Der deutsche Urwald : "Die Vermessung der Welt" kommt ins Kino

Tiefe Blicke in 3-D: Detlef Buck hat Daniel Kehlmanns Bestseller „Die Vermessung der Welt“ verfilmt. Er gibt uns etwas vom Staunen der Forscher zurück.

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Ein Preuße stürmt die Anden. Albrecht Abraham Schuch in der Rolle des Alexander von Humboldt. Der Film kommt am Donnerstag in die Kinos.
Ein Preuße stürmt die Anden. Albrecht Abraham Schuch in der Rolle des Alexander von Humboldt. Der Film kommt am Donnerstag in die...Foto: Verleih

Wenn Sie zur Minderheit gehören, die Daniel Kehlmanns Weltbestseller „Die Vermessung der Welt“ nicht kennt, so halten Sie an diesem Zustand fest, bis Sie den Film gesehen haben. Diese Reihenfolge ist besser. Sie mildert die Ungerechtigkeit, dass eine Romanverfilmung immer zu spät kommt, nämlich nach dem Roman. Solche Unannehmbarkeiten trieben schon den Mathematiker Carl Friedrich Gauß: Egal wann wir geboren werden, es ist immer zur falschen Zeit.

„Verschaffe einem einen unziemlichen Vorteil vor der Vergangenheit und mache einen zum Clown der Zukunft.“ Das sagt Gauß bereits auf Seite 3 des Kehlmannschen Romans, als er, von Alexander von Humboldt eingeladen, 1828 zu dessen Naturforscherkongress nach Berlin fährt, gegen seinen inneren Widerstand. Dreiviertel der Fahrt verbringt er mit Überlegungen der Art Ich-will-nach-Hause, der Rest ist Weltweisheit, sich entzündend am Alltäglichsten.

Welches Kino holt das Kino im Kopf ein, das entsteht, sobald der Mensch wirklich liest? Schon dieses erste Kapitel ist drehbuchreif, Buck hätte es nehmen und verfilmen können. Kamera weg von einem drehbuchreifen Roman, ließe sich sagen. Buck hat sich nicht daran gehalten. Und das hat er gut gemacht, sehr gut! Natürlich beginnt er anders. Nicht der alte Gauß, sondern der alte Humboldt, der Parallelweltvermesser, hat bei ihm seinen ersten Auftritt, an einem Ort, den die meinende Sprache nur beschwören, nicht aber zeigen kann: in der unendlichen Weite der asiatischen Steppe, dort, wo sich der Raum aufzulösen scheint im Unendlichen. In dieser durch und durch dreidimensionalen Steppe scheint Humboldt, der längst berühmte Naturforscher, wieder zu sein, was er in Wirklichkeit ist: ein Grashalm im Wind, knickbar.

Natürlich 3-D, denn Humboldt und Gauß vermessen Räume, Gauß mehr im Kopf, Humboldt mehr in der Realität, obwohl auch Gauß einst das Königreich Hannover vermessen hat, wofür er 25 Jahre brauchte. Das Raum-Sehen in 3-D hat etwas Künstliches, denn unser gewöhnlicher Blick besitzt nicht diese Tiefenwahrnehmung. Buck gibt uns etwas vom Sehen der Forscher zurück, egal, ob es wie bei Gauß mehr nach innen geht oder wie bei Humboldt mehr nach außen: etwas vom Wie-zum-ersten-Mal.

Aus den Weiten der asiatischen Steppe fallen wir in ein Halbdunkel, den Inbegriff eines geschlossenen Raumes, dessen Urbild die Zelle ist, der ummauerte Ort. Diese Zelle ist bei genauerem Hinsehen ein Schulraum: Willkommen in der Pädagogik des 18. Jahrhunderts! Die Schulpflicht wurde gerade eingeführt und sie bedeutete zunächst die Unausweichlichkeit, staatlich sanktionierte Prügel zu empfangen. Dass Film und Buch sich auf Augenhöhe begegnen, zeigt sich spätestens hier.

Bei Kehlmann heißt es lapidar, der Lehrer habe der Klasse aufgetragen, alle Zahlen von eins bis hundert zusammenzuzählen. Ein Satz, mehr nicht. Buck macht daraus ein hochkomisches Charakterbild. Mit sadistischem Behagen schreibt Karl Markovics als Lehrer immer noch ein Plus an die Tafel, sich jedes Mal der langsam erfrierenden Mienen der Kinder vergewissernd.

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