Kultur : Der Gott des Geschwätzes

Filmfest Venedig: neue Filme von Roman Polanski, David Cronenberg und Madonna

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Freud und Leid. Keira Knightley und Viggo Mortensen in David Cronenbergs Psychoanalyse-Drama „A Dangerous Method“. Foto: Festival
Freud und Leid. Keira Knightley und Viggo Mortensen in David Cronenbergs Psychoanalyse-Drama „A Dangerous Method“. Foto: Festival

Eigentlich hatten die italienischen Gazetten zur Eröffnung des 68. Filmfests Venedig die Rückkehr des Genrekinos prophezeit. Thriller, Actionfilme, Krimis und Melodramen stünden auf dem Programm, Hollywood satt. In der Tat sind die USA allein mit fünf von 23 Filmen im Wettbewerb vertreten, im Hauptprogramm mit 66 Produktionen finden sich insgesamt 17.

Action? Am dritten Festivaltag beginnt man sich danach zu sehnen. Bislang findet der Krieg mit Worten statt, oder zwischen den Worten: in Roman Polanskis Adaption von Yasmina Rezas Erfolgsstück „Der Gott des Gemetzels“ genauso wie in David Cronenbergs „A Dangerous Method“ über drei Pioniere der Psychoanalyse, Carl Gustav Jung, Sigmund Freud und Sabina Spielrein, auch das ein verfilmtes Bühnenstück. George Clooneys Wahlkampf-Drama „Die Iden des März“ gab zur Eröffnung den Takt vor: Rededuelle überall. Selbst in Madonnas außer Konkurrenz gezeigtem Langspielfilm-Debüt „W. E.“ über die amerikanische Society-Diva Wallis Simpson und Edward VIII., der ihretwegen auf den englischen Thron verzichtete, wird weniger obsessiv geliebt und gnadenlos geächtet, als diskret (und immer perfekt frisiert) gelitten.

Das eigentliche Hollywoodkino steht noch aus. Roman Polanski tritt hier mit einer deutsch-französisch-polnisch-spanischen Produktion an; Cronenbergs in Zürich und Wien angesiedelter Film wurde zwar auf Englisch gedreht, aber komplett deutsch finanziert. Nichts gegen reinen Psychoterror oder den Disput von Ideen im Kino. Aber warum so uninspiriert, warum hat die 68. Festivalausgabe von Venedig bislang vor allem gediegenes Bildungsbürgerkino zu bieten?

Polanski hat im Grunde Yasmina Rezas Boulevardklassiker abgefilmt, mit hochkarätigen, nach der Premiere gefeierten Akteuren: Kate Winslet, Christoph Waltz und John C. Reilly. Jodie Foster war in letzter Sekunde doch nicht an den Lido gekommen. Zwei Ehepaare treffen sich, um friedlich über einen Streit zwischen ihren 11-jährigen Söhnen zu diskutieren, bei dem der eine dem anderen zwei Zähne ausschlug. Die Sache eskaliert bekanntlich, die angeblich so toleranten, wohlerzogenen Mittelschichtler lassen allen Benimm fahren, beschimpfen und bekriegen einander, ein vergnügliches, zunehmend alkoholisiertes Schlachtfest. Polanski hat die Story von Paris nach New York verlegt, ein Kammerspiel mit einer auf Schuss und Gegenschuss sich beschränkenden Kamera sowie kurzen Sequenzen im Park von Brooklyn, das ist schon alles. Wobei die Brooklyn-Szenen wie die Manhattan-Ausblicke aus dem Fenster in Polanskis Abwesenheit entstanden sein müssen: eine Pikanterie in eigener Sache, da in den USA ein Haftbefehl gegen ihn vorliegt, wegen seines Missbrauchsdelikts von 1977. Nach seinem Schweizer Hausarrest reiste Polanski nun auch nicht an den Lido.

So kann man sich lediglich darüber streiten, ob es einem nun besser gefällt, wie Jodie Foster als Mutter des „Opfers“ von der Inkarnation der political correctness zur Dauerhysterikerin mutiert oder wie John C. Reilly als ihr zunächst gutmütiger Gatte seiner kindlichen Zerstörungslust freien Lauf lässt. Beide werden in jedem Fall von Kate Winslet als „Täter“-Mutter getoppt, die formvollendet die Contenance wahrt, bis sie den Kuchen der Gastgeber in hohem Bogen auf kostbare Kunstbände speit, um am Schluss herzerfrischend ordinär aus der Haut zu fahren. Winslet ist sowieso immer am besten, wenn sie ihre nichtglamouröse, bodenständige Seite ausspielen darf. Und Christoph Waltz stellt als dauertelefonierender Anwalt erneut unter Beweis, dass er im Fach des distinguiert Maliziösen seit „Inglourious Basterds“ den Weltmeister stellt.

Spaß macht es schon, den Herrschaften bei der Freilegung ihres so sorgsam verborgenen Aggressionspotenzials zuzuschauen. Aber Polanski fügt dem an Europas Bühnen schon vielfach mit großartigen Schauspielern inszenierten Stück keine neue Dimension hinzu, keinen Aberwitz, keine Tiefenschicht.

Auch von Cronenberg hätte man mehr erwartet. Wie Polanski hat sich der Kanadier als Spezialist für die Abgründe unter der dünnen Kruste der Zivilisation einen Namen gemacht – in Filmen wie „Die Fliege“ oder „A History of Violence“. Der ideale Regisseur also für einen Film über Freud und Jung, die um die größere Autorität in der Psychoanalyse konkurrieren, während Jung eine Sadomaso-Affäre mit einer Patientin eingeht, mit der hochsensiblen Sabina Spielrein, die selber Analytikerin wird. Aber Cronenberg hat seine Stars Keira Knigthley, Viggo Mortensen (als Freud) und Michael Fassbender (als Jung) nur in einen hübsch ausstaffierten Kostümfilm gesteckt, in dem Knightley ein wenig spastisch zucken darf, während die Männer sich in Brief- und Wortwechseln austauschen. Der erotisch wie analytisch hochspannende Augenblick der Übertragung, das revolutionäre Potenzial von Selbstversuchen in Sachen Sex, die tragische Schönheit überspannter Seelen, all das hat Cronenberg seltsamerweise nicht interessiert.

Enttäuschte Hoffnungen, sogar bei Madonna. Beim roten Teppich zur Gala-Vorführung von „W. E.“ ließ sie eine halbe Stunde auf sich warten, schenkte den Fotografen kaum Aufmerksamkeit, gab keine Autogramme. Ein Filmfest ist ein einziges großes Versprechen, auf Schauwert, Erkenntnis, Exzentrik, Glamour. Venedig hat bislang nur Bravheiten zu bieten.

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