Der Brexit und die Kultur : „Der Austausch darf nicht erschwert werden“

Rachel Launay, Direktorin des British Council Germany, spricht im Tagesspiegel-Interview über die Folgen des Brexit für Kultur und Bildung.

Auch Briten sind Europäer. In London und überall in Großbritannien warnen viele Kultureinrichtungen, Forschungsinstitutionen und Universitäten vor den Gefahren des Brexit.
Auch Briten sind Europäer. In London und überall in Großbritannien warnen viele Kultureinrichtungen, Forschungsinstitutionen und...Foto: AFP/Justin Tallis

In dieser Woche veröffentlichte das British Council ein Communiqué über die drohenden Folgen des Brexit für Kultur, Bildung und Wissenschaft, das von über 400 Institutionen und Personen aus ganz Europa unterzeichnet wurde. Rachel Launay, Jahrgang 1965, arbeitet seit über 20 Jahren beim British Council, seit 2014 als Leiterin des British Council Germany in Berlin. Im Interview mit dem Tagesspiegel spricht sie über die Notwendigkeit und die Anliegen des Appells.

Mrs. Launay, inwiefern sind auch Kultur und Wissenschaft vom Brexit bedroht?
Wir machen uns vor allem Sorgen um die Reisefreiheit zwischen Großbritannien und den EU-Ländern. Der kulturelle Sektor ist genau wie der Bildungs- und der Wissenschaftssektor seit Jahrzehnten international und hochmobil. Der wissenschaftliche Fortschritt und der Erfolg kultureller Projekte hängen in hohem Maß davon ab, dass die Menschen sich frei in Europa bewegen können. Deshalb stehen Aufenthaltsrecht und Reisefreiheit an erster Stelle unserer Empfehlungen.

Wofür genau sind sie überlebenswichtig?
Ein Beispiel: Das Künstlerprogramm des DAAD lädt seit über 50 Jahren Künstler aus der ganzen Welt nach Berlin, auch aus Großbritannien, ob bildende Künstler, Schriftsteller oder Musiker. Sie arbeiten drei Monate oder auch ein ganzes Jahr hier in dieser kreativen Stadt, sind oft auch Gastdozenten an den Hochschulen. Die Künstler inspirieren einander mit ihren Ideen. Sollte es schwierig oder unmöglich für Briten werden, an diesem Programm teilzunehmen, verlieren wir diesen kreativen Austausch gerade auch zwischen Berlin und Großbritannien, der vor allem vom persönlichen Kontakt lebt.

Und umgekehrt? Können Künstler nicht auch nach dem Brexit nach London mit seiner wichtigen Kunstszene gehen, nur dass sie dann eben ein Arbeitsvisum brauchen?
Es darf nicht zu kompliziert werden, sonst hält es womöglich viele von einem solchen Schritt ab. Seit Jahrzehnten ist es eine Selbstverständlichkeit, sich frei in der EU zu bewegen, gerade für Kulturschaffende und Wissenschaftler. So steht es auch im Communiqué: Der Ideenaustausch zwischen Briten und anderen Europäern hat wissenschaftliche Durchbrüche und großartige Kunstwerke ermöglicht Man denke nur an Karl Marx, der „Das Kapital“ in der British Library geschrieben hat, an den schottischen Turner-Preisträger Douglas Gordon, der sowohl in Glasgow und Berlin Studios unterhält, oder an den deutschen Turner-Preisträger Wolfgang Tillmans, der viele Jahre in England verbrachte. Oder an die Beatles oder David Bowie, deren Karrieren sehr durch Auftritte und persönliche Erfahrungen in Hamburg beziehungsweise Berlin geprägt wurden. Diese kreative Inspiration hat Kriege und Revolutionen überstanden, sie sollte auch den Brexit überleben.

