Kultur : Der Klangpilot

Der Sound der Utopie: Stephan Winkler vertont moderne Philosophie

Tobias Schwartz

Wir befinden uns in einer Art Cockpit. Ein Schreibtisch ähnelt mit der halbkreisförmigen Anordnung metallener Notenständer der Kanzel eines Piloten. Nur sind die vielen Knöpfe hier Noten. Der Pilot trägt keine Uniform, sondern Jeans und Turnschuhe und ist eigentlich Komponist. Wenn man so will, ist Stephan Winkler aber ein Musikpilot. Zwar fliegt er nicht in unendliche Weiten. Doch stets erobert er neues, ungewohntes Terrain. Am 1. September wird sein Stück „Von der Natur des Menschen“ vom Berliner Sinfonie Orchester (BSO) unter der Leitung von Chefdirigent Eliahu Inbal uraufgeführt.

Winkler hebt gerne ab. Immer wieder bricht der 1967 in Görlitz geborene Komponist mit dem Verbots-Kanon der E-Musik-Szene. Allen Populismusvorwürfen zum Trotz lässt er rhythmische Komplexität sinnlich spürbar werden. Und er integriert elektronische Laute in seine Klangwelt, die man aus der Popmusik zu kennen glaubt. Seit Jahren ist er eng mit der Neue- Musik-Szene verwoben. Viele junge Komponistentalente wetteifern heutzutage um die Gunst ihrer Lehrer, indem sie diese kurzerhand imitieren. Ganze Karrieren können aufgrund von abweichender Eigenwilligkeit zugrunde gehen oder zumindest ins Schwanken geraten. „Einem Komponisten“, erklärt Winkler, „darf es nicht um kalkulierte Gefälligkeiten gehen. Konzessionen an ein Publikum können nicht Sinn und Zweck von Kunst sein. Das heißt nicht, das man sich dem Publikum verschließen muss.“

In England etwa integriert der 1960 geborene Komponist Marc-Anthony Turnage Jazz-Elemente in seine Musik. Eine dogmatische E-Musik beraube sich fruchtbarer Möglichkeiten. Winkler komponiert antidogmatisch. Darin liegt eine Parallele zu den Theorien des amerikanischen Philosophen Noam Chomsky und des französischen Denkers Michel Foucault. Ein berühmtes Streitgespräch, das beide Intellektuelle 1971 in Eindhoven führten, dient als Grundlage der neuen Partitur. „Von der Natur des Menschen“ lautete das Gesprächsthema damals – so heißt nun auch Winklers Stück.

Gibt es eine Natur des Menschen? Und wenn ja, würde es uns helfen, bessere Ordnungen in unsere Gesellschaft zu bringen? Die Denker diskutierten diese ethischen Fragen kontrovers. Chomsky plädierte für den Nutzen eines Begriffs der „Natur des Menschen“. Foucault argumentiert dagegen. „Es geht eigentlich um die Frage, ob man Utopien entwickeln darf“, folgert der Komponist, der sich seit Jahren mit Chomsky beschäftigt.

Sein neues Stück konzentriert sich besonders auf die Sprache des Gesprächs. Winkler überträgt die Töne der Diskutierenden in ein Notensystem: Metrik, Melodie und Dynamik des Dialogs werden so zu Musik. Die akribische Transkription, die er auch als „Klangrede“ bezeichnet, bildet den Hauptsatz seiner Komposition für großes Orchester.

Dichter und Denker haben im Werk Winklers immer eine große Rolle gespielt. So vertonte der Absolvent der Berliner Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ 1989 Gedichte Arsenij Tarkovskijs. 2003 komponierte er „Grünbeins Musik“ nach einem Gedicht von Durs Grünbein – aufgeführt im Fußballglobus am Brandenburger Tor. Seinem Werk „Vom Durst nach Dasein“ liegt ein Text von Robert Musil zugrunde. Diese Komposition befindet sich neben „Zigzag“ und „Gullinkambi“ auf seiner aktuellen CD, die ein technisches Novum darstellt: Es handelt sich um eine Dual-Disc. Die doppelseitigen Träger, bestehend aus CD und DVD, sind in den USA bereits handelsüblich. So ist dem für sechs Saxofone geschriebenen „Zigzag“ ein Film des Videokünstlers Jesko Marx beigegeben. Audiovisuelle Konzepte stehen auch im Mittelpunkt der Künstlergruppe „Skart“, die Winkler zusammen mit dem Berliner Komponisten Michael Beil gegründet hat.

Wie in der Popmusik entsteht der Sound durch eine spezielle Nachbearbeitung: Der Komponist mischt die Tonspuren eigenhändig ab und schneidet so einen Klangkörper zusammen. Ein für die ernste Musik ungewöhnliches Verfahren – denn dort gilt die konzertante Aufführung als das eigentliche Kunstereignis.

Schon seit Mitte der Neunzigerjahre beschäftigt sich Winkler verstärkt mit elektronischer Musik, auch aus dem Drum’n’Bass-Bereich. Diese Nähe zur elektronischen Tanzmusik brachte dem Komponisten den Zorn der Zunft ein, erinnert sich Winkler belustigt. Zusammen mit dem Dichter und Deklamator Max Goldt bildet er das Künstlerduo Nuuk. Zuletzt erschien die CD „Nachts in schwarzer Seilbahn nach Waldpotsdam“. Winkler kombiniert darin von Goldt selbst gesungene Texte mit elektronischer Musik.

Der Sohn eines Kirchenmusikers fühlt sich der Vielschichtigkeit Bach’scher Musik besonders verpflichtet. Die Uraufführung seiner Vertonung des Philosophengespräches im Berliner Konzerthaus steht zwischen einem Mozart-Violinkonzert und Schumanns vierter Symphonie. Ein Zufall. Doch auch in diesem Umfeld fühlt sich Winkler durchaus wohl.

Soeben erschien Stephan Winklers CD „Vom Durst nach Dasein/Gullinkambi/Zigzag“ (Wergo). „Von der Natur des Menschen“: 1., 2. und 3. September, Konzerthaus am Gendarmenmarkt, Tel. 203092101

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