Kultur : Der totale Krieger

Ein Verfechter der Dolchstoßlegende: Manfred Nebelin beschreibt die Karriere von Erich Ludendorff

Ernst Piper

Ludendorff war nach der Überzeugung von Manfred Nebelin das Scharnier zwischen Bismarck und Hitler. Diese These hat einiges für sich. Um sie wirklich zu belegen, hätte man dort anfangen müssen, wo Nebelin aufhört. Ludendorff war in der Weimarer Republik neben Hindenburg der prominenteste Verfechter der Dolchstoßlegende. Am 9. November 1923 unternahm er gemeinsam mit Adolf Hitler einen Putschversuch, kandidierte 1925 für die Nationalsozialisten bei den Reichspräsidentenwahlen und gründete mit seiner zweiten Frau Mathilde von Kemnitz eine religiöse Sekte, die sich auf die „deutsche Gotterkenntnis“ berief. Zwei Jahre vor seinem Tod erschien 1935 seine wichtigste militärtheoretische Schrift „Der totale Krieg“. Über all dies lesen wir nichts in Nebelins verdienstvollem Buch, denn seine Darstellung endet mit Deutschlands Niederlage im Ersten Weltkrieg.

Manfred Nebelin, der an der Universität Dresden Neuere Geschichte lehrt, hat sich mit seiner Teilbiografie Ludendorffs vor zwei Jahren habilitiert. Die Arbeitsbedingungen waren nicht ideal, denn viele dienstliche Papiere sind im Zweiten Weltkrieg verloren gegangen und der Nachlass des „Feldherrn“ wird von seinen Anhängern unter Verschluss gehalten. An den Ufern des Starnberger Sees huldigt eine Schar alter Herren einem völkischen Obskurantismus, der sich dem Erbe des „Hauses Ludendorff“ verpflichtet sieht. Ihr Anführer Franz Karg von Bebenburg, der 2003 verstorbene Schwiegersohn von Mathilde Ludendorff, hatte Nebelins Bitte um Einsicht in die Papiere abschlägig beschieden. Das mag der Grund dafür sein, dass der Autor sich auf die erste Lebenshälfte Ludendorffs beschränkt hat.

Nebelin gibt in seinem gut zu lesenden Buch zunächst einen Überblick über Ludendorffs Jugendjahre und seine militärische Karriere bis zum Krieg. Er schildert ihn als einen aufgeschlossenen, gebildeten, interessierten jungen Mann, der viel auf Reisen geht, um sich weiterzubilden, und beim Militär, obwohl nicht dem Adel entstammend, eine geradezu blitzartige Karriere macht. Mit 17 Jahren war er bereits Leutnant und 1898, mit 33 Jahren, Kompaniechef. 1904 wurde Ludendorff erstmals zum Generalstab abkommandiert, den er jedoch 1906 wieder verließ, um Dozent an der Kriegsakademie zu werden. 1908 wurde er dann Leiter der Aufmarschabteilung im Großen Generalstab und war mit der Überarbeitung des Schlieffen-Plans befasst. Ihre logische Fortsetzung fand diese theoretische Arbeit im August 1914 mit der handstreichartigen Eroberung der Festung Lüttich, die Ludendorff mit einem Schlag berühmt machte. Wie schon Schlieffen hatte er den Einmarsch in das neutrale Belgien für notwendig gehalten und war nun für die Deutschen der „Held von Lüttich“.

Am 22. August 1914 wurde Ludendorff zur 8. Armee an die Ostfront berufen. Noch im selben Monat gelang es den deutschen Truppen unter dem gemeinsamen Oberbefehl von Hindenburg und Ludendorff die nach Ostpreußen eingedrungenen Armeen des russischen Zarenreiches vernichtend zu schlagen. Die Schlacht bei Tannenberg, wie sie in bewusster Anlehnung an kriegerische Auseinandersetzungen der Ordensritter im 15. Jahrhundert genannt wurde, begründete den Mythos des Generalfeldmarschalls und späteren Reichskanzlers Paul von Hindenburg als „Sieger von Tannenberg“, als Garant deutscher Wehrhaftigkeit und Unbezwingbarkeit auf dem Schlachtfeld. Nebelin arbeitet sehr gut heraus, wie sich der hochbegabte und ehrgeizige Ludendorff neben Hindenburg Raum schuf und die beiden Militärführer ein kraftvolles Duo bildeten, das lange und schließlich erfolgreich um die militärische Oberhoheit kämpfte, wobei Hindenburg in der Darstellung streckenweise sehr in den Hintergrund tritt.

Ihr Gegenspieler war der preußische Kriegsminister und Chef des Großen Generalstabs Erich von Falkenhayn, der anders als der schroffe Ludendorff lange Zeit das Vertrauen des Kaisers genoss. Während Ludendorff nach dem großen Erfolg bei Tannenberg mit großem Nachdruck auf einen finalen Erfolg an der Ostfront setzte, um so dem unerwünschten Zweifrontenkrieg ein Ende zu machen, verweigerte sich Falkenhayn und war nicht bereit, die dafür notwendigen Truppen von der Westfront abzuziehen. Falkenhayn war wie der französische Marschall Ferdinand Foch ein Anhänger der Abnutzungsschlachten, jener Schlachten, die vor Verdun und an der Somme Millionen von Soldaten beider Seiten das Leben kosteten. Zwei Jahre währten die Auseinandersetzungen, bis Falkenhayn abgelöst wurde und Hindenburg und Ludendorff an die Spitze der Obersten Heeresleitung traten.

Vier Fünftel seiner umfangreichen und oftmals sehr detaillierten Darstellung widmet Nebelin den vier Jahren des Ersten Weltkriegs. Akribisch und kenntnisreich verfolgt er Ludendorffs Weg vom „Helden von Lüttich“ bis zum flüchtigen Kriegsverbrecher, der sein Heil im schwedischen Exil suchte. Ludendorffs Anteil an den Geschehnissen, etwa dem Sturz des Reichskanzlers Bethmann-Hollweg oder den Diskussionen über die Wiederaufnahme des unbeschränkten U-Boot-Kriegs, wird gut herausgearbeitet. Erstaunlich unterbelichtet bleibt dagegen Ludendorffs öffentliche Rolle. Wir erfahren nichts über sein Wirken oder auch nur seine Wirkung im politischen Raum, etwa im Umfeld der Deutschen Vaterlandspartei, in der sich die Vertreter maximalistischer Kriegsziele sammelten, über seine Verbindungen zu den Alldeutschen oder zu den Konservativen, denen er nahestand. Es wird auch nicht deutlich, in welcher Weise Ludendorff von Hindenburgs Ruhm als Kriegsheld profitierte.

Ausführlich, instruktiv und lebendig schildert der Autor dagegen die militärische Karriere seines Helden, sowohl in den Vorkriegs- als auch in den Kriegsjahren. Dabei erneuert er mit großem Nachdruck die These, Ludendorff sei von 1916 bis 1918 ein „Diktator“ gewesen. Tatsächlich war Ludendorff in einer wichtigen Phase des Ersten Weltkriegs ein sehr mächtiger Mann. Ein Diktator war er nicht. Deshalb ging seine Abberufung im Oktober 1918 auch erstaunlich reibungslos vonstatten. Hindenburg, der sich damals von ihm distanzierte, und nicht Ludendorff war es, der dann, ausgestattet mit dem überragenden Prestige des Kriegshelden, nach dem Krieg Karriere machte und in hohem Alter noch Reichspräsident wurde.

Bisher waren die „gängigsten“ (Nebelin) Darstellungen über Erich Ludendorff die Bücher von Franz Uhle-Wettler und Wolfgang Venohr, zwei Publizisten, die sich politisch am äußersten rechten Rand bewegten und vor allem die Waffen-SS rehabilitieren wollten. Dass wir diese Bücher nun getrost beiseitelegen können, ist das große Verdienst von Manfred Nebelin. Er bietet eine umfassende und zuverlässige Biografie der Jahre 1865 bis 1918. Die wenigen Seiten, die auf die zweite Lebenshälfte Ludendorffs verweisen, zeigen, dass es ein großer Gewinn wäre, wenn Nebelin seine Arbeit fortsetzen und ihr einen zweiten Teil folgen lassen würde.









– Manfred Nebelin:

Ludendorff. Diktator im Ersten Weltkrieg. Siedler Verlag, München 2010. 752 Seiten, 39,99 Euro.

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