Kultur : Der Ohrenöffner

Wie Markus Fein, Leiter der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern, Klassik anders hörbar macht.

Neue Wege. Markus Fein Foto: M. Lawrenz
Neue Wege. Markus Fein Foto: M. Lawrenz

Im 19. Jahrhundert, der Blütezeit der Hausmusik, waren sie gar nicht so selten: Quartett-Notenständer, bei denen die vier Instrumentalisten um ein einziges Pult saßen. Auf einer Art Tisch waren vier Vorrichtungen angebracht, so dass sich je zwei Spieler direkt gegenübersaßen und eine Viereckformation bildeten. Diese Idee des intimen gemeinschaftlichen Musizierens will Markus Fein bei den diesjährigen Musikfestspielen Mecklenburg-Vorpommern (20. Juni bis 21. September) für seinen Themenschwerpunkt „360 Grad Streichquartett“ aufgreifen. Im Schloss Ulrichshusen werden die Zuschauer nicht nur im gewohnten Gegenüber von Ausführenden und Interpreten Werke von Schubert oder Brahms hören, sondern eben auch mal im Kreis rund um die Streicher Platz nehmen. Zudem wird es Hörexperimente und Interpretationsvergleiche geben, zum legendären Stummfilm „Berlin – Sinfonie einer Großstadt“ erklingen Kammermusikwerke aus den 20er Jahren, das Publikum kann dabei sein, wenn das Artemis Quartett Nachwuchskünstler unterrichtet und eine Podiumsdiskussion geht der Frage nach, ob ein Streichquartett mit einer Ehe zu viert vergleichbar ist.

In seiner ersten Saison will Markus Fein beweisen, dass ihm zu Recht der Ruf eines kreativen Konzertformaterfinders vorauseilt. Als künstlerischer Leiter der „Sommerlichen Musiktage Hitzacker“ und der „Niedersächsischen Musiktage“ hat der 1971 geborene promovierte Kultur- und Musikwissenschaftler nächtliche Aufführungen und thematische Wanderkonzerte durch die Natur veranstaltet und eine Hörer-Akademie gegründet. Später erfand er für die Hamburger Körber-Stiftung die Reihe „2x hören“, bei der das Publikum sperrige moderne Werke zunächst unkommentiert erlebt, dann Hintergrundinformationen erhält und anschließend mit geschärften Sinnen dem Stück noch einmal begegnet. 2010 brachte Markus Fein diesen Ohrenöffner auch ans Berliner Konzerthaus.

Von seinen Erfahrungen mit innovativer Klassikvermittlung soll nun das sommerliche Festival im Nordosten profitieren. Offiziell hat Fein am gestrigen 1. Januar die Nachfolge von Gründungsintendant Matthias von Hülsen angetreten, tatsächlich konnte er aber bereits seit Herbst 2012 das diesjährige Programm planen. Zu seinen Neuerungen gehören auch der „Pavillon Wiener Klassik“ und der „Pavillon Romantik“. Damit sind keine Musikmuscheln im Kurpark gemeint, sondern symbolische Rastplätze in der Musiklandschaft. „Die Werke Beethovens erscheinen uns heute in ihrer Klassizität allgemeingültig und jeder Zeit enthoben. Dabei lebte er in einer spannenden historischen Umbruchsituation, wurde sein Alltag von weltgeschichtlichen Ereignissen wie den napoleonischen Kriegen und der Neuordnung Europas nach 1815 geprägt“, so der Kulturmanager. „Wir wollen Beethovens scheinbar so vertraute Werke wieder in den Kontext ihrer Entstehung einordnen. Und außerdem Querverbindungen zur damaligen Entwicklung anderer Künste herstellen.“

Im Fall des „Pavillon Romantik“ können die Besucher dieses intensive synästhetische Eintauchen in einer Epoche sogar mit einer mehrtägigen Rundreise verbinden: Zum Start spielt Martin Stadtfeld in Schwerin unter anderem Schuberts „Wanderer“-Fantasie, in Heiligendamm geht es tags darauf um musikalische Träumereien, im Jagdschloss Kotelow liest Burghard Klaußner Märchen, bevor dann zum Finale in Caspar David Friedrichs Geburtsstadt Greifswald in vier verschiedenen Veranstaltungen alle Aspekte der romantischen Weltsicht beleuchtet werden. Einfach nur Konzerte zu veranstalten ist Markus Fein zu wenig: Was er sich wünscht, sind „Erlebnisräume“ fürs Publikum.

Treu bleibt der neue Chef natürlich der genialsten Idee der Musikfestspiele Mecklenburg-Vorpommern: der „Jungen Elite“. Ohne Angst vor dem Reizwort wurde die Nachwuchs-Konzertreihe ins Leben gerufen – mit Gewinn für alle Beteiligten: Weil die Newcomer wenig kosten und andererseits bereitwillig auch in kleinen, abgelegenen Spielstätten auftreten, kann das Festival selbst in den vielen äußerst dünn besiedelten Regionen des Flächenlandes Konzerte anbieten. Die geförderten Talente wiederum bleiben aus Dankbarkeit für die frühe Förderung den Festspielen auch dann treu, wenn ihre Karrierekurve kometenhaft steigt. Igor Levit beispielsweise kam das erste Mal 2004, da war er gerade 16 Jahre alt. Mittlerweile gilt er als interessantester Vertreter der jungen Pianistengeneration – und wird in diesem Sommer als „Preisträger in Residenz“ 21 Konzerte zwischen Stolpe und Rühn, Neubrandenburg und Hasenwinkel geben.

Unter den Stars, die nach Mecklenburg-Vorpommern kommen, sind neben Sabine Meyer, Gidon Kremer, Sol Gabetta, Albrecht Mayer, Klaus Florian Vogt, Julia Fischer und Daniel Hope auch Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker. Dass es Markus Fein gelungen ist, das Spitzenorchester für einen Auftritt auf dem Landgestüt Redefin zu gewinnen, hängt auch mit einem schattigen Kapitel seiner Karriere zusammen. Als sich die Philharmoniker entschlossen, ab 2010 den langjährigen Sat-1-Manager Martin Hoffmann zum Intendanten zu machen, wollten sie dem Quereinsteiger einen Fachmann zur Seite stellen. Im Herbst 2011 trat Markus Fein seinen Job als Dramaturg und Programmplaner an – aber schon im Jahr darauf tauchte sein Name nicht mehr unter der Rubrik „Mitarbeiter“ in der Saisonvorschau auf.

Man habe sich auf eine für beide Seiten zufriedenstellende Lösung verständigt – mehr will Markus Fein zu seinem schnellen Berliner Abgang nicht sagen. Lieber betont er, wie positiv seine Erfahrungen mit dem Orchester gewesen seien, wie viel Spaß es gemacht habe, die Jubiläen von Kammermusiksaal und Philharmonie vorzubereiten, die Weltmusik-Reihe mit Roger Willemsen zu entwerfen oder mit Simon Rattle die „late night“-Konzerte zu planen. Wer allerdings weiß, wie selbstbewusst die Musiker reagieren können, wenn es um inhaltliche Ideen geht, die sie nicht selber entwickelt haben, reimt sich seinen Teil zusammen. Nachvollziehbar, dass Markus Fein zugriff, als sich die Möglichkeit bot, wieder alleinverantwortlich als Intendant zu arbeiten. In Mecklenburg-Vorpommern kann er als künstlerisch Alleinverantwortlicher nun wieder seine Lust an ungewöhnlichen Konzertformen ungehindert ausleben.

Infos: www.festspiele-mv.de

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