Kultur : Der Spreewaldwaldgurkenspekulant

Bethel Henry Strousberg war ein umtriebiger Berliner Unternehmer. Auf seinen Spuren spielt nun ein experimentelles Open-Air-Stück.

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Netzwerker. Die Theatergruppe Shakespeare im Park inszeniert ihr dreiteiliges Stück „King Bethel“ neben dem Görlitzer Park. Foto: Thilo Rückeis
Netzwerker. Die Theatergruppe Shakespeare im Park inszeniert ihr dreiteiliges Stück „King Bethel“ neben dem Görlitzer Park. Foto:...

Den Mann, der mal ein ungekrönter König war, kennt heute kaum noch jemand. Dabei war Bethel Henry Strousberg einer der bedeutendsten Unternehmer des 19. Jahrhunderts. Ein strahlender Eisenbahnmagnat, der halb Europa vernetzte und den Berlinern die Spreewaldgurke brachte. Auf der anderen Seite auch ein hochfahrender Spekulant, der mit seinen Geschäftspraktiken in den 1870er Jahren eine handfeste Finanzkrise in Preußen heraufbeschwor. Ein Idealist und Kapitalist, über den Engels an Marx schrieb, er werde wohl der nächste Kaiser, weil ganz Deutschland nur noch von ihm rede. Eine schillernde Figur, „die durchaus die dramatische Größe eines Shakespeare-Helden hatte“. So sagt es Katrin Beushausen, die Teil der Company Shakespeare im Park Berlin ist und sich mit ihren Performer-Kollegen dem Leben und Wirken des vergessenen Hasardeurs widmet. Eine klassische Geschichte von Aufstieg und Fall, erzählt als assoziative Recherchereise unter freiem Himmel.

Bethel trägt Frack und Zylinder, sitzt auf der Draisine in einer Sandfläche Ecke Wienerstraße, Görlitzer Ufer und klimpert eine Blues-Melodie auf dem Miniaturklavier. Der Musiker Leigh Jonathan Thomas bleibt durchweg stumm in seiner Rolle. Derweil heben Maxwell Flaum, Brandon Woolf und Alberto Di Gennaro bei 30 Grad schwitzend in ihren Schaffneruniformen das weitere Gleisbett aus, wuchten Holzpaletten in den Sand und verlegen Eisenstangen. Probe zum Stück „King Bethel“, der dritten Open-Air-Produktion der multinationalen Theatertruppe, die sich 2010 in Berlin gegründet hat und deren Bühne der Görlitzer Park ist.

Schon mit den vorangegangenen Sommer-Projekten „Heinrich der Vierte“ und „Utopia TM“ haben die Shakespeare-imPark-Macher das ästhetische Experiment gesucht. Und die Auseinandersetzung mit der Historie ihres Spielorts. „Der Görlitzer Park“, sagt Brandon Woolf, „interessiert uns als umkämpftes Terrain.“ Als Ort, dem einerseits als Treffpunkt verschiedener Communitys utopisches Potenzial innewohne. Und der andererseits eben kein netter Picknickplatz sei.

Bis eine Bombe der Alliierten fiel und einen heute grasüberwachsenen Krater riss, stand hier der Görlitzer Bahnhof, den Strousberg gebaut hatte. Ein Umschlagplatz für Güter aller Art, wie Maxwell Flaum schildert, bis hin zu Fisch aus Skandinavien. Und Startpunkt für Ausflügler, die sich im Zuge der aufkommenden Erholungskultur ins Umland aufmachten. Mit dem Verkehrsknotenpunkt brachte der Eisenbahn-Visionär Kreuzberg als Viertel überhaupt erst zum Blühen. Auch wenn sein Projekt Orient-Express – wie so manches andere – scheiterte. Strousberg, der auch frühe „Gastarbeiter“ aus vielen Teilen Europas rekrutierte, hätte Berlin gern direkt mit Istanbul verbunden.

Katrin Beushausen nennt die bewegte Biografie dieses Selfmade-Tycoons, der auf den alten Fotografien Dreiteiler und Schnäuzer zum gelockten Haar trägt, „paradigmatisch, auch für die deutsche Geschichte“. Gründerzeit und Internationalisierung spiegeln sich darin, aber auch Wirtschaftskrise und Antisemitismus.

