"Der Engelherd" von Olga Martynova : Die Engelsflüsterin

Olga Martynova versucht mit ihrem dritten Roman das Triviale und Wunderbare zu versöhnen - und gibt dafür auch Engeln eine Stimme.

Meike Feßmann
Von der Newa an den Main. Die Dichterin, Essayistin und Erzählerin Olga Martynova. Foto: Jürgen Bauer/S. Fischer
Von der Newa an den Main. Die Dichterin, Essayistin und Erzählerin Olga Martynova.Foto: Jürgen Bauer/S. Fischer

Ein alternder Schriftsteller und seine junge Geliebte sind die Helden des neuen Romans von Olga Martynova, der auf intelligente Weise mit dem Kitsch liebäugelt, einem Kitsch, der „wie das Leben selbst“ sein soll und „nicht wie die kitschige Kunst“. Laura Schmitz und Caspar Waidegger kennt man schon aus dem letzten Roman der 1962 in Sibirien geborenen und in Leningrad aufgewachsenen Schriftstellerin, die seit vielen Jahren in Frankfurt am Main lebt und ihre Lyrik auf Russisch, ihre Prosa auf Deutsch schreibt. Im munteren Figurenchaos von „Mörikes Schlüsselbein“ waren Laura und „CW“, wie die Doktorandin das Objekt ihrer wissenschaftlichen und sonstigen Begierde nennt, eher Nebenfiguren. Nun sind sie so etwas wie das Koordinatensystem einer Versuchsanordnung, in der es um das Mischungsverhältnis zwischen Literatur und Leben geht.

Was verpasst man, wenn man sich dem Schreiben widmet? Lohnt sich der ganze Aufwand überhaupt? Das fragt sich nicht nur der durchaus erfolgreiche Caspar Waidegger. Es ist der Basso continuo des ganzen Romans, der unter dem Titel „Der Engelherd“ ganz alltägliche Szenen mit metaphysischen Wunderlichkeiten mischt. Für die mögliche Vergeblichkeit literarischer Mühen findet Olga Martynova ein treffendes Bild und lässt es durchs Bewusstsein mehrerer Figuren schweifen: Kaum hat der Schriftsteller den Gipfel des Erfolgs erklommen, erweist sich das eroberte Terrain als flüchtig. Es ähnelt einem Eisberg, der wegschmilzt und in Schollen davontreibt.

Dabei unterwirft sie ihren zunächst ganz auf die eigenen Ambitionen fixierten Helden, der die Geliebte an der langen Leine der Vernachlässigung neben sich hertrotten lässt, einem Läuterungsprozess. Was ihn ausgelöst haben mag, weiß der Himmel. Vielleicht die Wagner-Festspiele in Bayreuth. Vielleicht das nahende Alter oder die plötzliche Ohnmacht, die ihn bei einer Lesung in der Romantiker-Stadt Heidelberg überfällt und von der die Geliebte mit dem Petrarca-Namen nur über Facebook erfährt, wo ein Leser das Bild des käfergleich auf dem Rücken liegenden Schriftstellers postet.

Das Unterbewusste führt die Feder

Vielleicht aber auch das Gesellschaftsspiel, das eine befreundete Kolumnistin an einem jener Samstagnachmittage anzettelt, die Waidegger, von seiner litauischen Haushälterin unterstützt, regelmäßig veranstaltet, um nicht ganz zu verlottern. Gemeinsam strickt die bunt gemischte Runde an einer tragischen Liebesgeschichte im Stil eines Trivialromans. Caspar Waidegger eignet sich das Projekt an und setzt es alleine fort. Am Ende entdeckt er, dass ihm sein Unterbewusstes die Feder führte.

Der Schriftsteller hat einen wunden Punkt, den er lange verdrängte. Seine Tochter Maria ist geistig behindert. Seit ihrer Kindheit lebt die mittlerweile Erwachsene im Heim. Ihre Mutter, seine Exfrau Cordula, betreibt mit einem jüngeren Liebhaber ein Aussteiger-Café auf einer Sonneninsel. Verunsichert, wie er sich neuerdings fühlt, nimmt er den Kontakt zur Tochter auf. Zwar kann Maria nicht sprechen. Die Bilder aber, die sie in ein Buch mit den Engel-Zeichnungen Paul Klees malt, versteht er als Botschaften an sich selbst. Man kann das wohl ein Erweckungserlebnis nennen, zumal er die Muster, die sich aus dem Zusammenspiel der Zeichnungen ergeben, mit den Seiten des Talmud vergleicht.

Nun will er Maria, die ihn früher beim Schreiben störte, endlich an seinem Leben teilhaben lassen. Unterstützt von ihrer tüchtigen Halbschwester Martha, dem zweiten Kind seiner Exfrau mit einem anderen Mann, nimmt er sie ausgerechnet zur Verleihung eines wichtigen Literaturpreises mit. Während seiner Dankesrede geht ihm Defätistisches durch den Kopf: „Ich verzichte das ganze Leben lang auf das Leben, um Bücher zu schreiben, die immer weniger Menschen in der Lage sind zu lesen. Alles, was mir im Leben bleibt, ist die leise, in ihrer sanften Unterwürfigkeit rätselhafte Laura.“

Sie gibt auch Engeln eine Stimme

„Der Engelherd“ will mehr sein als der Roman einer Krise, mehr auch als ein Gesellschaftsroman, der in einem zuweilen an Martin Mosebach erinnernden Plauderton von den Nöten eines Mannes berichtet, der ein Smartphone „Taschentelefon“ nennt, einen Festnetzanschluss „Haustelefon“ und sich damit brüstet, weder einen Computer noch einen Fernseher zu besitzen. Der dritte Roman der 2012 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis und im letzten Jahr mit dem Berliner Literaturpreis ausgezeichneten Schriftstellerin ist ein hochambitioniertes Projekt, in dem das Triviale mit dem Wunderbaren versöhnt werden soll, der Unterhaltungsroman mit der anspielungsreichen Schreibweise von Lyrik und Mystik. Der literarische Aufwand, den Olga Martynova betreibt, ist beträchtlich.

Mehrere Textsorten lässt sie parallel laufen, darunter das „Journal eines Engelsüchtigen“ sowie „Zwischenfall am See“, eben jener zunächst gemeinsam begonnene Trivialroman, der sich schließlich zu einer sehr persönlichen, um ein Familiengeheimnis kreisenden Geschichte über Euthanasie im Dritten Reich auswächst. Sie lässt einen großen, weißen, nackten Fahrradfahrer an allen möglichen Orten als Verse rezitierende Rätselgestalt durch den Roman irren. Unter dem Zeichen von Genie und Wahnsinn huldigt sie Hölderlin und dem russischen Dichter Konstantin Batjuschkow als Doppelgestirn der Poesie. Doch damit nicht genug. Sie gibt auch Engeln eine Stimme.

Engel fungieren als Vermittler zwischen den verschiedenen Zeit- und Realitätssprüngen des Romans sowie als Berichterstatter aus Marias Gedankenwelt. Mit den körperlosen Wesen fängt sie schließlich auch jenes Gefühl der Enge ein, das Menschen in einer Gaskammer überkommt. Am Ende versucht sie in einem literarischen Kraftakt, den Raum einer Gaskammer mithilfe eines typografischen Tricks für einen Augenblick zu dehnen: Die Schrift wird einen Absatz lang größer, damit die Sterbenden genügend Platz haben, „ihre letzten Lebenszeichen“ auszuscheiden. Ist das ein kluger Einfall? Oder ist das eine literarische Idee an der Grenze zur Geschmacklosigkeit? Bei allem Respekt für die Fantasie der Autorin und die sprachliche und kompositorische Raffinesse des Romans: Spätestens hier kommt man um die Erkenntnis nicht mehr herum, dass die Vergötterung der Literatur in intellektuellen Kitsch umschlagen kann.

Gaskammer als Köder der literarischen Versuchsanordnung

Der Roman soll offenbar genau jene „Falle“ sein, in der sich Engel verfangen und die er als „Engelherd“ in Analogie zum „Vogelherd“ beschreibt. Engel ließen sich, behauptet der „Engelsammler“, von menschlichen Gefühlen anlocken, bevorzugt vom Umschlagen von Freude in Leid. Man könne sie deshalb besonders leicht an Orten des Massenmords einfangen. Nimmt man diese Konstruktion ernst, wird die Gaskammer zum Köder einer literarischen Versuchsanordnung. Das kann so nicht gemeint sein, und ist doch ein Gedanke, den uns die Engel des Romans zuraunen.

Olga Martynova: Der Engelherd. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2016. 368 Seiten, 22 €.

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