Kultur : Der Briefwechsel zwischen Ernst Jünger und Carl Schmitt

Richard Herzinger

Carl Schmitt und Ernst Jünger sind der Stolz der deutschen intellektuellen Rechten. Sage noch einer, alle bedeutenden Schriftsteller stünden links und alle großen Gesellschaftstheoretiker seien Erben der Aufklärung! Das Ansehen dieser beiden Vorzeigedenker eines trotzigen Antiliberalismus, die sich weder von der amerikanischen Reeducation noch von den deutschen Reueübungen des sozialliberalen Zeitalters zum Kotau vor der von ihnen verachteten pluralistischen Demokratie zwingen ließen, reicht aber längst weit über die Grenzen rechter Elitezirkel hinaus. Auch bei Feuilletonisten, die sich vom "Gutmenschen" abgrenzen wollen, sind Jünger und Schmitt inzwischen Kult. Nach wie vor haftet der Lektüre der Reiz des Naschens von verbotenen, protofaschistischen Früchten an.

So war es wohl Zeit, jetzt auch den Briefwechsel zwischen den beiden Starintellektuellen der Konservativen zugänglich zu machen. Nun haben es derart voluminöse Briefsammlungen an sich, dass man zunächst nicht recht weiss, was man mit Ihnen anfangen soll. Für die Verehrer ist gewiss jedes Wort ihrer Heroen eine Eröffnung; noch jedes Füllsel und jede Platitüde wird goutiert, wenn nur der geliebte Sound wiedererkannt wird: der Schmittsche eher sarkastisch-lakonisch knapp, der Jüngersche eher sperrig-erhaben bis ausschweifend.

Wer kein spezifisches Interesse mitbringt, wird sich mit der Lektüre schwer tun. Um auf mehr oder weniger anregende Äußerungen zu stoßen muß sich der Leser durch zahllose Versicherungen gegenseitiger Wertschätzung, Grüsse an die Frau Gemahlin oder Mittelungen über Wetterlagen hindurchschlagen. Beide haben zudem das Bewahren von Haltung zum Programm erhoben, und so pflegen sie einen mal zackigen, mal geradewegs verklemmt anmutenden, fast immer aber einen korrekt-distanzierten Tonfall. Herzerwärmende Selbstauskünfte, wie man sie in pietistisch-romantischer Tradition von Freundschaftsbriefen bedeutender Leute erwartet, wird man hier vergeblich suchen.

Zudem handelte es sich beim Verhältnis Jünger-Schmitt um eine von Krisen und Verstimmungen durchwachsene Männerfreundschaft. Nach 1945 schwingt in den Briefäußerungen Carl Schmitts gar ein geheimer Subtext mit: In seinem privaten Glossarium ist er, wie wir heute wissen, in wüster Weise über den in seinen Augen charakter- und geistlosen Schwätzer Jünger hergefallen. Schmitt, der als nazibelasteter Jurist kurzzeitig von den Amerikanern inhaftiert worden war und Lehrverbot erhielt, verübelte es Jünger, daß er schon bald nach dem deutschen Zusammenbruch wieder in hohem internationalen Ansehen als Schriftsteller stand. Verachtung gegenüber dem vermeintlichen Kollaborateur mit der verhaßten, oktroyierten Demokratie mischte sich da mit Neid auf Erfolge, die nach Überzeugung Schmitt allein ihm selbst gebühren.

So wird zwischen den sonst Gleichgesinnten auch "tongue in cheek" geredet. Der kompetente Kommentar und das instruktive Nachwort des Herausgebers, des Heidelberger Germanisten Hemuth Kiesel, geben dem Publikum aber Hinweise, wie man sich in dieser Gemengelage der Kontexte und Ranküne, aus der heraus die Briefe erst ihre Bedeutung gewinnen, einigermaßen zurechtzufindet.

Anfang der dreißiger Jahre, als es darum ging, der Weimarer Demokratie den Garaus zu machen, waren sich die Herren noch ganz einig. Schmitts Definition der Politik als "Freund-Feind-Unterscheidung" jenseits von Moral und Idealen stößt beim heroischen Nihilisten Jünger auf volle Zustimmung: "Vor allem muß man sich entscheiden". Man kultiviert mit schneidigen Worten das nationalrevolutionäre Vernichtungspathos. Geistesarbeit und Kriegsführung verschwimmen metaphorisch in eins. Jünger 1930 an den "Sehr geehrten Herrn Professor" Schmitt: "Der Rang eines Geistes wird durch sein Verhältnis zur Rüstung bestimmt. Ihnen ist eine besondere kriegstechnische Erfindung gelungen: eine Mine, die lautlos explodiert. (. . .) Was mich betrifft, so fühle ich mich durch diese substantielle Mahlzeit recht gestärkt."

