Kultur : Der Mann, der Pepe Carvalho erfand

Literatur, Politik und Leben: zum Tod des spanischen Krimiautors Manuel Vázquez Montalbán

Dorothee Nolte

Kiloweise, so hat Manuel Vázquez Montalbán einmal gesagt, müsse man in Spanien Literatur schreiben, damit man von ihr leben könne. Wer die Werke des am Freitagabend in Bangkok überraschend verstorbenen Autors wiegen wollte, dürfte wohl auf einen knappen Zentner kommen – so ungeheuer produktiv war der Schöpfer des Privatdetektivs Carvalho, rastlos, wach: im Schreiben so schnell wie im Sprechen, in vielen Genres und Medien zu Hause. Ein Zeit-Genosse im wahrsten Sinne des Wortes. Klein, dick, mit buschigem Schnauzer, dicker Brille und wenig Haaren: So wie ihn die Karikatur auf seiner offiziellen Homepage zeigt, ist er, einer der wichtigsten spanischen Autoren, den meisten seiner Landsleute bekannt und ans Herz gewachsen.

Zu seinem Werk gehören über 90 Bücher, darunter Essay- und Gedichtsammlungen ebenso wie die – inzwischen in 24 Sprachen übersetzten – Kriminalromane um den gastronomisch versierten Privatdetektiv Pepe Carvalho, dazu mehrere Kochbücher, ein „Liederbuch des Franquismus“, eine „Geschichte der Kommunikation“ für Studenten und vieles mehr.

Vom Fußball handeln die Artikel des gelernten Journalisten, vom Kosovo und von Kuba ebenso wie von Lady Di und Sharon Stone. Ja, eigens für ihn, den unermüdlichen Vorwort-Schreiber, wurde das Wort „prologador“ erfunden. Vom Autor Juan Marsé heißt es, er sei einmal in eine Buchhandlung gegangen und habe verlangt, ein Buch zu kaufen, das kein Vorwort von Montalbán enthalte.

Ein Tausendsassa also, der keine Berührungsängste kannte, ein Vollblutautor, ein Virtuose. Und doch von großer Ernsthaftigkeit, getrieben von einem Lebensthema. „Die heutige Gesellschaft gründet auf der desmemoria, dem Erinnerungsverlust“, sagte er im Gespräch, „die Leute wollen sich nur an ihre erste Liebe oder an den Baum ihrer Kindheit erinnern, aber alles, was soziale, politische Erinnerung betrifft, blenden sie aus.“

Nicht so der 1939 in Barcelona geborene und in einem Armenviertel aufgewachsene Váquez Montalbán, der Mitglied der katalanischen kommunistischen Partei war und sich bis zuletzt als kritischer Marxist bezeichnete, der gegen das Franco-Regime kämpfte und deswegen 1962 anderthalb Jahre im Gefängnis saß. Die 23 Carvalho-Krimis, die Vázquez Montalbán seit 1972 geschrieben hat, lesen sich wie eine Chronik der spanischen Geschichte: Der Held, ein ehemaliger Kommunist und Ex-CIA-Agent, Gourmet und Bücherverbrenner, altert, erlebt das Wachstum der Trabantenstädte, einen Mord in der Kommunistischen Partei und die Olympia-Bewerbung Barcelonas, und immer spielen die politische Aktualität, das Erbe des Franquismus eine Rolle. Ein Erbe, dem sich die Spanier nicht genügend stellen: Immer wieder äußerte sich Vázquez Montalbán auch in Essays und Artikeln enttäuscht über die „spanische Unfähigkeit, die eigene Geschichte gründlich und kritisch zurückzuerobern“.

Oberflächlichkeit wird Vázquez Montalbán daher niemand vorwerfen, trotz seines gewaltigen Outputs. Nein, der mitunter so grimmig wirkende kleine Mann konnte sich in historische Details vergraben, etwa wenn er im halbdokumentarischen und mit dem spanischen Nationalpreis ausgezeichneten Roman „Galíndez“ das Leben eines umstrittenen baskischen Freiheitskämpfers nachzeichnete oder – in „Pasionaria und die sieben Zwerge“ – das der legendären Kommunistenführerin Dolores Ibárruri.

Auf Deutsch erschien zuletzt, im Verlag Klaus Wagenbach, „Hof der Lust“, ein Liebesroman über vier Paare, in Spanien gefeiert als „abenteuerlicher Ritterroman und moderner Eheroman“. Den letzten Carvalho-Krimi mit dem Titel „Milenio“ hat Vázquez Montalbán in diesem Jahr beendet. 800 Seiten lang, noch ein Kilo mehr: Carvalho geht mit Biscuter, seinem Leibkoch und Mädchen für alles, auf eine Weltreise. Auch sein Autor war auf Reisen, als er starb. Herzinfarkt mit 64 Jahren in der Wartehalle des Flughafens von Bangkok – was für ein Tod. Man hätte ihm noch viele Jahre und literarische Pfunde gegönnt. Aber dass einer wie er im Bett stirbt, hätte man sich auch nicht vorstellen können.

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