Der neue Film von Christian Petzold : „Phoenix“ kommt gut an in Toronto

Christian Petzolds Nachkriegs-Film "Phoenix" feierte beim Filmfestival Toronto seine Weltpremiere. Es gab freundlichen Applaus für den Film mit Nina Hoss als Holocaust-Überlebender.

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Nina Hoss spielt Nelly in "Phoenix", eine Holocaust-Überlebende.
Nina Hoss spielt Nelly in "Phoenix", eine Holocaust-Überlebende.Foto: hoehnepresse

Es ist der Moment der Wahrheit, auf den der ganze Film hin konstruiert ist. Nelly (Nina Hoss) singt Kurt Weills „Speak Low“ und Johnny (Ronald Zehrfeld) begleitet sie am Klavier, so wie er es früher getan hat. Vor dem Krieg. Bevor Nelly als Jüdin ins Konzentrationslager verschleppt wurde. Sie hat überlebt, schwer traumatisiert und mit einem zerstörten Gesicht. Die plastische Chirurgie hat ihr ein neues gegeben, und als sie Johnny endlich im Nachkriegsberlin wiederfindet, erkennt er sie nicht.

Schlimmer noch: Wegen der vagen Ähnlichkeit will sich Johnny, der sie möglicherweise an die Nazis verraten hat, mit ihrer Hilfe an das Erbe der mutmaßlich verstorbenen Ehefrau heranmachen. Mit Pariser Schuhen, rotem Kleid und gefärbtem Haar verwandelt er die vermeintliche Fremde in eine Vorkriegs-Nelly, die aus dem Lager scheinbar unbeschadet zurückkehrt. Zu ihm, zu ihren Freunden und zu ihrem Geld. Und erst als sie neben ihm am Klavier steht und singt, kommt der Moment der Erkenntnis.

Petzold, die "Berliner Schule": Die Branchen-Magazine geben Nachhilfeunterricht

Die präzis ins Bild gefasste Szene lässt einen den Atem anhalten – zumindest in Deutschland. In Toronto, wo Christian Petzolds „Phoenix“ Weltpremiere feierte, wurde die Szene hingegen mit befreiendem Gelächter aufgenommen. Einem Gelächter, das die Spannung auflöst, aber auch Partei ergreift. Für Nelly und gegen Johnny, der viel zu spät zu verstehen beginnt. In Deutschland – da waren sich Petzold und seine Hauptdarstellerin Nina Hoss einig – würde während dieser Szene im Kino niemand lachen. Dafür sind die emotionalen und moralischen Verstrickungen mit der Historie immer noch zu stark. Anderswo dagegen nimmt man den Film zunächst als Story und nicht gleich als geschichtswissenschaftliches Statement. Das stets begeisterungswillige Toronto-Publikum jedenfalls spendete „Phoenix“ lang anhaltenden, freundlichen Applaus.

Man hätte „Phoenix“ eher in Cannes oder Venedig vermutet; als Startplattform aber für den nordamerikanischen Markt ist Toronto die bestmögliche Wahl. Schon Caroline Link („Nirgendwo in Afrika“) und Florian Henckel von Donnersmarck („Das Leben der Anderen“) haben hier mit historischen Themen Richtung Oscars gepunktet, und auch Oliver Hirschbiegels „Der Untergang“ fand in Toronto seinen Weg zum US-Markt. Als aktueller deutscher Beitrag zu den Oscars wurde allerdings nicht „Phoenix“, sondern Dominik Grafs „Die geliebten Schwestern“ ins Rennen geschickt.

Auf der Titelseite des Branchenmagazins „Variety“ immerhin prangte am Premierentag eine ganzseitige „Phoenix“-Anzeige, und die Redaktion sekundierte mit einer kleinen Nachhilfelektion zur „Berliner Schule“. Und der „Hollywood Reporter“ feierte Petzolds Film als „kraftvolle Allegorie auf die Regenerationsprozesse im Nachkriegsdeutschland und reichhaltige Hitchcock’sche Geschichte über falsche Identitäten“. Besonders gefiel Nina Hoss’ nuancierte Darstellung der schwer traumatisierten Holocaust-Überlebenden.

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