Der Iffland-Nachlass : Auferstanden aus Ruinen

Das angeblich verschollene Archiv des legendären Schauspielers und Berliner Theaterdirektors A.W. Iffland ist plötzlich wieder aufgetaucht und soll verscherbelt werden. Dabei handelt es sich um ein nationales Kulturgut, das unbedingt in Berlin bleiben sollte, sagt Kulturstaatssekretär André Schmitz. Eine Räuberpistole.

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Der Schauspieler und Berliner Theaterdirektor Iffland, hier in seiner Rolle als "Pygmalion" im gleichnamigen Stück von J.J. Rousseau, gemalt von Anton Graff. Das Gemälde von 1800 aus dem Schloss Charlottenburg ist bis 23. Februar in einer Anton-Graff-Ausstellung im Alten Museum zu sehen.
Der Schauspieler und Berliner Theaterdirektor Iffland, hier in seiner Rolle als "Pygmalion" im gleichnamigen Stück von J.J....Foto: picture-alliance / akg-images

Es ist eine Sensation, das allemal, und sollte ein Coup werden. Die Schauplätze der höchst absonderlichen Geschichte heißen Berlin, Wien und Ludwigsburg.

In dem schwäbischen Residenzstädtchen vor den Toren Stuttgarts findet vom 23. bis 25. Januar die „28. Antiquaria“ statt, eine Verkaufsmesse für seltene Bücher, Bilddrucke und Autographen, bestückt von einer Vielzahl mehr oder weniger prominenter deutscher und ausländischer Antiquariate. Und auf Seite 48 des über 150-seitigen Messekatalogs findet sich das: „Die Geburt des deutschen Nationaltheaters: das bislang verschollene Korrespondenzarchiv Ifflands“.

Unter dieser Überschrift hat das Wiener Antiquariat Inlibris die Hinterlassenschaft von August Wilhelm Iffland annonciert. Iffland (1759-1814) war einer der berühmtesten Schauspieler seiner Zeit, er spielte den Franz Moor in der Uraufführung von Schillers „Räubern“, trat in Goethes Hoftheater in Weimar auf – und war von 1796 bis zu seinem Tod 1814 Direktor des Königlichen Nationaltheaters in Berlin, das er zur führenden Bühne machte. Noch heute trägt ein jeweils auf Lebenszeit gewählter Schauspieler den „Iffland-Ring“, aktuell ist das Bruno Ganz.

Zum Nachlass gehören Briefe von Schlegel und Kotzebue, auch ein Schreiben von Goethe

Und nun sollten 34 Bände mit rund 7000 Briefstücken aus Ifflands Korrespondenz für 450 000 Euro auf den Markt kommen. Darunter Briefe von August Wilhelm Schlegel, Johanna Schopenhauer, ein Schreiben von Goethe, 17 Briefe des Dramatikers August von Kotzebue sowie Hunderte von Kostüm-, Besetzungs- und Dekorationsverzeichnissen des Berliner Theaters. Nur der Briefwechsel mit Schiller, dessen an Iffland geschickte Manuskripte und wohl auch einige Goethe-Briefe sind in dem Konvolut nicht enthalten. Aber Kenner wie der Berliner Literaturwissenschaftler Conrad Wiedemann, Inspirator des Projekts „Berliner Klassik“, oder der Berliner Theaterhistoriker Klaus Völker sehen darin einen „Schatz der deutschen Kulturgeschichte“.

So ähnlich begreift das auch Berlins Kulturstaatssekretär André Schmitz. Auf Anfrage des Tagesspiegels nennt er das Iffland-Archiv ein „Kulturgut von nationalem Rang, das in Berlin bleiben muss“. Deswegen habe man im Dezember 2013 rechtliche Schritte gegen den Verkauf der Dokumente eingeleitet.

Zurzeit in Wien. Einer von 34 Bänden aus dem Korrespondenz-Archiv. Das Konvolut enthält 6000 Schriftstücke und über 1000 Antwortentwürfe von Iffland.
Zurzeit in Wien. Einer von 34 Bänden aus dem Korrespondenz-Archiv. Das Konvolut enthält 6000 Schriftstücke und über 1000...Foto: Antiquariat Inlibris/Wien

Tatsächlich liegt das Iffland-Konvolut zur Zeit in Wien. Und galt, wie sich das Wiener Antiquariat Inlibris berühmt, bislang als „verschollen“. Obwohl es jahrzehntelang in einer Privatwohnung in Ostberlin verwahrt wurde. Der Casus ist so kurios wie vertrackt und lässt einige der wenigen Eingeweihten bereits von gewissen Parallelen zum Fall Gurlitt in München sprechen. Allerdings geht es um keine mögliche Raubkunst, wohl aber um eine Art Räuberpistole im Zuge der Kriegs- und Nachkriegswirren.

Vermutlich gehörte das Ifflandarchiv vor 1945 zum Bestand des Museums der Staatlichen Theater in Berlin. Die sehr verschlungenen Wege der hauptstädtischen Theatersammlung hat die Berliner Theaterhistorikerin Ruth Freydank in ihren beiden 2011 erschienenen Bänden „Der Fall Berliner Theatermuseum“ so weit wie heute möglich dokumentiert. Freydank liefert den Nachweis, dass mindestens ab 1929 Iffland-Devotionalien und Korrespondenzen ausgestellt wurden, und zuletzt war das Berliner Theatermuseum in einem Flügel des Berliner Stadtschlosses untergebracht.

Wie auch die Werke der im Schloss situierten Gemäldegalerie wurden wohl auch die Theatermuseumsbestände gegen Ende des Krieges ausgelagert. Vieles, auch von Iffland, ist danach nicht mehr öffentlich aufgetaucht.

Das Antiquariat Inlibris verweist sowohl auf die Forschungen von Ruth Freydank wie auch auf ein „Provenienzgutachten“ vom 4. Oktober 2012, erstellt von der Berliner Akademie der Künste. Inlibris bezeichnet das „Wiederauftauchen“ des Archivs als „Glücksfall“ und spricht im Katalog zweimal in Anführungszeichen von einer Übernahme der „Sammlung Fetting“. Das Gutachten von Stephan Dörschel, Abteilungsleiter des Theaterarchivs der Akademie der Künste, ist freilich nur ein einziges eng beschriebenes Blatt, das dem Tagesspiegel vorliegt. Es besagt, dass die Akademie der Künste (AdK), in Rechtsnachfolge der früheren Akademie der DDR, nach 1945 keine Eigentümeransprüche an den Iffland-Papieren nachweisen könne. Umgekehrt bedeuten Dörschels Auslassungen allerdings keine rechtssichere Provenienz-Zuschreibung zugunsten der „Sammlung Fetting“.