Kultur : Der Knall nach dem Fall

Messebetrieb adieu: Die Art Forum Berlin ist abgesagt

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Es war einmal. Besucher auf der Art Forum Berlin 2009. Foto: ddp
Es war einmal. Besucher auf der Art Forum Berlin 2009. Foto: ddpFoto: ddp

Erst vor einem Monat fand das Gallery Weekend statt und wurde als großer Erfolg für den Kunsthandelsstandort Berlin gefeiert. Doch hinter den glänzenden Kulissen rumorte es bereits kräftig. Gestern nun wurde es öffentlich: „Das art forum berlin findet zum geplanten Zeitpunkt 30. September bis 2. Oktober 2011 nicht statt.“ So lautet der letzte Satz der Mitteilung der Messe Berlin GmbH.

Die Absage einer seit 1996, also bereits 15-mal veranstalteten Messe ist keine Kleinigkeit. Dazu muss mehr vorgefallen sein als kleinliche Eifersüchteleien, wie es sie im Kunstbetrieb allenthalben gibt. Hier aber reichen die Konflikte sehr viel weiter. Es geht um die Frage, wie Gegenwartskunst – denn um die geht es in Berlin – am besten ans Publikum gebracht werden kann. Die Brotarbeit leisten die Galerien, die rund ums Jahr ihr Programm vorstellen. Konzentriert treten vor allem die Schwergewichte bei Ereignissen wie dem Gallery Weekend auf. Und alle zusammen locken sie die Kunstinteressierten zur Messe mit ihren Ständen und Kojen.

Dieses Idealbild hat in Berlin längst Risse bekommen. Der Messeauftritt ist, gelinde gesagt, nicht billig. Selbst Junggaleristen müssen zu vergünstigten Konditionen um die 10000 Euro für eine Teilnahme aufbringen. Auch haben sich flankierende, zuletzt eher konkurrierende Veranstaltungen aufgetan, vor allem die Messe „abc“ (Art Berlin Contemporary). Ihr Potenzial ist derart gewachsen, dass sie in Verhandlungen mit der Messe-Gesellschaft über die Zukunft von Art Forum eintrat. Noch am Freitag schien man auf einem guten Weg zu sein. Diskutiert wurde eine Vereinigung der Kunstmessen abc und Art Forum, ein Umzug in den ehemaligen Postbahnhof und die Vorverlegung des in diesem Jahr erst für Anfang Oktober vorgesehenen Termins: Er war als zu nahe an den Kunstmessen in Paris und London kritisiert worden. Diese Nähe bezeichnet das Berliner Trauma. Paris lockt mit dem großen Namen und einem üppigen Angebot an sonstigen Kunstveranstaltungen, wenngleich die Messe selbst nicht das absolute Not-to-miss darstellt. In London hingegen hat sich die Frieze Art Fair von Anfang an als radikal zeitgenössische Schau verstanden und ein fest stehendes Markenimage aufgebaut.

Den wahren Maßstab bildet die Art Basel. An sie kommt weltweit keine zweite Messe heran. Ihre Verankerung im Bereich der Klassischen Moderne – sprich: der hohen Preise – sichert ihr ein auskömmliches Fortbestehen. Mehr noch: Die Art Basel expandiert in andere Regionen; nach Miami ist nun Hongkong als Filiale im Aufbau. Andere Kunstmessen, unter denen die Madrider ARCO oder die Armory Show in New York herausragen, konnten an der Rangfolge nichts ändern, während von der aktuellen Kunstproduktion Standorte wie Moskau oder Dubai von der Nähe zum dortigen großen Geld zu profitieren hoffen. Von der Art Cologne, die im Frühjahr zum bereits 45. Mal stattfand und sich nach einer mehrjährigen Durststrecke bemerkenswert erholt zeigte, war in Berlin wenig die Rede; dabei ist es die Kölner Messe, die am heftigsten am Basler Thron hatte rütteln können.

Der herkömmliche Messebetrieb setzt auf Kojen, die von den zahlenden Mietern bestückt werden. Demgegenüber bewegte sich die abc auf eine, wie es in Neudeutsch heißt, „kuratierte“ Ausstellung hin. Auch die anstehende abc soll, im „innovativen Format“ einer kuratierten Ausstellung abgehalten werden, und zwar vom 7. bis 11. September, einem Zeitraum, den die Berliner Messe nicht bereitstellen konnte. Die Art Forum Berlin wird nun nicht mehr, wie verhandelt, darin integriert werden.

Die Messe-Gesellschaft reagierte gestern verschnupft. Wie sie schrieb, „haben sich nie alle Gesellschafter der abc für eine vorbehaltslose Teilnahme am art forum berlin entschieden“. Die von den Gesellschaftern der abc gerügte „Konkurrenz“ des herbstlichen Art Forums, so ist dieser Satz zu verstehen, war in Wahrheit eine bewusst aufgebaute Konkurrenz der einflussreichen Berliner Galerien. Dabei sei die Messe „den Empfehlungen der Galeristen bei der Besetzung der künstlerischen Leitung ausnahmslos gefolgt“ – eine Anspielung auf die Entlassung der langjährigen Messedirektorin Sabrina van der Ley, die dem Vernehmen nach dem Druck führender Berliner Händler weichen musste.

Das Nachfolgeduo Eva-Maria Häusler und Peter Vetsch brach nach nur zwei Jahren auseinander, als Vetsch, zuvor lange bei der Art Basel, Berlin wieder verließ. Zuletzt hatte Häusler bei jüngeren Berliner Galeristen um Teilnehme geworben. Das lehnten dem Vernehmen nach etliche der Angesprochenen ab, weil die Umsätze für sie beim letzten Mal einfach nicht gestimmt haben. Dass etablierte Galerien wie Hetzler oder Sprüth/Magers bereits im Vorjahr unter fadenscheinigen Argumenten abgesagt hatten, passt ins Bild einer missmutigen Grundstimmung.

Wie weiter? Berlin wird als Standort der Gegenwartskunst gewiss nicht verlöschen. Andere Formate wie eben das Gallery Weekend haben sich als erfolgreicher und kostengünstiger als die Messe unterm Funkturm erwiesen. Doch der Imageschaden ist erst einmal da. Bei wem am Ende der Schwarze Peter bleibt, darüber wird die Szene in den kommenden Tage heiß diskutieren.

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