Nach 1933 scheiden sich freilich ihre Geister. Nicht in der Zielrichtung, wohl aber in der konkreten Beurteilung des neuen Systems. Jünger bezieht die Beobachterposition des Seismographen, welcher Totalitarismus, Krieg und Vernichtung als Ausdruck der Bewegung "elementarer" Kräfte registriert. Schmitt arbeitet aktiv an der Entwicklung eines "völkischen" Rechtsbegriffs, schreibt Apologien für die Verbrechen des "Führers" und steigt zum "Kronjuristen des Dritten Reiches" auf. Fraktionskämpfe und Intrigen im Naziapparat führen jedoch seit 1936 zu seiner zunehmenden Isolierung. Ihre Differenzen sprechen sie in all den Jahren kaum an. Unterschiede im Verhältnis zur banalen Wirklichkeit scheinen den Geistesheroen sekundär gegenüber den Tiefen ihres Bildungsgutes. Man tauscht Lektüreempfehlungen aus, ergeht sich in kultur- wie ideengeschichtlichen Spekulationen. Selten zeigt die furchtbare Wirklichkeit ihre Spuren, wie etwa, als der schwer getroffene Jünger den Verlust seines gefallenen Sohnes Ernst beklagt. Nach dem Krieg nimmt die Korrespondenz einen quasi-verschwörerischen Tonfall an.

Schmitt sieht sich von Inquisitoren der Weltdemokratie und von Kleingeistern umstellt, die ihm seinen herausragenden Rang in der Geistesgeschichte streitig machen wollen. Er wähnt sich in der "Situation eines outlaw, gegen den ein alter, tiefer Haß jezt freie Bahn erhalten hat". (Schmitt 1949 an Jünger). Jünger hält in Treue zu ihm und zeigt sich fassungslos über das angebliche Unrecht, das ihm und anderen erhabenen Gestalten der deutschen Kulturnation wie Martin Heidegger geschieht. Wieder sehen sie sich in der Rolle einer sakrosankten Elite der wenigen Aufrechten. "Die Zahl der Zeitgenossen, mit denen noch ein Gespräch sich lohnt, vermindert sich rapid", notiert Jünger 1972 so lapidar wie blasiert. Da bleibt nur, in Elementarbwegungen zu denken und, vor dem Hintergrund des Vietnam-Kriegs, auch schon mal die Bedingungen für einen deutschen Partisanenkampf auszuphantasieren: "Wer im Kleinen Raum gewinnt, kann eine günstige Wendung der Großwetterlage abwarten (. . .). Ränder sind besser für solche Händel, für die Deutschen ist die Mittellage in dieser Hinsicht ein Übel, und das nicht nur im geographischen Sinn. Deshalb konnte auch der Werwolf (!) die Katastrophe nicht hinauszögern." (Jünger 1974 an Schmitt). Attacken auf die liberale Verfassung werden gern in gepflegte Klassikerzitate verpackt: "Die Idee des Rechststaates ist die legale Sanktion der Selbstsucht und die zersetzende, zerstörende Element der menschlichen Gesellschaft" - dieses Wort von Jeremias Gotthelf sendet Jünger dem Brieffreund 1975.

Sich derart in ihre autoritäre Idiosynkrasien einschließend und auf dem schmalen Grat zwischen Erhabenheit und Lächerlichkeit wandelnd, gleichen Jünger und Schmitt teils ehrwürdigen patrizischen Eremiten, die sich aus dem Trubel der Welt ins der Ideen zurückgezogen haben, teils ähneln sie Stadler und Waldorf, den verbitterten, sich aber krampfhaft heiter gebenden, stets nur zuschauenden alten Giftpickeln in der Muppet-Show. So dokumentiert ihr Briefwechsel am Ende vor allem eins: Das Elend jenes Anteils der deutschen Geisteselite, der vom Rausch nationalrevolutionärer Weltumsturzerwartung in den Katzenjammer einer totalen Niederlage stürzte und für allen Schrecken andere, nichtswürdige Geister für schuldig ansehen konnte. Dass man selber kräftig das Grauen mitgesät hatte? Nichts als üble Verleumdung, böswilliges Missverständnis. Aus zwei deutschen Leben: Der Briefwechsel Jünger-Schmitt ist ein so aufschlussreiches wie deprimierendes Lehrstück über die gefährlichen Defizite eines hohen Intellekts, der in seiner Selbstverliebtheit unfähig ist, sich in Frage zu stellen und sich daher für das Maß aller Dinge halten muß.Ernst Jünger, Carl Schmitt: Briefwechsel 1930-1983. Herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort von Helmuth Kiesel. Verlag Klett-Cotta, 1999, 893 Seiten.

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