Kultur : Der doppelte Anselm

Tobias Herres Sci-Fi-Groteske „Das Fehlerchen“.

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Da können Bahn und Auto nicht mithalten: von Berlin nach Hamburg für nur zehn Euro und innerhalb weniger Sekunden. Dieses Angebot stammt von der Schliemanz-Koch AG. Sie hat den Teletransporter gebaut, der dieses technische Wunder vollbringt und in Tobias Herres Roman „Das Fehlerchen“ die beiden größten deutschen Städte miteinander verbindet. Die Anlage funktioniert einwandfrei, bis ein klitzekleines Fehlerchen in der Programmierung das Leben des Kurierfahrers Anselm Hagen auf, im wahrsten Sinne des Wortes, vielfältige Weise durcheinanderbringt.

Tobias Herre fiel literarisch bislang vor allem als Mitglied der Berliner Lesebühne „Die Surfpoeten“ auf, unter dem Künstlernamen Tube. „Das Fehlerchen“ ist sein erster Roman. Und entgegen der verbreiteten Meinung, Lesebühnenautoren beherrschten nur die kurze, auf Publikumsreaktionen abzielende Form, ist Herre ein trotz zahlreicher Verwicklungen schlüssiger, dunkelhumoriger und unterhaltsamer Roman gelungen.

Die Hauptfigur Anselm Hagen, ein junger Mann aus Berlin, muss ein Paket nach Hamburg liefern, will sich aber die Autofahrt sparen. Daher nimmt er den Teletransporter. Durch einen Fehler wird er, von ihm selbst zunächst unbemerkt, jeweils einmal in Hamburg und Berlin wieder materialisiert – es gibt ihn nun doppelt. Bei weiteren Versuchen entstehen, nunmehr mutwillig, weitere Anselms, was die Schliemanz-Koch AG nicht zulassen kann. Sie jagt den überzähligen Anselms nach, um sie „einzustampfen“. Auch Anselm hängt emotional nicht sonderlich an seinen Kopien.

Aber wer ist Anselm eigentlich? Oder besser: Welcher ist der richtige Anselm? Seine Ichsuche, die Menschenjagd und eine an Marlen Haushofers „Die Wand“ erinnernde Episode beantworten stets weniger Fragen, als sie neue aufwerfen. Und diese Fragen werden zunehmend spannender. „Das Fehlerchen“ ist eine turbulente, an manchen Stellen etwas langatmige Science-Fiction-Splatter-Groteske. Sie überrascht durch filmreife Schnitte zwischen den Handlungsebenen und thematisiert doppelbödig die Frage nach dem Wert der menschlichen Existenz und Moral in einem Zeitalter, in dem der technische Fortschritt sich mal wieder anschickt, den gesellschaftlichen zu überholen. Dennis Grabowsky

Tube Tobias Herre:

Das Fehlerchen.

Voland & Quist,

Dresden/Leipzig 2012.

317 Seiten, 17,90 €.

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