Kultur : Der Horror, das Abgründige und das Destruktive

Der Kunstverein Hannover präsentiert den belgischen Maler Luc Tuymans als einen der wichtigsten politischen Künstler der Gegenwart

Burcu Dogramaci

Zurzeit existiert kaum ein anderer Künstler, der differenzierter, ja auch feiner mit den Möglichkeiten der Malerei umgeht. Die Bilder des in Antwerpen lebenden Luc Tuymans scheinen aus Schichten von Nebel gemalt zu sein, unter denen die Figuren und das Geschehen nur schemenhaft erkennbar sind. Unter diesen virtuos aufgetragenen Schleiern lauern die Abgründe der Zivilisation. Kein anderer Maler der Gegenwart vermag die Traumata der Geschichte, vermag Macht und Gewalt unnachgiebiger zu thematisieren als Luc Tuymans.

Seit Ende der achtziger Jahre widmet sich der 1958 im belgischen Mortsel geborene Künstler kontinuierlich tabuisierten, schwierigen Themen wie den nationalsozialistischen Massenmorden oder der gewalttätigen kolonialen Vergangenheit seiner Heimat – eine Arbeit, die 2001 auf der Biennale in Venedig für Kontroversen sorgte. Tuymans gestaltete den belgischen Pavillon und zeigte den Zyklus „Mwana Kitoko“, der auf die Verantwortung Belgiens für die blutigen Geschehnisse im ehemaligen Kolonialland Kongo verwies. Der Künstler konnte mit kühl gemalten Bildern, die nur unterschwellig das Grauen andeuten, eine Diskussion über Schuld und Kolonialismus entfachen. Spätestens seit Venedig zählt er zu den wichtigsten und zugleich politischsten Künstlern der Gegenwart. Neben Daniel Richter, Neo Rauch und Elizabeth Peyton steht Tuymans derzeit im Mittelpunkt einer euphorisch gefeierten Renaissance der Malerei.

Im Kunstverein Hannover inszeniert Luc Tuymans nun eine wunderbare Ausstellung, die in einem Rundgang durch mehrere Räume die inhaltliche und ästhetische Geschlossenheit seines Werks vor Augen führt. Neben seinen meist kleinformatigen, in fahlen Farben gehaltenen Gemälden und Zeichnungen, sind einige Videostills und, als Einblick in das Archiv des Künstlers, auch Polaroids ausgestellt.

Mit 19 Jahren bekam er ein Buch über James Ensor in die Finger und entdeckte auffällige Parallelen zu seiner Malerei. Er erkannte, dass alles bereits existiert, gesagt, gemalt ist. Enttäuscht wandte Tuymans sich für einige Jahre dem Video zu. Die Filmstills in der Ausstellung zeigen Parallelen zu den Gemälden – auch hier Unschärfen, auch hier beunruhigende Motive wie die abgefilmte Fotografie einer Verstorbenen auf einem Jüdischen Friedhof oder der panoramatische Blick auf das Schlachtfeld von Waterloo.

Obwohl sich Tuymans wieder der Malerei öffnete, blieb das Misstrauen in die eigene Fantasie. Daraus resultiert seine Motivsuche im Fundus der Kunstgeschichte, der Medien und der Geschichte. „Authentische Fälschung“ nennt Tuymans dieses Vorgehen. Alte Zeitschriften, Broschüren und Fotografien sind sein visuelles Archiv, in das Tuymans in exzessiver Spurensuche hineintaucht. Auch die erstmals in Deutschland gezeigte Serie „Die Passion“ (1998/99) geht auf einen Prospekt zurück, der von den Oberammergauer Passionsspielen stammt. Dies erklärt, warum die biblischen Gestalten Christus, Petrus und Paulus wie verkleidete Kleindarsteller wirken. Tuymans verwandelt die Religion in ein durchschaubares Bühnenspiel, bei dem die Inhalte ebenso verlustig gehen wie der Heilige Geist: Als gelber Kanarienvogel entschwindet der Spiritus Sanctus in einer kosmischen Wolke.

Noch stärker, noch komplexer als „Die Passion“ ist der vielfach gezeigte Zyklus „Die Zeit“ (1988). Obwohl nach dem Zweiten Weltkrieg geboren, ist die Erinnerung an den Nationalsozialismus für Luc Tuymans ein wichtiges Thema. In seinen kleinformatigen Bildern, deren grünstichige Farben Historizität vermitteln, gerinnen Schreckensorte wie Konzentrationslager und Baracken zu idyllischen Dorflandschaften. Doch hinter den Fassaden lauert das Böse – so wie im Porträt der mörderischen Nazigröße Reinhard Heydrich, das Tuymans aus einer Zeitschrift collagierte. Eine aufgemalte Sonnenbrille verbirgt die Augen, und zurück bleibt die undurchdringliche Maske. Im Horror liegt die Idylle, in der Idylle der Horror – wohl auch ein Erklärungsmodell für die großen Genozide der Menschheit, bei denen durch Demagogie aus friedlichen Nachbarn Täter und Opfer wurden.

Jede Arbeit von Tuymans verhüllt und enthüllt zugleich, trotz politischer Brisanz läuft seine Kunst nie Gefahr, sich in Moralitäten oder Gewissensfragen zu verfangen. Die Lücke zwischen – wie Tuymans sagt – „der Erklärung des Bildes und dem Bild selbst“ ist das Potenzial seiner Malerei. Auch der Künstler selbst entzieht sich der Determinierung. Als Okwui Enwezor ihn für seine politisch ausgerichtete Documenta 2002 haben wollte, reagierte Tuymans trotzig. Er zeigte keinen postkolonialen Zündstoff, sondern produzierte ein riesengroß aufgeblasenes Stillleben und das vanitatische Bild eines Skelettes. Ein Affront! Viele Kritiker waren enttäuscht. Tuymans verstand seine Arbeit jedoch als Kommentar zu einer Documenta, die sich einen politischen Kontext verordnet und dabei zur Entleerung der Inhalte beigetragen habe.

Im Jahr der Documenta-Teilnahme entstanden auch die in Hannover ausgestellten „Exhibits“, fünf Gemälde, die auf einen Besuch in einem japanischen naturhistorischen Museum zurückgehen. Dort präsentierte man ausgestopfte Affen in sexuell provozierenden Stellungen. Tuymans malte die Tiere in einem merkwürdig undefinierten Raum, in dem Scheinwerferspots die obszönen Posen exponieren. Der Betrachter ist der Voyeur einer durch vorgebliches Wissenschaftsinteresse prostituierten Kreatur.

Das Motiv des Voyeurs begegnet in Persona im zentralen und zugleich frühesten Werk der Ausstellung: im surreal anmutenden Bild „The Arena“ von 1978, das retrospektiv für Tuymans eine besondere Stellung in seinem Werk einnimmt. Auf einem bühnenhaften, unbestimmbaren Ort sind Figuren collagiert, über die eine halbdurchsichtige Folie gespannt ist. Einige der zerstückelten Körper sind deutlich zu erkennen, andere wiederum entschwinden dem Blick. Am Rand der unheilvollen Szenerie zeichnet sich eine dunkler Schatten ab. Die Präsenz des heimlichen Beobachters verstärkt das Unbehagen, das jedoch kaum benannt werden kann. Der Horror, das Abgründige und Destruktive sind bei Tuymans ein selbstverständlicher Teil der Kultur. Und er zwingt uns, die Erinnerung daran nicht zu verlieren.

Kunstverein Hannover, bis 27. April. Katalog bei Hatje Cantz, 20 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben