Kultur : Der Groove der Gräser - Urna Chahar-Tugchi singt im Haus der Kulturen

ROMAN RHODE

Tiergarten, abends.Auf dem Rasen bolzen Fußballer, türkische Familien genießen Lammfleisch vom Grill.Im Haus der Kulturen der Welt dagegen hüpfen die Lämmer fröhlich über die Kurzgrassteppe der Inneren Mongolei.Davon jedenfalls erzählen die Lieder von Urna Chahar-Tugchi.Die zierliche Sängerin trägt die Folklore ihrer Heimat mit andächtig geschlossenen Augen vor.Und mit ihrer Obertonstimme haucht sie so zart wie glasklarer Wind, keckert so frech wie eine Ziege, bis auch die letzten Gräser der Hochebene von Ordos, dem legendären "Meer der Lieder", zur Blüte kommen.Urna stammt selbst aus einer Hirtenfamilie, schrieb sich jedoch am Konservatorium von Shanghai ein, wo sie traditionelle chinesische Musik studierte.Dort traf sie auf den Bayern Robert Zollitsch, der sich gerade auf einer Wölbbrettzither schulte.Diese Begegnung legte den Grundstein für ein gemeinsames musikalisches Projekt, das seit 1994 durch Europa tourt.Auch auf dem zweiten Album "Ödööd" (etwa: "die weite Steppe") gibt die Mongolin ihrer eigenen Tradition neue Impulse, begleitet von Musikern, die inzwischen alle in Berlin leben.Da bläst der Chinese Wu Wie in sein Sheng aus 37 Bambuspfeifen, das wie eine Kreuzung zwischen Sopransax und Mundharmonika klingt, Zollitsch sitzt an einer alpenländischen Zither, Oliver Kälberer zupft Gitarre wie Mandoline, und Sebastian Hilken unterstreicht die Melancholie des Graslandes mit seinem Cello.Aus elegischen Landschaftsbildern rollt schließlich ein Groove hervor, der die stadtfeste Erde wie ferner Galopp von Wildpferden erschüttert.Tiergarten, nachts: Von kleinem Grase wächst ein großes Tier.

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