Kultur : "Der Geliebte der Mutter": Urs Widmers neuer Roman über die Egomanie

Eva Leipprand

"Heute ist der Geliebte meiner Mutter gestorben". Der erste Satz, sagt Urs Widmer in seinen Grazer Poetikvorlesungen, ist das Samenkorn der ganzen Geschichte. Der erste Satz muss dem Leser zeigen, "dass hier der Chef kocht". Hier, am Anfang seines neuen Romans, kocht der Chef zweifellos selbst. In diesem ersten Satz knistert die ganze Spannung einer hochkomplexen Erzählsituation - der Sohn, Ich-Erzähler, berichtet von der Liebesleidenschaft der Mutter, einer lebenslangen Passion, von der keiner wusste - außer ihrem Sohn der nun, sich einfühlend, ihr Geheimnis offenbart.

Die Geschichte selbst ist im Grunde das alte Lied von dem Künstler und Karrieremann auf der einen Seite, der sich nimmt, was er braucht, Hilfe, Liebe, Ergebenheit; wen er nicht mehr braucht, den lässt er fallen, den sieht er gar nicht mehr. Auf der anderen Seite die schöne junge Frau, die dem Geliebten zuarbeitet mit allem, was sie hat. Sie ist allein und über Nacht verarmt. Am Schwarzen Freitag 1929 hat den strengen Vater angesichts des verschwundenen Vermögens der Schlag getroffen. Der Geliebte der Mutter heißt Edwin und ist Dirigent. Sein kometenhafter Aufstieg aus einfachen Verhältnissen ist auch ein bisschen ihr Sieg. Schließlich hat sie als Mädchen für alles mitgeholfen, sein Orchester aufzubauen. Aber dann heiratet Edwin die reiche Erbin einer Maschinenfabrik: "Sie floss wie ein Gewässer aus Gold und Silber aus ihrem Auto, einem Maybach mit Weißwandreifen". Er braucht die Mutter nicht mehr. Einige Jahre lang kommt noch eine Orchidee mit Gruß zu ihrem Geburtstag, dann hört auch das auf. Während die Mutter heimlich ihren "Edwin-Kult" entwickelt und am Fenster stehend in die Ferne schaut, "eine sonnenbraune Isolde mit wilden Haaren, die darauf wartete, dass ein weißes Segel aus dem Wald träte", verdoppelt der berühmte Dirigent und Mäzen sein erheiratetes Vermögen, indem er sich im Krieg mit den Mächtigen arrangiert. Bei seinem Tod ist Edwin der "reichste Bürger des Landes". Der Sohn sieht die Sendung zum Ableben der "Jahrhundertfigur", dabei "fern, sekundenschnell, einen Schatten, der meine Mutter sein mochte."

Das Sohn-Sein des Erzählers

Urs Widmer hat einen ebenso knappen wie dichten Text vorgelegt. Während er in den vorhergehenden Texten den Leser in ein raffinierts Spiel mit Zeit- und Realitätsebenen verstrickte, scheint die Geschichte vom Geliebten der Mutter zunächst eher klassisch erzählt, die Verschränkung der beiden Biographien - des Geliebten und der Mutter - über den Ablauf fast eines Jahrhunderts weitgehend linear dargestellt. Unterschwellig jedoch baut sich über die Seiten eine enorme Spannung auf, die sich in der letzten Szene entlädt. Ein Zufall führt den Erzähler und den neunzigjährigen Edwin zusammen. Der Einsatz des Sohnes für die schlecht behandelte Mutter ist gleichermaßen erregt wie ohnmächtig. Es wird klar: hier geht es nicht nur um die Mutter, er kämpft auch in eigener Sache.

Die künstlerische Form für diese Mutter-Sohn-Beziehung hat Widmer in der verstörenden Zweipoligkeit der Perspektive gefunden. Er erzählt aus der Sicht der Mutter, die aber auch in den Kinderszenen, im Schatten des hochaufragenden, das Fenster verdunkelnden und vernichtend auf sie niederbrüllenden Vaters, "die kleine Mutter" bleibt. Das Sohn-Sein des Erzählers - mehr erfahren wir nicht von ihm - gerät nie in Vergessenheit, es ist der rote Faden. Oft scheint es, als gebe der Sohn wieder, was ihm die Mutter erzählt hat, so voller Leben wirken die Szenen, voll sprechender, mit Gefühl aufgeladener Details, mit Ausrufezeichen versetzt. "Sie wollte zufrieden sein, sie war es. Sie hatte ein Haus! Sie war eine Ehefrau!". Über ihre Naivität im beginnenden Naziterror legt der Sohn den Schleier feiner Ironie. Ein Meisterstück vielschichtiger Erzählkunst: der Besuch des Duce auf dem Weingut der italienischen Verwandtschaft. Wenn es allerdings um die Aktivitäten des Kriegsgewinnlers Edwin geht, dann bebt der Zorn des Sohnes zwischen den Zeilen.

Lähmende Trauer, manischer Furor

Seine Beziehung zur Mutter ist jedoch alles andere als eine Idylle. Denn sie hat "ihre Art" - Anfälle von Kindheit an, Absencen, Visionen, Depressionen, die sie mehr als einmal ins Sanatorium bringen. Dann kommt ihr Kind zur Welt, "ihr Kind, ich", und sie verkrallt sich, ein wisperndes "Gespenst", in "Nachtmahre", will ihr Kind mit in den Tod nehmen, will sich ertränken in dem See, worin sich Edwins Pracht spiegelt. "Ihr Kind floh vor ihr, ich, und reckte ihr dennoch die Ärmchen entgegen." Die Perspektive verlagert sich und auf den Sohn. In Passagen von großer sprachlicher Intensität, deren Rhythmus den Wechsel von lähmender Trauer und manischem Furor widerspiegelt, zeigt Widmer das Kind gefangen in der Aura der Mutter. Der Vater bleibt unsichtbar. Nicht umsonst baut sich das Kind eine Burg aus Steinen, "ein uneinnehmbares Kastell".

Natürlich wird dieses Buch Anlass zu mancherlei Spekulationen geben - ob es da autobiographische Züge gibt, ob der Garten hier nicht der Garten dort am Rand von Basel ist, und vor allem ob Edwin, der Geliebte der Mutter, nicht doch einiges mit dem im Mai 1999 gestorbenen Paul Sacher gemein hat, dem reichsten aller Schweizer, der neben seiner Passion für Moderne Musik (er gründete das Basler Kammerorchester) als Mäzen wirkte. Urs Widmer selbst hat mit der Bezeichnung Roman seinen Text dem Bereich des Fiktiven zugeordnet.

"Die Geschichte ist erzählt. Diese Geschichte einer Leidenschaft, einer sturen Leidenschaft. Dieses Requiem. Diese Verneigung vor einem schwer zu lebenden Leben." Die Erleichterung ist spürbar. Hier ist etwas abgeschlossen, in Form gebracht. Es ist das gelungen, was Widmer in einer Poetikvorlesung einen "ästhetischen Sieg" genannt hat. Die Trauer löst sich - ein Rest Wehmut bleibt - in der Schönheit seiner Sätze auch.

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