Strousberg kam mit dem Vornamen Baruch Hirsch zu Welt, war als junger Mann in London zwar zum Christentum konvertiert. Wurde jedoch trotz exzellenter Kontakte in Kreise von Politik, Militär und Wirtschaft zeitlebens als jüdischer Außenseiter beargwöhnt. Es war die Ära, in der ein Heinrich von Treitschke die antisemitische Schrift „Unsere Aussichten“ verfasste, die mit ihrer Überfremdungsphobie in den Augen der Künstler ziemlich schlagende Parallelen zu Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ aufweist – nicht der einzige Link in die Gegenwart, der sich im Zuge der Recherche aufgetan hat. Auch Strousbergs letztlich zu seinem Sturz führende Geschäftspraxis, Großprojekte ohne ausreichendes Kapital anzuschieben und dafür Aktienanteile ohne reellen Wert auszugeben, kommt einem fatal bekannt vor.

Von all dem wird „King Bethel“ erzählen. Allerdings nicht chronologisch oder linear. Das Stück ist kein Dokumentartheater. Vielmehr teilen Shakespeare im Park ihre Produktion in drei Episoden auf, die an verschiedenen Abenden laufen. Jeweils halbstündige Schlaglichter auf eine zerrissene Karriere, die mit verschiedenen Performance-Genres spielen. Die Musical, Lecture, Choreografie und Kinderfernsehen durcheinanderwirbeln und einen variierten Song als Klammer haben, die furiose Blues-Nummer „ChooChooTrainSham“, eine Hymne auf den „Railroad King“.

Es hat seine Gründe, dass die Performer dieses Stück ein wenig außerhalb des Parks aufführen. Ursprünglich hatten sie ein größeres Projekt geplant, für das jedoch die Fördergelder nicht bewilligt wurden. Es sollte sich auf der Folie von „King Lear“ bewegen, „wir wollten die Parkmauer als Motiv des Exils einbauen“, erzählt Alberto Di Gennaro. So stießen sie auf den friedlichen Platz an der Uferecke. Aber der Spielort, führt Maxwell Flaum aus, ist nun auch ein selbst gewähltes Exil. Im vergangenen Jahr kam es zu Konflikten im Park. Nicht etwa mit den Dealern – „die zählen zu unseren größten Fans“, lacht Flaum. Sondern mit gläubigen Muslimen.

Die letzte Vorstellung von „Utopia TM“ fiel auf den Tag nach dem Ramadan-Ende, der Park gefüllt mit picknickenden Familien. Es gab in der Produktion Kostüme aus durchsichtigem Plastik. Und eine Szene, in der ein Schauspieler aus einer Torte springt und einen Striptease für Heinrich VIII. hinlegt. Manche sahen darin eine Provokation. Wenn nicht eine Kampfansage. Wem gehört der Park? Wer bestimmt hier, welche Werte gelten? Solche Fragen standen unversehens im Raum. Die Stimmung war feindselig, die Schauspieler wurden beworfen, zornige Männer versuchten, das Stück abzubrechen. Flaum sagt, die Company wollte das nicht leichthin abtun, sondern „Verantwortung übernehmen und die Vorfälle reflektieren“. Auch deshalb nun der Schauplatz jenseits der Mauern.

Im Görlitzer Park hätten die Künstler ohnehin keine Spuren von Henry Bethel Strousberg mehr gefunden. Zwar existierten bis in die achtziger Jahre noch seine Schienen über die Lohmühlenbrücke, über die Kohle aus der DDR in den Westen transportiert wurde. Aber auch das ist Geschichte. Heute findet sich abseits des Weges bloß noch ein einzelnes totes Gleis.

„King Bethel“: 10. bis 25.8., 19 Uhr, So 16 Uhr, Wiener Straße/Görlitzer Ufer, Teil 1: 10., 14., 18., 23.8.; Teil 2: 11., 16., 20., 24.8.; Teil 3: 13., 17., 21., 25.8.

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