Der Dokumentarfilm "The Green Prince" : Der Meister-Verräter

Eine unglaubliche, aber wahre Geschichte: Der Sohn eines Hamas-Führers wird Informant des israelischen Geheimdiensts. "The Green Prince", der Dokumentarfilm über Mosab Hassan Yousef, ist allerdings allzu plakativ geraten.

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Geläutert. Mosab Hassan Yousef, 1978 in Ramallah geboren, lebt heute in den USA.
Geläutert. Mosab Hassan Yousef, 1978 in Ramallah geboren, lebt heute in den USA.Foto: Rapid Eye Movies

Sein Vater hat die Hamas mitgegründet, Scheich Hassan Yousef, er war oft im Gefängnis, 16 Jahre insgesamt. Mosab, der älteste Sohn, 1978 in Ramallah geboren, kümmert sich um die Geschwister. Einmal ist der Vater nur sechs Stunden draußen, bevor er wieder verhaftet wird. Das macht Mosab wütend, ein Steine werfender palästinensischer Junge, er ist 17, will Rache und mit richtigen Waffen gegen die Israelis kämpfen. Aber auch ihn schnappen sie schnell.

Eine irre Geschichte. Im Gefängnis wird Mosab vom israelischen Inlandsgeheimdienst Schin Bet rekrutiert, und Mosab macht mit. Zunächst weil er hofft, Schin Bet umgekehrt für die Hamas anzapfen zu können. Dann aus Überzeugung – weil er hinter Gittern die Kehrseite der radikalislamischen Hamas kennenlernt. Er bekommt mit, wie die militante palästinensische Bewegung ihre eigenen Leute zu Tode foltert, er wird selber vergewaltigt, er erwähnt es kurz. Mosab will nicht mehr töten, sondern Leben retten.

Gut zehn Jahre lang ist er der „Green Prince“. Ein Doppelagent, der zahlreiche Attentate der Hamas vereitelt, indem er Schin Bet mit Informationen über das Innenleben der Hamas versorgt und die Treffpunkte der Terroristen verwanzt. Und der zum anderen den Vater vor dem Schlimmsten bewahrt, als Assistent immer an seiner Seite bleibt, ihn mitunter warnt und den Geheimdienst überreden kann, Hassan Yousef nicht zu erschießen, sondern ihn „nur“ ins Gefängnis zu bringen.

Eine irre Beziehung: Die Freundschaft zwischen dem "Green Prince", dem Hamas-Sohn, und dem israelischen Führungsoffizier

Ein lebensgefährliches Spiel. Die Hamas würde ihn, den Verräter, auf der Stelle töten. Zur Tarnung geht Mosab wiederholt ins Gefängnis. Bis er, erschöpft vom permanenten Lügen, 2007 nach Amerika ausreist und Asyl beantragt. Mosab konvertiert zum Christentum, in der Bibelgruppe in San Diego bekommen sie Angst vor ihm. Er hat keine Freunde, keinen Job, wird des Terrorismus verdächtigt, tritt die Flucht nach vorne an und schreibt ein Buch über sich.

Eine irre Beziehung: Mosab, der Informant, hatte sich mit seinem Kontaktmann angefreundet, dem Geheimdienstagenten Gonen Ben Itzhak. Gemeinsam verhindern die beiden zahlreiche Gewalttaten, schließen Deals ab. Ich liefere dir Namen und Pläne, du lässt meinen Vater leben. Auch Gonen riskiert seine Existenz, er wird suspendiert, reist aus Sorge um Mosab in die USA und enttarnt sich selbst, um für den ehemaligen Informanten auszusagen. Mittlerweile arbeitet Gonen als Anwalt in Tel Aviv, hat Frau und Kinder.

Mosabs ambivalente Seiten rückt Nadav Schirmans Film nicht ins Bild

Das Saulus-Paulus-Erlebnis beim ersten Gefängnisaufenthalt, die Vielzahl der vereitelten Anschläge (auch ein Attentat auf Schimon Peres), die Treue des verlorenen Sohns zum angeblich gar nicht blutrünstigen Vater: Alles, was Mosab berichtet, nimmt Nadav Schirmans Dokumentarfilm als verbürgt. „The Green Prince“ (Filmtitel und Tarnname spielt auf die Flaggenfarbe der Hamas an) hegt keinerlei Zweifel an Mosabs und Gonens Darstellungen, nimmt keinen Perspektivwechsel vor. So wird der Zuschauer irgendwann selber misstrauisch. Ist Mosab wirklich ein durch und durch integrer Friedenskämpfer? Das Ungewöhnliche, ja die Ungeheuerlichkeit dieser Geschichte über Vertrauen und Verrat, die Fratze der Gewalt sowie die Gefährdung von Identität und Integrität im Krieg wäre nicht im Geringsten geschmälert, wenn auch Mosabs ambivalente Seiten ins Bild rückten. Ist es völlig undenkbar, dass er sich aus Angst vor noch härteren Strafen rekrutieren ließ, oder des Geldes wegen? Keine Fragen, keine Nachfragen?

Regisseur Nadav Schirman, Sohn eines israelischen Diplomaten, hat sich bereits in Dokumentarfilmen mit Undercover-Agenten und dem internationalen Terrorismus befasst. 2013 kam „In the Darkroom“ heraus, ein Porträt von Magdalena Kopp, der Lebensgefährtin des Terroristen Carlos. Diesmal fügt Schirman reichlich Geschmacksverstärker hinzu. Bombastisch dröhnende Musik, plakative Zwischentitel, ein „Real Life Thriller“ (Verleih), der sich der Mittel von Actionfilmen bedient und selber etwas Aggressiv-Militantes, ja Propagandistisches hat. Mosab auf einem Stuhl in der Zelle, kalte, kahle Wände, Spotlight auf den Delinquenten wie beim Verhör: Man fürchtet, gleich eine Folterszene mitansehen zu müssen, aber es ist nur das Filminterview vor der Kamera. Schnitt, Gegenschnitt zu Gonen am Schreibtisch, dazu Archivmaterial und dramatisierte Nacht-und-Nebel-Szenen, Intifada-Aktionen, Geheimdienst-Beschattungen. Als könnte die Fiktion die Wahrheit des Erzählten beweisen.

„The Green Prince“ basiert auf Mosabs Buch „Sohn der Hamas: Mein Leben als Terrorist“, das auch von seiner Bekehrung zum Christentum erzählt. In Deutschland ist es 2010 bei SCM Hänssler erschienen; Hänssler gehört zur Stiftung Christliche Medien, der größten evangelikalen Verlagsgruppe hierzulande. Auch das, die Abwendung vom militant-religiösen hin zum gemäßigten seelisch-religiösen Fundamentalismus, erwähnt der Film nicht. Mosab lebt heute als christlicher Yogalehrer in L. A. Man hätte ihn gerne mal bei der Arbeit gesehen.

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