Der Preis der Leserjury : U-Turn vor Bratislawa

Die Tagesspiegel-Leserjury hat den besten Film im Berlinale-Forum ausgezeichnet: "Velvet Terrorists". Der Film porträtiert drei Rebellen am Rande des Terrorismus - begleitet von drei Regisseuren. Einer hätte die Preisverleihung beinahe verpasst.

Philipp Sickmann
Alles Gewinner: Die Tagesspiegel-Leserjury mit den drei Regisseuren Pavol Pekarcík (kniend),  Ivan Ostrochovský (6.v.l.) und Peter Kerekes (5.v.l.)
Alles Gewinner: Die Tagesspiegel-Leserjury mit den drei Regisseuren Pavol Pekarcík (kniend), Ivan Ostrochovský (6.v.l.) und Peter...Foto: Mike Wolff

Dass sie am Ende zu dritt auf der Bühne standen, war mit einigem Aufwand verbunden. Freitagabend erfuhren die drei slowakischen Regisseure, dass ihr Dokumentarfilm „Zamatoví teroristi“ („Velvet Terrorists“) den Preis der Tagesspiegel-Leserjury für den besten Beitrag im Forum gewinnt. Als Pavol Pekarcík die Nachricht hörte, war er bereits auf dem Nachhauseweg Richtung Bratislawa, 700 Kilometer von Berlin entfernt. Kurzerhand sammelte er seine Familie ein und fuhr über Nacht die gesamte Strecke zurück. Am Samstagmittag nahm er die Auszeichnung nun gemeinsam mit seinen Kollegen Peter Kerekes und Ivan Ostrochovský entgegen, im Rahmen der Preisverleihung der unabhängigen Juries, in der Saarländischen Landesvertretung unweit des Potsdamer Platzes. Und Pekarcíks kleiner Sohn stand mit auf dem Podium.
Der Forums-Preis wird zum achten Mal von der Tagesspiegel-Leserjury vergeben, dieses Jahr von Holger Beisitzer, Nadine Funke, Sibylle Haas, Jutta Liesen, Therese Mausbach, Cornelia Raakow, Iven Romanow, Hans-Wilhelm Sierth und Woon-Mo Sung. Sie bewältigten sie ein wahres Mammutprogramm, 34 Welt- und internationale Premieren an neun Tagen. Zwischendurch wurde diskutiert, die Liste der Favoriten verkleinert – bis der Sieger nach der Abschlussdiskussion feststand.

Heimliche Berlinale-Highlights
Zamatoví teroristi | Velvet Terrorists...begleitet in drei Kurzporträts von drei Regisseuren tschechoslowakische Ex-Terroristen. "Es gibt Momente in diesem schönen Film, in denen man ethisch nicht mehr durchsieht", sagt Tagesspiegel-Kritiker Jens Mühling. "Werden hier harmlose Spinner porträtiert, vielleicht sogar Helden? Oder moralisch desorientierte Underdogs, denen man lieber nicht so nahe käme, wie ihnen dieser halb dokumentarische Film auf die Pelle rückt?" Am Ende wirke die Episodenerzählung wie ein Film aus einem Guss, obwohl nur kleine Regie-Kunstgriffe die drei Geschichten miteinander verschränken: "Was sie zusammenhält, ist ihre virtuos in der Schwebe gehaltene Uneindeutigkeit." Der Film lief im Forum.
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14.02.2014 17:37Zamatoví teroristi | Velvet Terrorists...begleitet in drei Kurzporträts von drei Regisseuren tschechoslowakische Ex-Terroristen....

"Velvet Terrorists" schafft den augenzwinkernden Umgang mit einem brisanten Thema

Die Jury lobt „Zamatoví teroristi“ für seinen „augenzwinkernden Umgang mit einem brisanten Thema“. Die tschechisch-slowakisch-kroatische Produktion porträtiert drei denkbar unterschiedliche Charaktere: Rebellen, die in der ehemaligen Tschechoslowakei als Terroristen verurteilt wurden und in den 80er Jahren Haftstrafen verbüßten. Wegen Sprengstoffanschlägen auf Plakatwänden oder einem geplanten Attentat auf den Staatspräsidenten.
Jeder der drei Regisseure begleitete einen der Beinahe-Terroristen durch ihr neues Leben. „Das Interessanteste für mich war, dass alle drei einerseits Helden sind, weil sie ihr Leben für die Freiheit riskierten. Auf der anderen Seite sind sie auch Loser, genau wie wir“, sagte Regisseur Peter Kerekes nach der Preisverleihung. Pavol Pekarcík sieht in ihnen romantische Idealisten, die nichts mit heutigen Terroristen zu tun haben.

Szene aus "Velvet Terrorists": Gefängniszelle auf dem Boden
Szene aus "Velvet Terrorists": Gefängniszelle auf dem BodenFoto: Berlinale

"Die besonders gelungene Überlagerung von Fiktion und Dokumentarischem hat uns überzeugt“, heißt es in der Jurybegründung.  „Zamatoví teroristi“ ist eine von zahlreichen Dokufictions im diesjährigen Forums-Programm, er wechselt auf charmante Weise zwischen inszenierten Reenactments der Taten und dem heutigen Alltag der Protagonisten. „Einer der Protagonisten wird während seiner Arbeit nach seinem Leben im Gefängnis gefragt. Er streicht gerade eine Wand an, hört damit auf und malt nun – weiß auf grau – seine damalige Gefängniszelle auf den Boden. Zwei Mal vier Meter, mit Tisch, Toilette, Hochbett. 

Die Vorführung des Leserjury-Siegerfilms findet am Sonntag um 19.30 Uhr im Cinemaxx 4 statt. Die Jury wird anwesend sein. Restkarten sind erhältlich.