Kultur : Der Report einer US-Kommission verheißt Beunruhigendes

Joyce Hackett

Amerikaner stoppten einst einen Nazi-Zug mit geraubtem Eigentum ungarischer Juden. Die haben aber nie etwas zurück erhaltenJoyce Hackett

Die letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs: Sowjetische Truppen besetzen von Osten her Ungarn. Nazi-Funktionäre befehlen, einen Zug mit dem konfiszierten Vermögen ungarischer Juden nach Deutschland zu schicken. 44 Waggons, beladen mit Gold, Juwelen, Silber, Gemälden, Pelzen, Teppichen und Kisten voller Eheringe.

Neun Tage nach dem Sieg der Alliierten bemächtigte sich das amerikanische Militär in einem Eisenbahntunnel in der Nähe der österreichischen Stadt Werfen des Zuges. Angeblich hatte er bis dahin zehn räuberischen Überfällen standgehalten, neun davon durch SS-Mitglieder. Doch der Zug, den die Amerikaner von seiner ungarischen Militäreskorte in Empfang nahm, war intakt, die Schlösser seiner Türen unversehrt.

Doch laut einem Report US-amerikanischer Ermittler waren die Amerikaner weder vorsichtige Sachwalter, noch uneigennützige. Obwohl viele der Wertsachen des sogenannten Goldzuges sorgsam dokumentiert wurden, deklarierten US-Beamte sie als "nicht identifizierbar" und verweigerten den Ungarn, sie zu besichtigen. Während das Geschick der Kriegsbeute noch diskutiert wurde, requirierten Generäle zahlreiche Luxusgegenstände für ihre Privatresidenzen. Rangniedere Beamte verkauften Wertsachen oder verschenkten sie gar. Unter Verletzung internationaler Abkommen und der US-amerikanischen Politik, nach der erbeutetes kulturelles Vermögen aus dem Zweiten Weltkrieg an das Herkunftsland zurückzugeben sei, schafften sie tausend Gemälde nach Österreich, das Ungarn nie von ihrer Existenz in Kenntnis setzte. Trotz jahrelanger eindringlicher Bitten ungarischer Juden, das Vermögen zurückzugeben, überließen US-amerikanische Beamte das, was übriggeblieben war, einer Auktion in New York.

Der Report wurde von einer im vorigen Jahr eingesetzten Kommission veröffentlicht, die den Verbleib von Gold, Kunstgegenständen und Geldvermögen von Holocaust-Opfern, welche in die Hände der US-Armee gefallen war, überprüfen und den Präsidenten bezüglich der Rückgabeansprüche beraten soll. Die Kommission war zum Teil eine Reaktion auf europäische Wiedergutmachungskommissionen, die Druck auf die USA ausübten, mehr zu tun, als mit dem Finger auf die zu zeigen, die es nicht fertigbrachten, die Holocaust-Opfer und ihre Erben angemessen zu entschädigen.

Die Aufgabe ist gewaltig. Präsident Clinton gab den Ermittlern eine noch nie dagewesene Machtbefugnis, Kriegsdokumente freizugeben. Jetzt muss die Kommission und die Nazi War Criminals Records Interagency Working Group (Übergreifende Arbeitsgruppe zu Naziverbrechen), bestehend aus dem CIA, dem FBI, dem National Security Council, dem Justice Department, State Department und des Department of Defense, mehr als 45 Millionen Seiten Dokumentationsmaterial der National Archives sichten. Schon jetzt haben erste Untersuchungen beunruhigende und unerwartete Funde erbracht. Und weitere sind zu erwarten.

Die Ergebnisse der Kommission eröffnen erneut den alten Disput mit Ungarn über die Rückgabe der Goldzug-Güter. Kurz nach dem Krieg untermauerte die ungarische Regierung ihre Forderung nach dem Vermögen mit einer Liste von 900 individuellen Klagen im Gesamtwert von 47 Millionen US-Dollar. 1952 regte eine Beamtin des State Department, Ardelia Hall, an, den Ungarn "eine detaillierte Liste" der Gemälde vorzulegen - ein Vorschlag, dem nie gefolgt wurde. Wie von der Kommission vorgelegte Dokumente zeigen, wiesen nachfolgende US-Verwaltungen Ansprüche der kommunistischen ungarischen Regierung auf den Kriegsschatz zurück. 1966 brachte das State Department vor, dass ein Teil des Vermögens als amerikanische "Kriegsbeute" anzusehen sei und dass die Angaben der ungarischen Regierung über dessen Wert von 206 Millionen US-Dollar im Jahr 1945 - heute etwa 2 Milliarden - "stark übertrieben" seien. Jetzt haben ungarische Juden Reparationszahlungen im Wert der Kriegsbeute an die jüdische Gemeinde verlangt.

