Kultur : Der Transatlantiker

Hellwach im Mittleren Westen: zum 70. Geburtstag des Literaturwissenschaftlers Paul Michael Lützeler.

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Foto: promo
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Es gibt viele ehrenvolle Gründe, ihn einen „Meister der alten Schule“ zu nennen. Wie Paul Michael Lützeler in seinen germanistischen Arbeiten Literatur und Geschichte verbindet, lebt zweifellos von „kosmopolitischer Umsicht und ethischen Prinzipien“, die er der Beschäftigung mit dem großen, 1938 aus Österreich in die USA geflohenen Erzähler Hermann Broch verdankt.

Ihm hat Lützeler als Forscher, Herausgeber und Biograf einen bedeutenden Teil seines Lebens gewidmet. Was Peter Hanenberg seinem an der Washington University von St. Louis, Missouri, lehrenden Kollegen in einer Festschrift mit dem Titel „Der literarische Europa-Diskurs“ (Königshausen & Neumann) zugute hält, deutet die rastlose Neugier dieses ansonsten gar nicht altmeisterlichen Transatlantikers, der am heutigen Montag seinen 70. Geburtstag feiert, jedoch nicht einmal an.

Keine noch so avancierte Theoriewindung der Postcolonial Studies, die ihm nicht geläufig und kaum eine Entwicklung zeitgenössischer Prosa und Poesie, die ihm nicht vertraut wäre. Lützelers Studie „Bürgerkrieg global“ (2009) beruft sich zwar ausdrücklich auf Brochs universalistisches Menschenrechtsethos, versucht es aber, in den Ruanda-Romanen von Lukas Bärfuss und Hans Christoph Buch oder im Jemen von Michael Roes wiederzufinden. Nichts Aussichtloseres deshalb, als ihm Neuigkeiten aus der Welt der deutschsprachigen Literatur mitteilen zu wollen, die auf der Annahme basieren, sie seien zu ihm in den Mittleren Westen noch nicht vorgedrungen.

Als Begründer des Max-Kade-Zentrums und des Jahrbuchs „Gegenwartsliteratur“ verarbeiten er und seine Mitarbeiter mitunter Schriftsteller in akademischer Ausführlichkeit, die hierzulande über Rezensionen noch nicht hinausgekommen sind. Auch eine tagespolitische Diskussion über die jeweils neuesten Entfremdungen zwischen Berlin und Washington braucht man mit ihm gar nicht erst anzufangen. Im Zweifel hat er die morgendlichen Zeitungen schon sehr viel genauer gelesen – und in seinem Buch über „Kontinentalisierung – Das Europa der Schriftsteller“ (2007) den großen „Atlantic Dream“ längst zu Grabe getragen.

Nach Emigranten wie Egon Schwarz hat Paul Michael Lützeler als Literaturwissenschaftler mit doppelter Staatsbürgerschaft sein Glück in den USA freiwillig gesucht. Die „Transatlantische Germanistik“, wie sein gerade erschienener Aufsatzband bei de Gruyter heißt, hat in ihm derzeit ihren namhaftesten Vertreter. Als weltreisender Komparatist mit Schwerpunkt „European Studies“ ist er mittlerweile auch mit reichen praktischen Erfahrungen über außereuropäische Kulturen gesegnet. Das Erstaunlichste an Paul Michael Lützeler aber ist, wie es ihm über Jahrzehnte gelungen ist, seinen engen Kontakt zu Deutschland aufrechtzuerhalten. Nicht nur dass er immer wieder transatlantische Spritztouren unternimmt, die zartere Gemüter für Wochen aus dem Gleichgewicht bringen würden, er ist auch ein engagierter Gastgeber, an einem Ort, an den es zumindest Touristen sonst nicht verschlägt.

Die private Washington University ist zwar eine herausragende Hochschule, St. Louis aber trotz einer auf die Dreimillionen-Einwohner-Marke zuwachsenden Metropolregion eine vielfach geplagte shrinking city.

Seit 1985 hatten bald 30 deutschsprachige Literaturkritiker – darunter auch der Autor dieser Zeilen – das Privileg, dort unterrichtend mit dem amerikanischen Universitätssystem Bekanntschaft zu schließen und sich das Wintersemester mit einem Schriftsteller zu teilen. Dieses einzigartige Programm ist aber nur eine der vielen deutsch-amerikanischen Kooperationen, die Lützeler auf den Weg gebracht hat.

Nicht minder verdienstvoll ist die kontinuierlich wachsende Suhrkamp/Insel Collection, die er Siegfried Unseld für die Olin Library auf dem Campus abluchste. Sie war, wie er sich jetzt in dem Aufsatz „Suhrkamp Culture amerikanisch?“ erinnert, der Ausgangspunkt für eine Sammlung deutschsprachiger Gegenwartsliteratur, an der sich bis heute viele namhafte Verlage beteiligen. Um ihren Fortbestand muss man sich, auch weil amerikanische Professoren nicht zwangsemeritiert werden, keine Sorgen machen. Paul Michael Lützeler denkt noch lange nicht ans Aufhören – übrigens, auch das muss einmal gesagt werden, zur Erleichterung vieler seiner Studenten. Gregor Dotzauer

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