Kultur : Der Körper zittert leicht

Der polnische Dichter Piotr Sommer lässt die Farben seiner Verse auch im Dunkeln leuchten

Nico Bleutge

Vielleicht bewahrt die Erinnerung gar nicht die Dinge, sondern es verhält sich genau umgekehrt: „Die ganze Erinnerung verdanken wir den Gegenständen, / die uns fürs Leben bei sich aufnehmen und / mit einer Berührung, einem Duft, / einem Rascheln zähmen“. Deshalb fällt es den Gegenständen auch so schwer, sich von uns zu trennen, bis zum Schluss gehen sie uns voran, durch die Straßen, durch die Liebe, durch die Nacht. Gleichwohl ist es der Mensch, der seine Perspektive auf die Welt wirft, der die Zeit in seinem Inneren misst und den Raum zu seinem macht. Ein Widerspruch? Und wenn schon, meint der Dichter, scheint doch das Schreiben voller Gegensätze zu sein: „Das Quatschen ist meine Spezialität, / aber eigentlich höre ich gern zu, das heißt, frage gern. / Na ja, und benenne – / in einem günstigen Augenblick“.

Der 1948 im schlesischen Walbrzych geborene Lyriker, Übersetzer und Essayist Piotr Sommer, der heute als Chefredakteur der Literaturzeitschrift „Literatura na Swiecie“ (Literatur in der Welt) in der Nähe von Warschau lebt, mag ein ernstes Gesicht haben, wie er einmal schreibt, doch dahinter brütet die Ironie. Mit feinem Gespür für die Kraft der Einzelheiten findet er das Wesentliche im Beiläufigen: in ironischen Pointen, sprachlichen Vorlieben, absurden Details oder kleinen Erinnerungen – eine Kunst, mit der er als Gast des Berliner Künstlerprogramms 2007 auch hierzulande viele Freunde fand. Ein scheinbar harmloses Ereignis aus der Vergangenheit kann Anlass sein zu einer Erzählung, in der das Kleinste zum wichtigsten Ding der Welt wird. Es ist wie mit jenen Lieblingsgeschichten, die einmal beschworen werden: „In dreißig Jahren, denken wir, wird niemand / Grund haben, auf diesen Augenblick / zurückzukommen, und doch wird der schamlos / Jüngste, der daneben stand, ihn von da an / vor Augen haben, als wäre es gestern gewesen“.

Piotr Sommers Gedichte sind voll von solchen Augenblicken. Da gibt es das zufällige Bild einer Fensterscheibe, in dem sich für das Gesicht die Orte und Zeiten vermischen: „Und von dort, mitten aus der Scheibe heraus, / beobachtete es für den Bruchteil einer Sekunde / das auf dem Balkon sitzende Kind, / das auf sein Spiegelbild starrte“. Da gibt es die Rufe der Spielkameraden auf dem Hof, die den kleinen Jungen daran erinnern, dass sein Großvater aus Frankreich stammt – was ihn zu einem Fremdling, zu einem Außenseiter macht. Ja sogar ein einzelner Tropfen hat hier seine Vorgeschichte, eine knapp bemessene Spanne Zeit, die es ihm erlaubt, „eine eigene Form anzunehmen“. Nichts Nostalgisches oder gar Weinerliches trübt diese Verse, vielmehr versuchen sie, aller Ironie zum Trotz, eine Sichtweise stark zu machen, die offen für die Erscheinungen ist: „Ich tausche den Platz mit dem Kind, das lieber schauen möchte, wie die Welt /sich entwickelt“. Nebenbei wandern immer wieder historische Splitter in die Verse ein. Dabei sind es nicht die großen Erzählungen, die interessieren, sondern die „petite histoire“ tritt in den Vordergrund: all die kleinen Gesten und Eigenheiten, wie jemand sich verhält oder kleidet, wie er isst, spricht und flucht.

In seinem Innersten hält Piotr Sommer ein Plädoyer für die Lebendigkeit. Ohne im Geringsten didaktisch zu sein, nur indem er dem Glauben an das Singuläre Raum gibt in seinen freien Versen, spricht er sich gegen Verfestigungen und das allzu schnell Bestimmte aus: „Die Schublade im Tisch, / voll mit allem möglichen Kram, / wäre nicht mehr lebendig, / wenn man darin Ordnung schaffte. / Wenn man die Bücher im Regal richtig stellen, / die Fotos im Album ordnen, den Rest / schmutziger Wäsche waschen, das Zimmer streichen würde – / wären auch sie es nicht mehr“. So lauscht er dem „Zwischensinn“ noch in der eigenen Vergangenheit nach, klopft die Welt Stück für Stück ab und lässt den Blick über die Dinge wandern.

„Die Sprache baut Sätze, der Körper zittert leicht“, heißt es am Ende eines Gedichts. Renate Schmidgall hat diese Lust an den Wörtern in ihren Übersetzungen eingefangen, in den langen Erzähltexten, aber auch in einem „adjektivischen Gedicht“ über Farben. Keine gewöhnlichen Farben, sondern Farben, die wie Piotr Sommers Gedichte selbst in der Nacht leuchten: „Im Dunkeln auch? / Im Dunkeln auch. Erstaunlich.“

Piotr Sommer:

Im Dunkeln auch.

Gedichte. Aus dem

Polnischen von Renate Schmidgall. Matthes & Seitz, Berlin 2010. 216 Seiten, 24,80 €.

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