Der Berliner Designer Clemens Tissi ist tot : Der freie Spieler

Die Schönheit des schnellen Denkens: Zum Tod des Berliner Möbeldesigners und Ausstellungsarchitekten Clemens Tissi

Jens Müller
Design und Klassik. Clemens Tissi (1963 – 2016).
Design und Klassik. Clemens Tissi (1963 – 2016).Foto: laif

„Er war sehr vorwärtsblickend.“ Der Satz stammt von einem langjährigen Weggefährten, dem Berliner Design-Galeristen Hans-Peter Jochum.

Clemens Tissi, 1963 in der Schweiz geboren, Spross einer Musiker- und Architektenfamilie, gelernter Architekt, hatte ihn Ende der 1990er Jahre in seiner Galerie aufgesucht. Und weil Tissi nicht nur vorwärtsblickend, sondern auch mit allem sehr schnell war (mit 20 Jahren hat er das erste Haus gebaut), sollte es nicht lange dauern, bis sie ihre gemeinsamen Räume für erlesene Design-Möbel des 20. Jahrhunderts in der Alten Schönhauser Straße eröffneten, die damals noch nicht so aussah wie heute.

Nach fünf gemeinsamen Jahren würde Tissi seine neue Galerie in der Potsdamer Straße aufmachen, die auch noch nicht so aussah wie heute. Der schnelle Tissi würde seine Galerie schon wieder geschlossen haben, lange bevor die Potsdamer Straße dann zur neuen Berliner Galeriemeile ausgerufen würde. Noch vor dem Höhepunkt der Midcentury-Welle, wenn auch der letzte sich als kreativ begreifende Berliner verstanden haben würde, dass er es ohne einen Eames-Sessel nie auf den „Freunde von Freunden“-Blog schafft, würde Tissi dann plötzlich verkünden: „Vintage is over!“

Um sich fortan selbst als Designer minimalistischer Möbel – der Vergleich mit Donald Judd liegt nahe – zu betätigen. Bevorzugte Farbe: RAL 7035, Lichtgrau. Vom Schreiner aus MDF gefertigt, von Tissi höchstselbst handlackiert, also so, dass der Auftrag mit dem Pinsel und damit das Handwerkliche erkennbar bleibt. Tissi würde nicht länger Galerist sein, er würde nun selbst in Galerien ausstellen. Der mysteriöse Ausstellungstitel „ AZ 1670“ einer Clemens-Tissi-Ausstellung bei Schwarz Contemporary würde die Flugnummer eines Alitalia-Fluges sein. Das Flugzeug war in Rom von der Landebahn abgekommen und, weil manövrierunfähig, über Nacht von der Fluggesellschaft weiß übermalt worden. Die Alitalia-Logos und Farben des verunfallten Fliegers sollten nicht länger zu sehen sein. Mit „AZ 1670“ würde Tissi das Verborgene sichtbar machen.

Während der nächste Hype um die Design Art kurz bevorstand, würde Tissi nicht einfach seine Designmöbel in eine Kunstgalerie stellen (seinen Schreibtisch für die Galeristin ausgenommen). Er würde die Bilder der Künstler in „Bildkisten01“ legen, die Galeriebesucher würden sie öffnen müssen.

Für die Gruppenschau „2014BERLIN1109“ bei Jochum Rodgers würde Tissi eine Serie blauer Tische entwerfen. Tissis und Jochums letztes gemeinsames Projekt würde das Möbel „TISCH STUHL HAUS KREIDE“ für die New Yorker Galerie „kinder MODERN“ sein: ein mit Tafellack überzogenes Hybridmöbel (nicht nur) für Kinder. Tissi würde aber nicht nur Möbel gestalten, er würde die Ausstellungsarchitektur für die Neupräsentation der Sammlung des Berliner Bauhaus Archivs verantworten. Denn „Vintage is over!“, das würde Tissi natürlich auch ironisch gemeint haben.

Nach langer Krankheit ist Clemens Tissi in der vergangenen Woche gestorben, sozialen Netzwerken zufolge in der Nacht auf Freitag. Hans-Peter Jochum hatte vor Kurzem noch mit ihm gemailt. Er sagt: „Er hatte keine Angst. Er war sehr frei.“

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