Kultur : Der Einmischer

Zum Tod des Dirigenten Gerd Albrecht.

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Nur der Kunst zu dienen, war ihm nie genug. Stets suchte Gerd Albrecht auch die gesellschaftliche Wirkung: als ein Dirigent, der sich der Moderne und ihren verdrängten Komponisten verpflichtet fühlt, als Pädagoge einer jungen Generation von Hörern, als dezidiert politisch denkender und sprechender Zeitgenosse. 1935 in Essen geboren, wird Albrecht mit 27 Jahren in Lübeck Deutschlands jüngster Generalmusikdirektor. Es folgen Chefpositionen in Kassel, an der Deutschen Oper Berlin (1972-76 als Ständiger Dirigent), beim Tonhalle-Orchester Zürich und in Hamburg, wo er von 1988 bis 1997 als Generalmusikdirektor und Operndirektor amtiert. Im Gespann mit Intendant Peter Ruzicka beschert er dem Haus mit Neuproduktionen weltweite Aufmerksamkeit.

1991 bestimmen die Musiker der Tschechischen Philharmonie den Deutschen Albrecht in einer demokratischen Wahl zum ersten ausländischen Chefdirigenten in der fast hundertjährigen Geschichte des Orchesters. Eine leidenschaftliche Verbindung beginnt, die durch politische Querelen vorzeitig 1996 endet, aber ab 2004 wieder auflebt, auch in internationalen Gastspielen. Als Chefdirigent des Dänischen Radio-Sinfonieorchesters kritisiert Albrecht vom Podium aus die dänische Unterstützung des Irak- Kriegs und erntet Protest. Harmonie ist für diesen Musiker nicht alles.

Früher als seine Kollegen erkennt Albrecht, wie wichtig die Pflege des Nachwuchses ist: „Wenn es uns nicht gelingt, die Jugend in die Konzertsäle zu bekommen, wird es das Musikleben, wie wir es kennen, innerhalb kürzester Zeit in Deutschland nicht mehr geben.“ Bereits 1974 erhält der Musikvermittler den Grimme-Preis für die Fernsehreihe „Wege zur neuen Musik“. Weil er will, dass Kinder Instrumente ohne Scheu mit Händen begreifen können, gründet Albrecht das „Klingende Museum“ in Hamburg und ab 2002 auch in Berlin. „Das Musikleben kann nur an denen wachsen, die es permanent infrage stellen“, gab sich Gerd Albrecht selbst zum Leitsatz. Am Sonntag ist er im Alter von 78 Jahren in Berlin gestorben. Ulrich Amling

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