Kultur : Der Heldenpoet Zum 80. Geburtstag von Ernesto Cardenal

Roman Rhode

Als er 1980 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegennahm, erschien Ernesto Cardenal in seiner üblichen Kluft: Bluejeans, schlichtes nikaraguanisches Bauernhemd und auf dem weißen Haar die Baskenmütze. Bundespräsident Carstens blieb der Verleihung damals fern, weil der Name des Preisträgers mit der gewaltsamen Niederwerfung der Somoza-Diktatur verbunden ist. Doch Cardenal, in der sandinistischen Revolutionsregierung seinerzeit Kulturminister, berichtete bereits von einem neuen Krieg: „Wir haben dem Feind keine Atempause gelassen und Salven von A-E-I-O-U abgefeuert, die Angst und Schrecken in den Reihen des Feindes (der Unwissenheit) verbreitet haben.“

Als Kulturminister stand Cardenal zwar nicht der Alphabetisierungskampagne vor, er trieb jedoch eine Art Alphabetisierung der Poesie voran. Unter seiner Ägide entstanden landesweit volkstümliche Dichterwerkstätten. Bei den Regeln fürs Gedichteschreiben, die er eigens dazu aufstellte, handelte es sich im Grunde um die Prinzipien Ezra Pounds, von dessen Lyrik Cardenal selbst beeinflusst ist. So bedient er sich in seinen Gedichten einer klaren, bildhaften Sprache, die auf Versmaß, Symbole und rhetorischen Schmuck verzichtet, dafür oft vom aktuellen, prosaischen Alltagsgeschehen durchdrungen ist. Cardenal, der aus einer der reichsten Familien Nikaraguas stammt, stellt das Wort in den Dienst des sozialen Engagements. Das macht ihn zu einem der meistgelesenen Lyriker Lateinamerikas.

Daran änderte auch seine Karriere als Geistlicher nichts. Zwar begab sich der einstige Frauenheld mit 32 Jahren in ein von dem Dichter und Mönch Thomas Merton geführtes Trappistenkloster in Kentucky und erhielt 1965 die Priesterweihe. Im folgenden Jahr übernahm der Dichterpriester eine christliche Basisgemeinde auf dem Solentiname-Archipel im Nikaragua-See – ganz im Geist der lateinamerikanischen Befreiungstheologie. Elf Jahre später mündete das Projekt in einen größeren Volksaufstand gegen die Nationalgarde Somozas. Cardenal musste das Land verlassen und wurde Sprecher der Sandinistischen Befreiungsfront (FSLN). Während seiner Zeit als Kulturminister gelang ihm mit dem „Cántico Cósmico“ der letzte große Wurf: Ein lyrischer Monumentalzyklus, der Religion, Natur und Geschichte zusammenführt und mit Pablo Nerudas „Canto General“ oder den „Cantos“ von Ezra Pound vergleichbar ist.

Und die Revolution? Cardenal besang sie auch nach seinem Austritt aus der FSLN, zuletzt in einer umfangreichen Autobiografie. Heute wird Ernesto Cardenal, der inzwischen zurückgezogen in Managua lebt, 80 Jahre alt.

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