Kultur : Der einsame Aufstand

Hans Falladas internationale Renaissance: „Jeder stirbt für sich allein“ in der Originalfassung

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Literarischer Widerstand. Fallada, 1934, , im Jahr nach seiner Verhaftung. Foto: Ullstein
Literarischer Widerstand. Fallada, 1934, , im Jahr nach seiner Verhaftung. Foto: UllsteinFoto: ullstein bild - Heinrich Hoffman

In der Weimarer Republik war er ein Erfolgsschriftsteller. Als Erfinder des „Kleinen Mannes“ schrieb Hans Fallada Literaturgeschichte. Nun erlebt er eine ungeahnte Renaissance. Letztes Jahr wurden in den USA und in Großbritannien, in Frankreich und in Israel hunderttausende Exemplare seines letzten großen Romans „Jeder stirbt für sich allein“ verkauft. Und der Berliner Aufbau-Verlag entdeckte ein bisher noch nie gedrucktes Kapitel in seinem Archiv, das nun in der Neuausgabe des Romans erstmals erscheint.

Jetzt wurden in der israelischen Nationalbibliothek in Jerusalem auch noch 25 unbekannte Briefe des Erfolgsautors Fallada gefunden. Der deutschsprachige Archivar Stefan Litt stöberte in der Bibliothek in Jerusalem eine Akte auf, die den Briefwechsel Falladas mit dem Schriftsteller Carl Ehrenstein enthält. In den Briefen beschreibt Fallada seine Morphiumsucht und das Gefühl seiner „Unzulänglichkeit“ als Schriftsteller. Gegenüber dem Tagesspiegel weist Stefan Litt auf die Bedeutsamkeit des Fundes hin: „Interessant ist vor allem die Ablehnung des Buches ,Jeder stirbt für sich allein’ durch den englischen Verleger Falladas 1948, die wir im Original haben, weswegen das Buch erst heute für den ausländischen und jetzt auch für den deutschen Markt wiederentdeckt wurde.“

Diese Entdeckung geht auf das Konto von Adam Freudenheim, Lektor bei Penguin, der 2009 den richtigen Instinkt hatte. Er sah, dass das Buch hitverdächtig war. Nicht nur, weil es um Nazis und ihre Gegner geht, was britische Leser immer reizt. „Diesmal kam noch viel mehr dazu. Es ist ein lebendiges, packendes Buch, man ist im Berlin 1942, wenn man es liest und fragt sich bei jedem Schritt, was würde ich machen?“, sagt Freudenheim.

Das Buch erzählt die wahre Geschichte eines Berliner Ehepaares, das sich mit viel Mut und ungebrochenem Anstand dem nationalsozialistischen Terror entgegenstellte. Die Quangels aus der Amsterdamer Straße in Berlin-Wedding waren keine geborenen Widerstandskämpfer. Sie waren Hitler anfangs für ihr sicheres Einkommen dankbar.

Anna Quangel engagierte sich in der NS-Frauenschaft und wusste genau, wie man sich in Parteikreisen verhält. Doch plötzlich sieht alles anders aus. Die Quangels verlieren an der Westfront den einzigen Sohn und entschließen sich zum Widerstand. Sie schreiben Postkarten mit aufwieglerischen Texten und legen sie in Bürohäusern der Nachbarschaft aus, zuerst in der Neuen Königstraße, der heutigen Otto-Braun-Straße. Nach zwei Jahren werden sie gefasst, vom Volksgerichtshof verurteilt und in Plötzensee hingerichtet.

Falladas Thema ist brennend aktuell: Kann der einsame Widerstand einfacher Leute gegen ein übermächtiges System etwas ausrichten? Was tun schon ein paar Postkarten? Es ist nicht zu wenig, sagt Anna, denn „niemand konnte mehr als sein Leben wagen“. Jeder, der nicht „für uns“ ist, ist im Totalitarismus gegen Führer und Volk als Ganzes. Daher rütteln selbst Postkarten an den Grundfesten. Ideologische Treueschwüre interessieren die Quangels nicht, sondern Gerechtigkeit und Sorgfalt. Und die sehen Anna und ihr Mann, der Tischlermeister Otto, in Gefahr. Statt in Särge steckt Otto sein handwerkliches Ethos in die Postkarten: „Es kam allein darauf an, dass diese Arbeit getan wurde.“ Er ist stolz auf seine Arbeit und will sie auch dann nicht vernichten, als er aufzufliegen droht. „Das ist ja unser Leben, diese Karten“, denkt er. Ottos „unzärtliche“ Liebe zu seiner Frau wird in der gemeinsamen Arbeit von Grund auf verändert.

Die Karten der Quangels haben äußerlich nicht die gewollte Wirkung. Sie finden keine Nachahmer. Fast alle werden bei der Gestapo abgegeben. Denn sie säen Angst und Misstrauen. Jeder Finder überlegt, was er damit tun soll. Was werden diejenigen denken, denen er die Karte abgibt? Werden sie ihn für den Autor halten? Werden sie offen sprechen? Wird so ein Gespräch eine Falle sein? Mancher Finder wird zum Lügner und Verräter. Nur einer fragt: „Was schreibt er eigentlich? Nichts, was jeder von uns nicht schon weiß! Es muss ein Wahnsinniger sein!“

Falladas meisterhafte Dialoge zeigen die Verrohung der Gesellschaft. Frau Quangels einziger Sohn ist gefallen? Sie erhält zur Antwort: „Man soll eben nicht nur einen Sohn in die Welt setzen!“ Der Vater eines Hitler-Jungen plappert gern? Der Sohn sagt: „Ich werde keinen Finger rühren, um dich wieder rauszuholen, aus dem KZ.“ Eine Frau mit guten Beziehungen macht sich schuldig? Sie tönt: „Mein Mann ist Hauptwachtmeister bei der Polizei, für uns gibt’s nichts Strafbares.“ Sarkastisch stellt Fallada fest, dass natürlich „höhere Führer mit all ihren Anverwandten von all ihren Pflichten gegen den Staat und die Gemeinschaft befreit sind.“

Der Leser ist schockiert, wie viel in Falladas Deutschland geschrien und geschlagen wird, auf Ämtern und auf der Straße, in Familien und im Betrieb, auf der Straße und in der Arztpraxis. Zwischen all dem Gespitzel der alltäglichen Doppelagenten wird klar: Meistens ist das Leben ganz schön unwahrscheinlich, nie lässt es sich auf die Streckbank eines Prinzips spannen. Daher will Otto Quangel sich nicht einmal in Hilfsaktionen verwickeln lassen. Er meint, Mitwissen ist gefährlicher als Selbsttun.

Sein Gegenspieler ist Kommissar Escherich. Der muss Erfolge vorweisen. „Wir haben hier kein statistisches Amt zur Registrierung von hochverräterischen Karten“, mahnt ihn sein Vorgesetzter. Escherich erpresst Schuldgeständnisse und geht über Leichen, um Zeit zu gewinnen. Sein kriminalistischer Spürsinn, gepaart mit Quangels zunehmendem Leichtsinn, führt schließlich zur Ergreifung. Über Hunderte von Seiten schildert Fallada Schauprozesse und Haft, Folter und Hoffnung, schließlich das Leichenhaus. „Ja, ja, so ist das Leben“, lässt er einen SS-Mann dort sagen.

Der Roman feiert die trotzige, unberührbare Freiheit. Seine Hauptfiguren finden sie in der Giftphiole, die ihnen zugesteckt wird und sie wieder zum Herrn über den eigenen Tod macht. Denn mehr als umgebracht werden können sie nicht. Das sieht auch die Polizei: Höhnisch informiert sie Quangel, der Tod sei „die einzige wirkliche Freiheit“. Für das System ist Freiheit negativ: Sie bedeutet, sich dem Volk und dem Führer zu verweigern.

Hans Fallada tat sich mit dem Stoff zunächst schwer. Johannes R. Becher hatte ihm Dokumente zu dem historischen Fall übergeben. Fallada fand, dass hier „reichlich viel gequält und gestorben wird“. Aber für sein Buch gilt: „Mehr Helligkeit hätte Lüge bedeutet.“ Der Widerstand der einfachen Leute hat ihn gepackt. Er schrieb den Roman in nur vier Wochen. Fallada ist ein Meister der Charaktere und der Handlungsstränge, ein Meister der Berliner Stimmen. Eine reiche, alte Jungfer ist eine „feste Rübe“, jemand Komisches ist eine „ulkige Pflaume“. Die oft seitenlangen inneren Monologe vermitteln eindringlich die psychologischen Qualen der Protagonisten.

„Jeder stirbt für sich allein“ ist einer von Falladas letzten Texten. Er kämpfte sein Leben lang mit Depressionen und Geldnöten. Seine Einnahmen gingen für Drogen drauf. Mit 18 Jahren hatte er einen Mitschüler erschossen, anschließend war er in psychiatrischer Behandlung. Als Dreißigjähriger saß er im Gefängnis wegen Unterschlagung, um seine Sucht zu finanzieren. Mit vierzig wurde er von der SA verhaftet. Mit fünfzig schoss er auf die Frau, von der er gerade geschieden worden war. Es wurde nicht besser. „Jeder stirbt für sich allein“ ist ein Roman der letzten Hoffnung. Er erschien kurz vor Falladas Tod und ist heute so beklemmend wie damals.

Hans Fallada: Jeder stirbt für sich allein. Roman. Aufbau-Verlag, Berlin 2011. 704 Seiten, 19,95 €. – Fallada-Abend mit Jan Josef Liefers und Regine Zimmermann am Mittwoch, 9. 3., im Berliner Maxim Gorki Theater (19.30 Uhr).

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