Kultur : Der russische Freund

Babel, Charms, Tschechow: Zum Tod des großen Übersetzers Peter Urban.

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Am liebsten schrieb er nachts. Peter Urban, Jahrgang 1941. Foto: Regine Mosimann/Diogenes
Am liebsten schrieb er nachts. Peter Urban, Jahrgang 1941. Foto: Regine Mosimann/Diogenes

An dem Wochenende, bevor er nach Hamburg in die Klinik ging, rief Peter Urban uns an. Es gab viel zu bereden: seine Übersetzungen der Prosa von Leningrader Autoren der 60er und 70er Jahre, Oleg Grigorjew und Rid Gratschow, die er uns vor kurzem geschickt hatte, für ein Projekt, das jetzt wohl in Erinnerung an ihn weitergeführt werden wird. Ein Dossier über die inoffizielle Literatur im Leningrad jener Zeit in der Literaturzeitschrift „Schreibheft“. Meine Novelle in Form eines fiktiven Briefes seines (und meines) Lieblingsschriftstellers Leonid Dobytschin an den Literaturkritiker und Kinderbuchautor Kornej Tschukowskij. 1936 verließ Dobytschin eine Schriftstellerversammlung, wo er unerwartet hart angegriffen worden war, und verschwand. Man nahm an, er sei gestorben. Ich schrieb die Novelle in der Annahme, dass Dobytschin noch lebte, als bescheidener Buchhalter, noch mindestens siebzig Jahre lang ... Peter Urban las sie in einer Petersburger Literaturzeitschrift und war, zu meiner Erleichterung, angetan. Auch über die Lage in diversen befreundeten Verlagen sprachen wir, kurz: über alle Dinge, die Schriftsteller unter sich gern besprechen.

Und beinahe nebenbei sagte er, dass er morgen in die Klinik geht, nach Hamburg, in eine kleine, aber sehr gemütliche Wohnung, man darf rauchen und Hunde sind auch erlaubt (zwei wichtige Sachen für einen leidenschaftlichen Raucher und überzeugten Hundebesitzer). So ging er von seinem riesigen Bauernhaus im Vogelsberg weg, wo er meist nachts schrieb, wegen der Stille, wie er sagte, und wo überall Schreibtische stehen, zugedeckt mit Büchern und Notizen, für die Arbeit jederzeit bereitliegend. Das ist der Gontscharow-Tisch, das der Tschechow-Tisch, das der Dobytschin-Tisch ... So stellte er sie uns vor, als wir, meine Frau Olga Martynova und ich, ihn zum ersten Mal besuchten.

Jetzt sind die Tische von Peter Urban verwaist, wir sind verwaist. Und die russische Literatur im deutschsprachigen Raum ist verwaist, sie verlor einen seiner besten Freunde, Beschützer und Botschafter. Ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll – sie verlor einen Peter Urban. Und die deutsche Literatur verlor eine wichtige Inspirationsquelle. Dass wir einen unersetzbaren Freund und Kollegen verloren haben, versteht sich von selbst.

Geboren war er 1941 in Berlin, studierte in Belgrad, fing an zu übersetzen, arbeitete als Lektor für slawische Literatur bei Suhrkamp, als Hörspielredakteur und als Geschäftsführer beim Frankfurter Verlag der Autoren, bis er seine gesamte Zeit als freier Übersetzer in seinem Haus in Weidmoos zubrachte. Unmöglich, alles zu erwähnen, was die Leser, was wir ihm verdanken. Nicht nur den zahlreichen Klassikern verlieh er eine neue Stimme, Anton Tschechow vor allem, angefangen mit dessen Theaterstücken „Die Möwe“ und „Der Kirschgarten“, gefolgt von den Erzählungen, Briefen und der großen illustrierten Monografie „Anton Cechov. Sein Leben in Bildern“. Aber auch Puschkin, Turgenjew, Isaak Babel, Gogol übertrug er ins Deutsche, als großer Entdecker der neuen, modernen Klassik. Dass Daniil Charms nun zu einem Kulturgut der deutschsprachigen Leser gehört, ist ebenfalls sein Verdienst.

Seine letzte Buchpublikation sind Erzählungen von Leonid Dobytschin, jenem vielleicht rätselhaftesten, ungewöhnlichsten russischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, in der Friedenauer Presse, dem Verlag, der uns so viele wunderbare Entdeckungen von Peter Urban geschenkt hat. Aber auch bei Diogenes hat er viele Projekte realisiert.

Erstaunlich schnell ging es jetzt, viel zu schnell, die letzten Seiten mit seinen Übersetzungen wird er nicht mehr sehen. Peter Urban, der große Übersetzer russischer, serbokroatischer und tschechischer Literatur, ist am Montag gestorben. Es ist bitter ... bitter ist es.

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