Kultur : Der Tatensammler

Düsteres Drama: Sergei Loznitsas „Mein Glück“

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In Russland unterwegs. Lkw-Fahrer Georgy (Viktor Nemets). Foto: farbfilm
In Russland unterwegs. Lkw-Fahrer Georgy (Viktor Nemets). Foto: farbfilm

Das erste Bild: Ein lebloser Körper, der in eine Grube geworfen und mit Zement zugeschüttet wird. Wer hier wen umgebracht hat, spielt keine Rolle, denn es folgen weitere Opfer, und alle werden sie vergessen. Ein Menschenleben zählt nichts in Sergei Loznitsas Spielfilmdebüt „Mein Glück“. Überleben ist Glücksache, daher auch der Titel. Loznitsa kommt vom Dokumentarfilm, er hat bei seinen Fahrten durchs postkommunistische Russland viele Geschichten gehört, und es waren keine schönen Geschichten. Irgendwann hatte er genügend Material für einen zweistündigen Kinofilm beisammen. Der Protagonist, der Lastwagenfahrer Georgy (Viktor Nemets), überlebt unzählige Schikanen. Doch er überlebt sie nur dank einer Mischung aus Gleichgültigkeit und Verrohung.

Jeder Weg führt ins Verderben. Die Ladung, die Georgy mit sich führt, ist nicht besonders wertvoll, es handelt sich um Mehlsäcke. Selbst dafür sind ein paar Wegelagerer bereit, ihn umzubringen. Warum schaut man sich so etwas an? Zunächst einmal wegen der gekonnten Inszenierung. Ein Meisterstück ist Georgys Halt an einer Polizeikontrolle, willkürlich wie alles in diesem Film. Die Kamera bleibt im Wagen, bei Georgy. Man sieht durch seine Windschutzscheibe, wie die Autofahrerin den Kofferraum öffnen muss, wie die Polizisten dabei die Kehrseite der Frau begutachten, und im Hintergrund steht die Wache, in der die Männer gleich mit der Frau verschwinden werden. Vordergrund, Mitte, Hintergrund: Jeder Quadratzentimeter der Leinwand ist voller Bedeutung. Die in der Totale erfassten Menschen wirken wie Schachfiguren.

Immerhin, immer wieder mal gibt es einen Funken Hoffnung. Georgy nimmt sich einer jugendlichen Prostituierten an, gibt ihr Geld, damit sie nicht weiter anschaffen geht. Doch gerade wegen seiner Menschlichkeit wirkt er auf sie wie ein Perversling, angewidert rennt sie weg. Die erschütterndste Episode spielt in der Vergangenheit – Loznitsa leistet sich einige Zeitsprünge, um das Unvergängliche des Bösen zu unterstreichen. Ein Mann, der mit seinem kleinen Sohn in einem Landhaus lebt, wird von zwei Deserteuren besucht. Sie nisten sich bei ihm ein. Er ist Lehrer, sie dagegen spotten über die Sinnlosigkeit von Bildung. Sie wenden keine körperliche Gewalt an, doch die Art, wie sie essen, sorgt für Gänsehaut. Und bald tritt erneut das Schlimmste ein.

Mag sein, dass Sergei Loznitsa mit den grüblerischen Universen Tarkowskis kokettiert, tatsächlich preist „Mein Glück“ – unfreiwillig? – Hollywoods Selbstjustizkino. Wie schön, dass Georgy irgendwann zurückschießt. Und treffsicher.

Babylon Mitte, Eiszeit, Krokodil

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