringenden Lärm. Der spindelbeinige Nachttisch war unter dem Gewicht revolutionärer Literatur zusammengebrochen. Die Lampe schlug auf den Boden, und eine Birne explodierte. Die Soldaten flohen.“ Dadaismus als Budenzauber.

Aber Revolution ist nun keine Metapher mehr, im meuternden Deutschland wird wirklich geschossen. Die alte Ordnung des wilhelminischen Obrigkeitsstaats ist aus den Angeln gehoben worden, und bis im März 1919 der „Bluthund“ Gustav Noske die revolutionären Soldaten und Arbeiter zusammenschießen lässt, stehen auch die Künste Kopf. Es ist ein kurzer Winter der Anarchie und des Dadaismus. „Heute Socialist, morgen Egoist, heute Catolic, morgen Anarchist“, notiert Richard Huelsenbeck in seinem Tagebuch. Der Schriftsteller, ein „Kautschukartist“ (Martin Mittelmeier), kommt 1917 aus Zürich nach Berlin, um dort Dada zu installieren. Kann es eine bessere Hauptstadt der Bewegung geben als Berlin mit seinen immer zynischer gewordenen Kaffeehausliteraten?

Dilettanten erhebt Euch!

Im April 1918 präsentieren Hausmann, Grosz und Huelsenbeck ihr dadaistisches Manifest. „Dada will die Benutzung des neuen Materials in der Malerei“, lautet eine Aussage. Zum Material gehören Schlagzeilen und Fotos, ausgeschnitten aus Zeitungen und Magazinen. Die Fotomontage, eine Form des Wirklichkeitsrecyclings, wird von den Berliner Dadaisten erfunden. Ihr Auslöser ist angeblich ein „Militärgedenkblatt“ mit einem auf Kulissen geklebten Soldatenporträt, das Raoul Hausmann und seine Geliebte Hannah Höch entdecken.

„Nieder die Kunst – Dilettanten erhebt Euch gegen die Kunst!“, heißt die Parole der Ersten Internationalen Dada-Messe, die 1920 in der Galerie Burchard stattfindet. Eigentlich ist das Unternehmen ein Abgesang. Johannes Baader präsentiert eine Dada-Maschine, das „Plasto-Dio- Dada-Drama“, bedient von einer Schaufensterpuppe. Dada stirbt zum zweiten Mal und lebt weiter. Zum Beispiel in der Kunst des Hannoveraner Ein-Mann-Dadaisten Kurt Schwitters. Er erschafft kathedralenartige „Merzbauten“ und singt seine Ursonate: „Fümms bö wö tää zää Uu, / pögiff, / kwii Ee“. So erlangt er die Unsterblichkeit.

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