Obwohl deutsche Historiker wie Klaus Goldmann, Kunsthistoriker und Museumskurator vom Berliner Museum für Früh- und Vorgeschichte, Verschwörungstheorien vertreten, wonach amerikanische Spezialeinheiten Kunstwerke im besetzten Deutschland konfiszierten und an Orten wie Fort Knox angehäuft hätten, hat der fast vollständige Zugang zu den Dokumenten von Seiten der Kommission keinen Beweis dafür erbracht. Sie zeigen aber einen Sumpf von Gier, Missmanagement und menschlichem Versagen, wie auch die Konsequenzen des politischen Beschlusses, Entschädigungen eher Regierungen und Organisationen zukommen zu lassen als Einzelpersonen.

Laut eines Dokuments, zitiert von einem Amateur-Historiker, fuhr der Zug am 15. Dezember 1944 auf Eichmanns Befehl ab. Ein Grund, warum Beamte den Raubüberfall abwehrten, war der, dass sich im Zug auch Wertgegenstände ungarischer Nationalsozialisten befanden, die mit dem Zug entkamen und später flüchteten. Soldaten der Dritten Infanteriedivision der USA entdeckten den Zug schließlich am 16. Mai 1945, versteckt im Tauerntunnel, 60 Meilen südlich von Salzburg. Nach US-amerikanischem und internationalem Recht hätten alle Güter des Zuges ihrem Herkunftsland zurückgegeben und seinen Eigentümern erstattet werden müssen. Eine ambitiöse, von den Briten unterstützte Linie. Russische Behörden, wie auch die Franzosen, leisteten Entschädigungen lieber in Naturalien statt in Geld. Folglich nahmen die USA die Bürde der Nachkriegsentschädigung auf sich und richteten ein Büro für Monuments, Fine Arts und Archives ein, das MFA & A, das spezielle Sammelstellen in ganz Europa unterhielt.

Wegen Österreichs problematischem Status als von den Nazis besetztes Land, der großen Menge von Schätzen, die in seinen Zechen und Schlössern gelagert waren und seinem Einverständnis mit dem wachsenden Einfluss der Sowjets, war dort das Verhalten der amerikanischen Streitmacht weniger diszipliniert als in Deutschland.

Die Kommission will Überlebende der US-Streitkräfte in Österreich befragen, Einzelansprüche ungarischer Opfer untersuchen und ein klareres Bild davon gewinnen, wie es zu bestimmten Entscheidungen kam. Jonathan Petropoulos, der Forschungsleiter der Kommission, sagte, es gebe noch immer sehr wenige Hinweise darauf, warum der Kommandant der amerikanischen Streitkräfte in Österreich, General Mark Clark, entschieden hat, dass die Vermögensmasse nicht zu identifizieren sei. Außer dem gewaltigen Umfang und der Wahrscheinlichkeit, dass die früheren Eigentümer umgebracht wurden, bieten einige Dokumente die schwache Rechtfertigung, dass die nationale Herkunft des Zuginhalts unbestimmt sei, da die ungarische Grenze von Hitler zeitweilig versetzt worden war. Doch auch später, sogar angesichts des Beweises, dass das Eigentum sehr wohl identifiziert werden konnte, blieb Clark bei seiner Ansicht.

Bisher befassten sich Geschichten über Kunstdiebstähle der Nazis und darauffolgende Entschädigungsansprüche in erster Linie mit Meisterwerken. Die Inventarliste, entdeckt von dem Forscher Konstantin Akinsha, ist die erste umfassende Dokumentation von durch die Nazis konfiszierten Gütern aus gewöhnlichen Haushalten ganz Europas, die spurlos verschwanden, weil die meisten Leute weder Fotos noch schriftliche Belege ihrer Besitztümer hatten. Die Mehrzahl der 1100 Gemälde, die aus Wohnungen des gehobenen Bürgertums entwendet wurden, waren von ungarischen Künstlern des späten 19. Jahrhunderts gemalt. Das US-Militär schaffte die Vermögenswerte, darunter 10 Koffer mit Gold, durchschnittlich 45 kg schwer, 19 Kisten mit Goldmünzen, 3000 Orientteppiche, Pelze und zahllose Eheringe in Lagerräume in Salzburg. Die Gemälde wurden anderen Orts gelagert.

Schon im Dezember 1945 hatten Beamte der ungarischen Regierung und Vertreter ungarisch-jüdischer Gruppierungen begonnen, auf Rückgabe des Zuginhalts zu drängen. Doch als die Beamten noch diskutierten, was mit den Wertgegenständen zu geschehen habe, wurde offensichtlich ein Teil der Gegenstände ausgeborgt, verkauft und in viel größerem Umfang geplündert, als das im besetzten Deutschland der Fall war.