Trotzdem sind die negativen Folgen etwa für die Wissenschaft absehbar. Das Communiqué nennt die beeindruckende Zahl von 31 000 EU-Bürgern, die im höheren Bildungssektor in England arbeiten.
Ohne den Beitrag von Forschern und Dozenten überall aus Europa sind die britischen Universitäten gar nicht denkbar. Laut DAAD sind Deutschland und Großbritannien füreinander die jeweils zweitwichtigsten Forschungspartnerländer, gleich nach den USA. Viele Universitäten unterhalten seit Jahrhunderten enge, gewachsene Beziehungen. Die Universitäten des Vereinigten Königreichs haben außerdem die höchsten Quoten aller englischsprachigen Länder unter internationalen Studierenden, wenn es um die Zufriedenheit mit ihrem Studium geht. Die Studenten aus Deutschland rangieren dabei weit oben, auf Platz 4, etwa 18 000 pro Jahr. Die britische Hochschulszene muss auch deshalb offen, breit gefächert und vielfältig bleiben, weil britische Studierende weniger gern ins Ausland gehen und so internationale Erfahrungen auf dem eigenen Campus sammeln können.

Laura Launay leitet seit 2014 die deutsche Vertretung des British Council in Berlin.
Laura Launay leitet seit 2014 die deutsche Vertretung des British Council in Berlin.Foto: British Council

Warum betont das Communiqué, dass gerade die Jugend mehr in die politische Agenda einbezogen werden muss?
Die Jugend ist die Zukunft Europas, sie braucht jetzt eine Stimme. Kennen Sie das Programm der UK-German Connection, das wir mit unterstützen? Die Organisation entstand nach dem Deutschlandbesuch der Queen 2005. Sie fand, dass junge Leute aus Deutschland und dem Vereinigten Königreich sich besser kennenlernen sollten. Seitdem engagiert sich die binationale Regierungsinitiative für Begegnungen zwischen Schülern und Jugendgruppen, organisiert Seminare und Camps, in denen sie darüber diskutieren, wie sie sich die Zukunft vorstellen. Wir sind wild entschlossen, dass es weitergeht.

Zielen die Empfehlungen auf eine Art „exception culturelle“, wie sie schon bei Handelsabkommen wie GATT oder TTIP gefordert wurden?
Es geht vor allem darum zu zeigen, dass Institutionen wie das British Museum oder die Tate, aber auch jemand wie der Architekt David Chipperfield sich große Sorgen machen. Wir möchten die britische Regierung dazu bringen, gerade bei Punkten wie Reisefreiheit und Arbeitserlaubnis dafür zu sorgen, dass die grenzüberschreitende Zusammenarbeit nicht erschwert wird. Im Zweifel tatsächlich über Ausnahmeregelungen für den Kultur- und Bildungssektor.

Wieso finden sich auf der Liste der Unterzeichner aus Deutschland zwar das HAU oder die FU und die TU, aber keine anderen deutschen Universitäten oder großen Institutionen wie die Staatlichen Museen?
Ich glaube nicht, dass diejenigen, die nicht dabei sind, unsere Sorge nicht teilen, wir bekommen Unterstützung von allen Seiten. Aber staatliche Häuser müssen vielleicht vorsichtig sein und stehen meist ohnehin im regen Kulturaustausch mit britischen Häusern. So haben etwa die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden kürzlich ein Abkommen mit dem British Museum unterzeichnet. Wenn es dafür künftig keiner besonderen Maßnahmen bedarf, umso besser. Vielleicht sind die jahrzehntelangen Partnerschaften auch zwischen Universitäten ja ein starkes Band, das der Brexit nicht zerschneiden kann.

Ist denn die Arbeit von Kulturvermittler-Organisationen wie dem British Council oder dem Goethe-Institut schon jetzt vom Brexit beeinträchtigt?
Zum Glück ist das bisher nicht der Fall. Ich sehe die Verhandlungen als fantastische Gelegenheit, die vielfältigen europäischen Beziehungen noch mehr ins Bewusstsein zu rücken und unsere Brückenfunktion weiter zu stärken. Wir hören den Kulturschaffenden und den Betroffenen zu, nehmen ihre Sorgen ernst und stellen Öffentlichkeit dafür her. Die Empfehlungen gehen nun an die britische Regierung, ich bin sehr gespannt auf ihre Reaktion.

Das vollständige Communiqué und die Liste der Unterzeichner finden Sie hier.

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