Der russische Schriftsteller Andrej Platonow : In den Wahnsinn mit klarer Haltung

Er litt an der Vergeblichkeit zwischen Anspruch und Wirklichkeit der sowjetischen Utopie. In seinen Romanen zeigte er die Leere, die zwischen beidem klaffte. Gerade wird er hierzulande wiederentdeckt.

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Floskeln als Floskeln vorführen. Andrej Platonow im Jahr 1948. Foto: Gorki-Institut für Weltliteratur, Moskau
Floskeln als Floskeln vorführen. Andrej Platonow im Jahr 1948.Foto: Gorki-Institut für Weltliteratur, Moskau

Schon die Lektüre der ersten Seiten von Andrej Platonows Roman „Die Baugrube“ genügt, um zu erkennen, dass ihr Autor zu Stalins Zeiten kein glückliches Leben führte. Woschtschew, die Hauptfigur, wird „von der kleinen Maschinenfabrik, wo er die Mittel für seine Existenz beschaffte, von der Produktion entfernt infolge der wachsenden Kraftschwäche in ihm und seiner Nachdenklichkeit im allgemeinen Tempo der Arbeit“. Offiziell war 1930 alles andere als ein zweifelnder Antiheld gefragt. Noch stand die Kanonisierung des „Sozialistischen Realismus“ aus, doch zweifellos verstand Stalin schon zu dieser Zeit Schriftsteller als „Ingenieure der Seele“, wie er den sowjetischen Autoren 1932 verbindlich kundtat.

Bereits im Vorjahr hatte er auf eine Erzählung Platonows wütend reagiert, was die schlimmsten Anwürfe gegen den Dichter zur Folge hatte („konterrevolutionär“), der darauf unterwürfig Besserung gelobte. Hätte Stalin die „Baugrube“ gedruckt gesehen, wäre es wohl kaum so glimpflich abgegangen. Denn Woschtschew ist kein Gegner des Sowjetsystems, er gibt vielmehr dessen Losungen wieder und befolgt sie. Oder besser: Er versucht es wie alle anderen Figuren. Die Negation der stalinistischen Politik, die die Geschichte der „Baugrube“ in ihrer Absurdität darstellt, erwächst nicht aus deren Kritik, sondern aus der Unmöglichkeit, sie zu befolgen.

Andrej Platonow (1899–1951) ist hierzulande weit weniger bekannt als seine Zeitgenossen Isaak Babel oder Michail Bulgakow. Dabei musste er, anders als etwa Warlam Schalamow, der Chronist des Gulag, nicht erst jetzt dem Vergessen entrissen werden. Deutsche Übersetzungen seiner – zu Lebzeiten in der Sowjetunion zumeist ungedruckt gebliebenen – Werke erschienen seit den siebziger Jahren in der DDR. In den Achtzigern gab es in der Bundesrepublik sogar eine Werkausgabe in Lizenz. Jetzt bot die Neuausgabe der „Baugrube“ Anlass zu einer Platonow-Tagung, einer Veranstaltungsreihe im Berliner Literaturhaus und einer Ausgabe der Zeitschrift „Osteuropa“, die mit ihren 528 Seiten und 36 Beiträgen ein veritables Handbuch zu Politik und Kultur der Stalinzeit darstellt, weit über Platonow hinaus.

Er litt an der Revolution

„Man könnte sein Schaffen unter das Motto ,Leiden an der Revolution’ stellen“, schreibt der Bielefelder Slawist Hans Günther in seiner konzisen Biografie. Die „Baugrube“ ist ein gigantisches Vorhaben, das den Arbeitern einer ganzen Region eine gemeinsame Wohnstätte bescheren soll, das „gemeinproletarische Haus“. Beim Bau stellen sich die unterschiedlichsten Charaktere ein: der naive Enthusiast, der bürgerliche Ingenieur, dazu die Masse der landlosen Bauern, in denen ein zeitgenössischer Leser unschwer die Leidtragenden der Zwangskollektivierung erkannt hätte, dazu die von Stalin als „Kulaken“ der Vernichtung preisgegebenen Bauern.

Die beständigen Appelle an die Arbeits- und sonstige Moral zeigt Platonow als Plattitüden. So predigt „der Sozialist Safronow“ in der Baracke der Erdarbeiter: „Wer den Ausweis der Partei in den Hosen trägt, muss sich unablässig sorgen, dass im Körper Enthusiasmus ist. Ich rufe Sie auf, Genosse Woschtschew, zu wetteifern um das höchste Glück der Stimmung!“ Und Safronow schwadroniert: „Darum müssen wir jeden in die Salzlake des Sozialismus werfen, damit sich die Haut des Kapitalismus von ihm abschält.“ Jedem sowjetischen Leser hätte die gewaltige „Umschmiedung“ vor Augen gestanden, die Stalin dem Riesenreich aufzwang.

Vergeblichkeit ist der rote Faden, der den Roman durchzieht. Das zufällig gefundene Waisenmädchen Nastja, dessen Mutter einen erbärmlichen Lagertod stirbt, wird „als Element der Zukunft“ begrüßt und macht auf der Baustelle gewissermaßen Karriere. Der „Aktivist“ tritt auf, das Zerrbild des Funktionärs, der jede Nacht auf Anweisungen wartet: „Jede neue Direktive las er mit der Neugier künftigen Genusses“, doch auch er scheint „für einen Moment vor der Schwermut des Lebens zu ersterben“. Dann mahnt er sich selbst zu besseren Leistungen: „Es ist Zeit, die Bevölkerung schon in ganzen Transporten in den Sozialismus zu befördern“ – eine Anspielung auf die „Vernichtung der Kulaken als Klasse“, den Abtransport Hunderttausender in den Archipel Gulag.

Das Bewusstsein der Vergeblichkeit angesichts übergroßer Ziele

Platonow, als Elektroingenieur zuvor in ländliche Gegenden abkommandiert, folgte seiner Überzeugung, der Schriftsteller im Sozialismus müsse einen zweiten, praktischen Beruf ausüben und das eigene Tun und Erleben verarbeiten. Immer wieder streut Platonow Hinweise auf seine Gegenwart ein, so, wenn es heißt, „ringsum wurde ständig gesellschaftlicher Nutzen geschürt“. Nastja stirbt, damit ist die Verkörperung des Sozialismus dahin. An einer anderen Stelle heißt es, „es gibt sowieso keine Wahrheit auf der Welt“. Platonow beschreibt, wie die Ideologie an die Stelle der Wahrheit tritt; alle Sprache besteht nur aus Floskeln, aus Anspielungen auf und Zitaten aus Stalins Reden und Zeitungsbeiträgen, die Gabriele Leupold, die den erstmals 1973 auf Deutsch veröffentlichten Roman neu übersetzt hat, zusammengetragen und mustergültig kommentiert hat.

Dem heutigen Leser mögen die von Platonows Protagonisten verkündeten politischen Losungen absurd erscheinen, doch spiegeln sie den offiziellen Sprachgebrauch. Klaus Gestwa schreibt im Sammelband über den Ersten Fünfjahresplan – die Entstehungszeit der „Baugrube“: „Die Sowjetführung verstieg sich vollends ins Utopische. Nicht mehr volkswirtschaftlicher Pragmatismus, sondern sozialistische Tagträume bestimmten die Planung.“ Für die „Baugrube“ gilt im Kleinen, was der Tübinger Historiker im Großen ausmacht: „Allerdings erwies sich ein solcher revolutionärer Kraftakt als Überanstrengung mit fatalen Nebeneffekten. Die Planung ging oftmals im Aktionismus und im Massenappell unter.“ Was indes Platonows Helden kennzeichnet, ist das Bewusstsein der Vergeblichkeit angesichts übergroßer Ziele, die sich für ihn zum „Sinn des Lebens“ verdichten. Früh heißt es über Woschtschew, sein „schwacher Körper“ werde „verzehrt von Nachsinnen und Sinnlosigkeit“.

Zum Nachsinnen kommen die Bauern im Roman nicht, sie sind bereits von ihren Feldern vertrieben, Objekt und Opfer der Politik des „Klassenkampfes auf dem Dorf“. Plötzlich sei im Sowjetdorf von der Existenz von „Kulaken“ gesprochen worden, schreibt der Bielefelder Historiker Stephan Merl, „obwohl es keine auch nur annähernd vergleichbaren, prosperierenden kapitalistischen Bauernbetriebe wie vor 1914 gab.“

Sein Sohn wurde von der Geheimpolizei verhaftet

Platonows „Baugrube“ liest sich wie eine Vorwegnahme der jeden Maßstab sprengenden Planung des Moskauer „Palasts der Sowjets“, für den bis 1941 nur eine Baugrube ausgehoben wurde. Sie diente nach dem Zweiten Weltkrieg als Freibad. Schon mit seinem Erstling, der Erzählung „Die Epiphaner Schleusen“ von 1927, hatte Platonow eine solche Vorahnung bewiesen: Der von Peter dem Großen befohlene, noch vor Inbetriebnahme versandende Kanal, den die Erzählung schildert, wurde zur Stalinzeit in Gestalt des Weißmeer-Kanals von hunderttausenden Häftlingen erschuftet und war für den geplanten Transportverkehr nie zu gebrauchen.

„Das Leben ist besser geworden, Genossen, das Leben ist fröhlicher geworden“, verkündete Stalin Ende 1935. Für Platonow konnte davon keine Rede sein. Die Geheimpolizei verhaftete 1938 seinen 15-jährigen Sohn und entließ ihn erst zweieinhalb Jahre später todkrank; er starb mit 20 Jahren. Was an Platonow irritiert, ist sein Bekenntnis zur Sowjetmacht, das er auch später nie zurückgenommen hat. „Als leidenschaftliche, energisch handelnde Bolschewisten“, schrieb er 1924 in einem ingenieurtechnischen Fachaufsatz, „müssen wir die Dürre in den allernächsten Jahren vernichten, und dafür bedarf es einer klaren Haltung.“

An dieser Haltung werden Platonows Anti-Helden schier verrückt.

Andrej Platonow: Die Baugrube. Roman. Aus dem Russischen von Gabriele Leupold. Suhrkamp, Berlin 2016. 240 S., 24 €.

Hans Günther: Andrej Platonow. Leben, Werk, Wirkung. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016. 148 S., 14 €.

Manfred Sapper, Volker Weichsel (Hrsg.): Utopie und Gewalt. Andrej Platonov: die Moderne schreiben. Osteuropa, Heft 8–10/2016. 528 S., 32 €.

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