Kultur : Der Schatten des Chatters

Uraufführung an den Münchner Kammerspielen: Luk Perceval präsentiert „Lulu live“ mit Julia Jentsch

Mirko Weber

Zur Sache: „Geilo“, „Achim“ und „scharfer Hengst“ chatten mit Lulu los, später kommen andere, noch Perversere  dazu, das hört nie auf, die Buchstaben laufen einfach immer weiter, bis zum Schluss, und die  Leinwand auf der Bühne der Münchner Kammerspiele füllt sich ständig neu mit Worthülsen, die  sich aber schon nach zehn Minuten verdächtig oft wiederholen.  Virtueller Sex ist am Ende doch ein wenig variantenreiches Thema. Die am häufigsten verwendete Kurzformel zwischen den Kunden und Lulu lautet: „Geil.“ „Bist du geil?“ „Ich bin auch geil.“ „Das ist geil.“  Wie Kitt füllt das Wort die Löcher in einem Gespräch, das keines ist. Es verschmiert den Kontext. 

„Lulu live.“ In München wird „nach Wedekind“ gespielt, Regie führt Luk Perceval, den Text und die Chat-Dialoge haben Feridun Zaimoglu und Günter Senkel eingerichtet, also jenes Team, das bei der Wiedereröffnung der Kammerspiele Shakespeares „Othello“ buchstäblich versaut hatte. Ihr Jago hätte gut in Lulus Chatroom gepasst: Er war nicht sehr wortmächtig, kannte aber alle Zentralbegriffe, die man so braucht, und konnte sie teuflisch gut unters Volk bringen. 

Tilly Wedekind, Ehefrau des Dichters, die selber die Lulu spielte und nicht auf den Kopf gefallen war, fand, die Figur sei „nicht raffiniert, sondern jenseits von Gut und Böse“. Das war  treffend beobachtet, und darin läge nach wie vor das Interessante der vor hundert Jahren skandalträchtigen „Monstretragödie“, nämlich: Wie eine immer die Liebe sucht und nur den Tod dafür bekommt.

Aber Perceval hat einen anderen Ansatz. In seiner Vorstellung sind wir alle ein bisschen Lulu, weswegen sämtliche  Darsteller unter diesem Namen auftreten. Keine Gräfin Geschwitz, kein Rodrigo, kein Dr.Goll, kein Schigolch. Alle(s) Lulu. Am Schluss übernimmt ein vormaliger Dauerchatter, „der Mann mit den kalten Füßen“, die Aufgabe von Jack the Ripper im Urtext. Dann erscheint das Gesicht von Julia Jentsch, der Haupt-Lulu unter all diesen Lulus, auf der Leinwand, zum ersten Mal von ganz nah, und die Stimme des Mannes sagt: „Komm!“ Den Rest kann man sich denken.

Man kann sich überhaupt eine Menge überlegen bei dieser als „Uraufführung“ deklarierten, zwei Stunden langen Improvisation via Web- und Handycam. Wirklich Gedanken machen muss man sich aber eigentlich nicht. Perceval hat das Stück angeblich von der sozialkritischen Seite aufgegabelt: Lulu kommt wohl aus dem Osten, war im Waisenhaus, wurde sexuell missbraucht und ist mit viel Glück vom Strich in den Chatroom gewechselt. Das ist die These. Nun lässt sich vor einem Riesenbildschirm schlecht Theater spielen, und eine Parole macht noch keine Produktion.

Doch Perceval  erklärt das zum Konzept – und inszeniert also: Geraune. Gesten. Geschrei. Scherenschnitte (in den Kammerspielen, bei solchen Schauspielern!). Sie agieren hinter der Leinwand, ziehen sich aus, ziehen sich an, halten sich  fest, halten sich aus und ziehen aneinander herum (darunter: Hildegard Schmahl, Annette Paulmann, Stephan Bissmeier). Dabei werden sie von anderen Schauspielern beobachtet. Diese wiederum sitzen ein wenig störend vor dem Publikum, das sich seinerseits vereinzelt enerviert zeigt und beim Abgang klatscht, wenn Perceval, um die Stimmung zu retten, rasch mal die Musik (Hartmetallgewitter, Orgelchromatik) hochfährt. Das Ganze, sagt Perceval, sei eine einzige Peep-Show. Mag sein.

Zwischen den geplapperten Dialogen über die Möglichkeiten des Fettabsaugens in Polen, Hängebrüste und  Beziehungskoller kommt der Pizzamann. Dann kann Hildegard Schmahl ihr Pikkolöchen nicht finden,  und die Buben hinter der Kamera tun alles, um ihr Gesicht nach allen Regeln der Kunst zu demontieren. So machen sie aus einer alten Lulu eine noch ältere, was man als Mienenspiel lieber von Hildegard Schmahl selber sähe, weil sie so etwas nämlich in Wirklichkeit unnachahmlich beherrscht.

Dann sagt Julia Jentsch: „Nun lass mal gut sein, Hilli!“, und man denkt, dass sie da unbedingt Recht hat. Aber dann geht es noch eine Stunde weiter. Es bleibt nichts übrig von Wedekinds „Lulu“. Es kommt aber auch nichts Aufregendes dazu. „Lulu live“ ist nicht zum Fürchten und auch keine schlimme Farce. Eher urfad.

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