"Der Geschmack von Rost und Knochen" : Ein Faustschlag Poesie

Jacques Audiards entdeckt die Zweisamkeit. Sein starker Beziehungsfilm "Der Geschmack von Rost und Knochen" ist wie ein Faustschlag Poesie. Nur die Kühlen und Mitleidlosen können noch helfen.

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Ich trage dich. Stéphanie (Marion Cotillard) und Ali (Matthias Schoenaerts.
Ich trage dich. Stéphanie (Marion Cotillard) und Ali (Matthias Schoenaerts.Foto: Wild Bunch

Ein Titel wie für ein Splatter-Movie? Es sei denn, man entdeckt das Staubkorn Poesie darin. Wobei „Der Geschmack von Rost und Knochen“ nichts Filigranes, nichts Zartes an sich hat. Ein Faustschlag Poesie, das ist dieser Film. Jacques Audiard jüngstes Werk bringt seine ganz eigene Welt hervor, eine, in der wir vorher noch nie waren.

Irritiert der Anfang? Alain (Matthias Schoenaerts) sieht nicht gerade aus wie ein guter Vater. Nicht so, als ob er überhaupt zu jemandem eine nähere Beziehung unterhält, schon gar nicht zu sich selbst. Der Fünfjährige neben ihm ist sein Sohn, aber was heißt das? Es heißt nur, dass er ihn mitnehmen musste.

Die beiden unternehmen eine Reise ins Ungewisse, aus Frankreichs Norden in den Süden, denn da wohnt Alains Schwester, letzter Anhaltspunkt in der Welt. Zugabteile, Mitfahrgelegenheiten. Vater und Sohn essen, was andere übriglassen. Was so beginnt, hat man früher einmal „sozialkritisches Kino“ genannt. Heute heißt es Arthouse oder „Der besondere Film“ oder einfach nur „schlechtes Kino“. Schlechtes Kino kann unter anderem bei dem Versuch zustande kommen, die Verlorenheit des Menschen in der modernen Gesellschaft abzubilden. Es sei denn, die Bilder entstehen so beiläufig wie hier und bringen etwas anderes mit ins Spiel: Physik. Es geht hier auch um Nähefelder, um Anziehungen und Abstoßungen.

Nähe, Intimität? Vielleicht würde Alain die eigentümliche Ferne zweier Menschen, die miteinander schlafen, so bezeichnen. Als er die etwas lädierte unbekannte Frau (Marion Cotillard) aus dem Nachtclub nach Hause fährt, kann er in der Tat an wenig anderes denken. Seine Schwester hat ihn und den Jungen mittlerweile aufgenommen; er ist jetzt Türsteher einer Diskothek. Die Tätigkeit entspricht recht gut seiner Haltung zur Welt, was eine gewisse Verantwortung für die Gäste nicht ausschließt. Und vielleicht möchte sich die Nutznießerin dieses Verantwortungsgefühls ja bei ihm bedanken?

Nein, will sie nicht. Auch gut. Vielleicht wird es Zeit für den Hinweis, dass es sich bei „Der Geschmack von Rost und Knochen“ um einen Liebesfilm handelt. Aber eigentlich ist es sehr lange keiner, bis zum Schluss nicht, und selbst dann ist es noch immer nicht das richtige Wort.

Also ein außergewöhnlicher Liebesfilm? Das erste Mal begegnet Alain einer vom Aufenthalt in der Nachtbar leicht demolierten Marion Cotillard, bei ihrer zweiten Begegnung hat sie schon keine Beine mehr: Es war ein Unfall im Marineland. Die Orcas haben die Trainerin vom Beckenrand gerissen. Vom Beckenrand, aus dem Leben, von einem Augenblick auf den anderen. Schicksalsschläge dieser Art deuten im Kino gewöhnlich auf das Schlimmste: Ihre Gewaltsamkeit ist nicht selten das Maß der sie kompensierenden Sentimentalität. Nichts davon bei Jacques Audiard. Die Unvorhersehbarkeit des Vorhersehbaren ist erstaunlich. Selbst die Côte d’Azur sieht bei ihm ungefähr so aus wie Berlin in dieser Januarwoche, und das sogar bei Sonnenschein.

„Der Geschmack von Rost und Knochen“ ist wie eine Variation auf „Ziemlich beste Freunde“: Hier wie dort können nur die Kühlen, die Mitleidlosen den schwerstbehinderten Helden noch helfen. Sie bringen dem Gelähmten und der Frau ohne Beine etwas von dem zurück, was endgültig verloren zu sein scheint: Normalität. Anders aber als François Cluzet und Omar Sy im Kinohit des vergangenen Jahres kommen Cotillard und Schoenaerts mit wenig Worten aus. Wie beredt ist ihre Rauheit, ihr Schweigen.

Wir gehen schwimmen! Und der Mann lädt diese Restfrau auf seinen Rücken, er trägt die Stümpfe über den Strand, vor aller Augen, als ob es nichts Selbstverständlicheres, nichts Schöneres gäbe. So ist es wohl, es gibt nichts Schöneres als den Moment, in dem der Körper ins Wasser gleitet. Was für ein Ende, was für ein Anfang: Auch für Alain geht es um die Rückkehr ins Leben, nein, um seine Ankunft darin.

Cinema Paris, Cinemaxx, Filmtheater

am Friedrichshain, Kulturbrauerei,

Neues Off, OmU im Cinema Paris,

Hackesche Höfe und Rollberg

Ein Interview mit Regisseur Jacques Audiard finden Sie hier

Ein Interview und die Filmkritik zu „Hannah Arendt“ finden Sie hier

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