Unter den von der Kommission erwähnten Dokumenten befindet sich ein Beschlagnahmebefehl des Kommandanten der US-Truppen in Westösterreich, Major General Harry J. Collins, über einen üppigen Teil des Goldzuginhalts, darunter ein Porzellanservice für 45, Weingläser für 90 Gäste, 30 Leinentischdecken, 12 silberne Kerzenleuchter, 60 Badehandtücher und 13 Teppiche, zum Gebrauch in seiner Villa und seinem privaten Wohnwagen bestimmt. Die Aktennotiz des Generals an den zuständigen Offizier besagte, dass "die oben angeführten Posten von allerbester Qualität und Handwerkskunst" zu sein hätten und dass er den "Offizier persönlich für die Sicherstellung dieser Posten verantwortlich" mache.

Außer General Collins eigneten sich zahllose andere hochrangige Offiziere ungarisch-jüdische Schätze aus dem Goldzug zur Verschönerung ihrer Residenzen an. Mit der Zeit, so der Report, wurden auch Uhren, Armbanduhren, Kameras und Schmuck aus dem Goldzug von US-Tauschläden zum Verkauf erworben. Zusätzlich war das Vermögen unverhohlenem Diebstahl ausgesetzt.

Zwei Lastwagenladungen mit Schmuck und Wertsachen waren laut Befehl durch die französische Besatzungszone zu befördern, wo sie von französischen Truppen in Empfang genommen wurden. Der Verbleib dieser Güter wird in Frankreich gegenwärtig von der Matteolo-Kommission untersucht.

Die Problematik des Goldzuges wirft ernste Fragen nach der Entschädigungspolitik der Vereinigten Staaten auf. Obwohl ein Offizier der MFA & A 1945 vorgeschlagen hatte, die Gemälde an Sammelstellen des MFA&A zu schicken, wurde sein Vorschlag ignoriert. Zwei Jahre danach teilte man dem weiblichen Offizier der MFA&A, Evelyn Tucker, mit, dass es im Lagerhaus keine Gemälde gebe. Später wurde gesagt, dass das Militär 200 nicht identifizierbare Gemälde zurückhalte, aber der zuständige Major schrieb eine Quittung dafür aus, die ihren Wert mit 10 US Dollar angab. Als Tucker schließlich das Lagerhaus in Salzburg besuchte, entdeckte sie 1181 Gemälde, darunter eine Rembrandt-Radierung, eine "Seelandschaft" von van Ruysdael und einen Ludwig Kirchner. "Die Vorstellung, dass diese Gemälde wertlos" seien, notierte sie, "ist völlig irreführend". Tucker schrieb in ihrem Bericht von 1947, dass viele der Gemälde mit Namens- und Adressschildern ihrer Budapester Besitzer versehen seien.Obwohl von der Kommission zitierte Dokumente bestätigten, dass die Gemälde "ohne Zweifel ungarischer Herkunft" seien, scheinen die USA dem Druck der österreichischen Behörden nachgegeben zu haben, die meinten, weil Österreich so viele seiner eigenen Schätze verloren habe, bedürfe es der Gemälde, um seine Verhandlungsposition zu stärken. Es gibt keinerlei Hinweis, dass die US-Regierung die Ungarn je über die Existenz der Gemälde unterrichtet hat, noch dass die Österreicher, die versprochen haben, die Gemälde zurückzugeben, auch nur eins zurückgegeben hätten.

Die restliche Beute kam im Dezember 1947 auf Staten Island an, in Kisten mit der Aufschrift "Eigentümer unbekannt". Die ungarische jüdische Gemeinde protestierte heftig gegen eine Auktion, die dennoch im Juli 1948 in den Parke-Bernet Galleries stattfand. Im selben Jahr beschloss die Truman-Regierung, ihre Politik der Rückerstattung erbeuteter Kunstschätze zu ändern, um zu verhindern, dass sie in die Hände des kommunistischen Regimes fielen. So wurden die Forderungen ungarischer Privatleute, den Besitz zu inspizieren, zurückgewiesen und die Verkaufserlöse an internationale Flüchtlingsorganisationen weitergeleitet.

Die Kommission wird ihren Abschlussbericht Ende nächsten Jahres vorlegen. Wahrscheinlich werden zuvor noch weitere Enthüllungen folgen. Enthüllungen, die die USA zwingen werden, wenigstens zum Teil von ihrem hohen moralischen Ross zu steigen, von dem aus sie für die Rückgabe der Holocaust-Güter kämpfen.Joyce Hackett ist Autorin unter anderem der "New York Times", veröffentlichte Erzählungen und lehrt an der New York University "creative writing".

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben