Der Fall Lewitscharoff : Spuren im Werk

Ihre Romane spielen mit Metaphysik. In ihrer Dresdner Rede machte Sibylle Lewitscharoff Ernst damit.

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Tatort Theater. Lewitscharoff sprach am Sonntag im Rahmen der „Dresdner Reden“ im dortigen Staatsschauspiel.
Tatort Theater. Lewitscharoff sprach am Sonntag im Rahmen der „Dresdner Reden“ im dortigen Staatsschauspiel.Foto: kairospress

Jetzt gehen die Fragen los. Wo stand es schon geschrieben? Unter welcher literarischen Decke hatte Sibylle Lewitscharoff ihr Ressentiment versteckt? Und muss man ihren für Mitte April angekündigten Roman „Killmousky“ nun mit der moralischen Lupe nach fragwürdigen Stellen absuchen? Erst einmal: Hier steht es geschrieben, auf gut 13 eng bedruckten Seiten, die ihrer Intonation und dem rhetorischen Schliff nach keineswegs aus ihrem fiktionalem und poetologischen Werk herausfallen.

Es kann wirklich keine Rede davon sein, dass sie sich bisher nur zurückgehalten haben und nun ihr nur wahres Gesicht zeige. Was an der Dresdner Rede Meinung ist, versucht sich, auf gute Gründe zu berufen, und wenn die Dinge am Ende gründlich schief und durcheinander gehen, kann und muss man ihr das vorwerfen, aber es ist kein Anlass, auf einmal ihre Romane mit spitzen Fingern anzufassen.

Die schwäbische Pietistin Sibylle Lewitscharoff spricht in ihren beiden großen Totenbüchern, den Romanen „Consummatus“ und „Apostoloff“, zum Teil auch in „Blumenberg“, von keinen anderen Erfahrungen als denjenigen, die sie in Dresden bemühte. Wo aber die Romane in ihrem Metapherngewoge zwischen Diesseits und Jenseits offensiv ironischen Charakter haben, da entfaltet die Rede in der unauflösbaren Einheit von Person und Text eine moralische Verbindlichkeit, die ihre Legitimation nicht daraus beziehen kann, dass es ihrer Verfasserin damit ernst, ja todernst ist.

Rede von Sibylle Lewitscharoff: Was ist schlüssig, was anstößig?

Gute Romane sind in der Regel für unterschiedliche Lektüren offen – und oft klüger als ihre Autoren. Das Numinose, mit dem ihre Texte flirten, war deshalb für Ungläubige nie ein Problem, gleich, ob sie selbst ein intimeres Gespräch mit Gott führt, als es ihre Fiktionen verraten. Die Rede, die persönliche Erfahrungen, Intuitionen und auch Idiosynkrasien bemüht, macht es allerdings nun zum Problem.

Denn sie gewinnt ihre Autorität nur vor einem christlichen Menschenbild, das die absolute Unverfügbarkeit des menschlichen Lebens behauptet – und überdies fundamentalistische Ideen propagiert, die nicht weniger gefährlich sind, als die Vorstellung, man könne alles Urteilen über Anfang und Ende des menschlichen Daseins dem persönlichen Belieben anheim stellen. Ohne gemeinschaftliche Regeln geht es nicht.

Um das Schlüssige und das Anstößige von Lewitscharoffs Rede auseinander halten zu können, muss man sie allerdings ganz lesen – von den für viele nachvollziehbaren Passagen über Tod und Sterbehilfe bis zum inkriminierten letzten Drittel über die Reproduktionsmedizin mit seinen fatalen Begrifflichkeiten.

Man muss Sibylle Lewitscharoff also wenigstens zugestehen, dass sie bioethische Kernfragen unserer Gesellschaft anspricht. Um für die bunte Menge derer konsensfähig zu werden, aus der Gesellschaft heute besteht, verlangt sie eben nur nach säkularen Begründungen, die sich im Ergebnis – nämlich nicht alles Leben nach gusto zu manipulieren – von Lewitscharoffs Vorstellungen vielleicht gar nicht so sehr unterscheidet.

Sibylle Lewitscharoff und die Lust an der Provokation

Der in Harvard lehrende Philosoph Michael Sandel hat vor einigen Jahren ein Aufsehen erregendes „Plädoyer gegen die Perfektion“ geschrieben, eine „Ethik für das genetische Zeitalter“, die auch im Namen von Gerechtigkeit dem Markt – und damit den Reichen – Gesundheit und Schönheit als reines Konsumgut verweigern will. Es erschien damals mit einem Nachwort von Jürgen Habermas, der im Rahmen seiner Überlegungen zum Klonen selbst nach Gründen suchte, die außerhalb religiöser Vorstellungen liegen.

Bei Sibylle Lewitscharoff kommt noch eine Lust an der Provokation hinzu, deren Folgen sie nicht zuletzt durch falsche Wortwahl in Dresden wohl unterschätzt hat, zumal sie nicht mit dem üblichen Witz abgebunden war.

Es gibt einen kulturkonservativen Zug in ihr, der sich in fatale Höhen aufschwingen kann, erst recht, wenn sie sich mit ihrem erzkatholischen Freund, dem Schriftsteller Martin Mosebach, über die Obszönität der Gegenwart heißredet – und die von ihm vor einiger Zeit angeregte Idee eines Blasphemieverbots sogar charmant findet. Sie gibt sich dann als große Unzeitgemäße gegen alle Moden – und begibt sich in eine Gesellschaft von Altvorderen, die ihr selbst nicht geheuer sein sollte.

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