Der KitKat Club wird 20 : Besuch im Hedonistentempel

Wenn die richtigen Leute kommen, sind die Nächte im KitKat Club "einfach scheiße gut", findet Betreiberin Kirsten Krüger. Der Maler und Autor Vigor Calma feiert die legendären Location zum 20. Gründungsjubiläum jetzt in einem E-Book.

von
Lieber Nixe und nackt als bloß normal sein. Vigor Calma vor einem seiner Gemälde im Kitkat Club.
Lieber Nixe und nackt als bloß normal sein. Vigor Calma vor einem seiner Gemälde im Kitkat Club.Foto: David Heerde

Versteh’ einer die Erotomanen. Da will man schön diskret sein – eben Reporter und kein Spanner –, prompt ist es auch wieder nicht recht. Wie, Freitagnacht treffen?, lässt der Künstler ausrichten. Das sei doch die falsche Party. „Die Sexfreaks kommen sonnabends.“ Nur da träfe man auf den Spirit, für den der KitKat Club bekannt ist, die erotische Freizügigkeit, wie sie im Buche steht. Im E-Book nämlich, das der Maler und Autor Vigor Calma zum 20. Bestehen der weit über die Grenzen der Stadt bekannten Hedonisten-Spielwiese am Sonnabend veröffentlicht. Es ist keine historisch wertvolle Clubgeschichte oder literarisch stilisierte Clubfantasie, sondern ein deftiges Sex-, Drogen- und Selbstbefreiungs-Tagebuch der wilden Berliner Nachtclub-Neunziger. Von dem auf erotische E-Books spezialisierten Verlag mit den Anheizerslogans „So viel Sex gibt’s wirklich“ und „Die ganze Wahrheit“ übertitelt.

Weißes Konfetti und Kettenschaukel

Freitagabend im KitKat Club in der Köpenicker Straße. Weißes Konfetti leuchtet überall auf den Böden. Genau wie 1994 bei Vigor Calmas erstem Besuch im Kitkat Club. Auch die lederbezogene, an Ketten aufgehängte Schaukel, auf der sich im Buch intensive zwischenmenschliche Kontakte abspielen, baumelt da. Sonst hat der Club sein Gesicht wie den Standort in den vergangenen 20 Jahren verändert. Los ging es mit der bizarren Blüte der Techno-Subkultur in der Glogauer Straße in Kreuzberg. Nach Stationen am Nollendorfplatz und der Bessemer Straße residiert der Club seit 2007 freitags bis sonntags im Sage-Club am U-Bahnhof Heinrich-Heine-Straße.

Es ist halb zehn, die Gäste kommen um elf. Schummrige, labyrinthische Räume. Tresenkräfte bereiten die Bars vor, zünden Teelichter an. Heizungen bullern. Tanzpodeste, Stangen, Sitznischen flankieren die Dancefloors. Von der Decke hängen Banner mit psychedelischen Ornamenten, heute ist Goa-Party. Der Nachtclub atmet Vorfreude. Am gynäkologischen Stuhl an der hinteren Tanzfläche schimmern die metallenen Beinhalter.

Die Clubchefin, der Künstler und seine Verlegerin sind schon da. Er hat dem Freitagstreffen dann doch zugestimmt. Der schmale Nickelbrillenträger mit der Lederkappe entpuppt sich als selbstironischer, sexuell unauffälliger, lieber Typ. Er sei ja sehr sensibel, hatte Verlegerin Giada Armani bereits vorab betont. Die ebenso liebe, fesche Italienerin war neulich des Buches wegen, also quasi dienstlich, zum ersten Mal im Kitkat. „War eine Nacht wie im Fellini-Film“, sagt sie. Ein Kleinwüchsiger in Lack, eine Dicke in Lederkorsage, stöhnende und plaudernde Münder, Leichtgeschürzte, Angezogene, Tanzende, dazwischen sie, die libidinöse, libertinäre Menagerie bestaunend. „Da habe ich das Gefühl vollständiger Freiheit verstanden, um das es hier geht.“

Liebe und ekstatische Maßlosigkeit

Chefin Kirsten Krüger wird vorgestellt. Noch eine Liebe. Sobald der Club öffnet, bezieht sie ihren Platz an der Tür. Im KitKat, der nach dem verruchten Etablissement aus dem Musical „Cabaret“ heißt, sucht die Chefin selber die Gäste aus. Sie ist jetzt 47, hat den Club „für zivilisierte Leute“, wie sich das KitKat nennt, zusammen mit ihrem Freund, dem Österreicher Simon Thaur erfunden. Der ist außerdem Pornofilmproduzent und genau wie Krüger im Buch des gemeinsamen Freundes Vigor Calma mit allerlei drastischen Aua-aua-Intimitäten vertreten.

Über den Club würde ja das schrägste Zeug kolportiert, lächelt die Chefin sibyllinisch aus dunklen Augen und reicht eine weiche Hand. Dabei sei es nur eine wilde Party, und wenn die richtigen Leute kämen „einfach scheiße gut“. Wie der Club sich in 20 Jahren verändert hat? „Gar nicht. Der Anspruch ist immer noch derselbe.“ Das Motto auch: „Do what you want but stay in communication“.

Vigor Calma allerdings kennt einen Unterschied: „Früher war es viel dreckiger.“ Und damit ist nicht nur der Zustand der weiland von ihm in Schwarzlichtmalerei verschönerten Toiletten gemeint. Neunziger eben. Techno-Hochzeit, Körperkult, das Alles-ist-möglich-Gefühl der Nach-Mauerfall-Zeit, chemisch beflügelte Maßlosigkeit, die Partydroge Extasy. Calma geht als katholisch geprägter Endzwanziger auf der Loveparade 1993 erstmalig auf diesen Trip.

4 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben