Kultur : Der Traum vom Liegen

Flüchtige Leidenschaften: Die 60. Filmfestspiele von Cannes beginnen mit „My Blueberry Nights“ von Wong Kar-wai

Jan Schulz-Ojala

Manchmal produziert das Kino Bilder für sein Ewigkeitsgedächtnis, und dabei zu sein, wenn sie auf die Leinwand geboren werden, ist ein Traum. Zum Beispiel Cannes, Tag eins, Film eins, Ende der ersten Viertelstunde: Die junge Schöne am Bartresen hat ihren Liebeskummer mit ein bisschen Alkohol und einem Stück Blaubeerkuchen betäubt, sie hat mit dem sensiblen, lustigen Barmann bis in die frühe Nacht geplaudert, und plötzlich ist sie auf dem Hocker eingeschlafen. Der Mann betrachtet sie zärtlich, entdeckt ein paar Restsahnetupfer auf ihrer Lippe – und was macht er nach feinem Zögern? Er küsst das weg, ohne die sanfte Schläferin aufzuwecken.

Für diese atemlos langsame Liebesszene spielt die Kamera, was sie manchmal besonders gerne spielt: Gottes Auge. Sie zeigt die beidseits auf den Tresen hingegossenen Gesichter von oben und gibt dem Paar, das von sich selbst noch nicht weiß, ihren Segen. So nervös wie einst in seinen „Chungking Express“, mit Großstadtlärm und Garküchenstress, war Wong Kar-wai eben noch in seinen neuen Film „My Blueberry Nights“ gestartet, mit Zeitraffer und Zeitlupe und einem Neon-New York wie aus dem Videoclip, und plötzlich wird das ruhig. Norah Jones und Jude Law, Elizabeth und Jeremy, die verlassene Geliebte und der herzensgute Kneipier, der so viele Schlüssel einsamer Herzen in seinem Goldfischglas aufbewahrt, kommen einander schwerelos näher – so schwerelos, wie man einander nur im Kino nahekommen kann. Und plötzlich sind sie eins, wie geträumt.

Keine Frage, „My Blueberry Nights“ ist ein würdiger Eröffnungsfilm dieses 60. Festivals von Cannes, ein Film, der die sanften Waffen des Kinos vorzeigt, ein Film, der verzaubert und nicht übertölpelt, der verführt und nicht erdrückt, einer, der wunderbar einlädt auch zum Reisen zu ihm hin. Ein Film zudem Lichtjahre entfernt vom dröhnenden „Da Vinci Code“-Hokuspokus, mit dem das Festival sich letztes Jahr noch schmücken zu müssen glaubte. Und doch ist „My Blueberry Nights“, in aller Zartheit und Verletzlichkeit, ein nicht nur romantischer, sondern rücksichtslos sentimentaler Film – da hilft es nur wenig, dass er seine Schwächen kennt und mitunter subtil zu bezeichnen weiß.

Seien wir drum auch selber ehrlich, bei aller Liebe zu Wong Kar-wais Werk: „My Blueberry Nights“ ist ein um die genannte – und überdeutlich wiederkehrende – Kussszene gebautes wunderluftiges Nichts. Die Jazzsängerin Norah Jones in ihrer ersten Kinorolle berückt durch Natürlichkeit, aber einen Schmerz spielen, der sie in eine schließlich ein Jahr dauernde Flucht- und Selbsterfahrungsreise treibt, kann sie nicht. Schon das Drehbuch des Krimiautors Lawrence Block, dem sich der sonst auf Improvisation setzende Regisseur anvertraute, gibt über das, was der Seelensolarplexus des Filmes sein müsste, keinerlei Aufschluss – um sich in der Entwicklung anderer Charaktere merkwürdig geschwätzig zu geben.

Rachel Weisz taumelt als lärmende Ex eines Alko-Cops (in Selbstmitleid dahinschwimmend: David Strathairn) durch die Szenerie, und die wie immer furiose Natalie Portman gibt eine sogar im Tränenstrom noch toughe Gamblerin wie vom Figurenreißbrett. Derweil staunt sich Norah Jones schönäugig durch ein Panoptikum verlorener Seelen, gegen deren Düsternisse das eigene Leid sich geradezu erfrischend überwindbar ausnimmt.

Auch das Roadmovie, als das das erst zwei Tage vor der Premiere fertiggestellte Werk gehandelt wurde, ist „My Blueberry Nights“ keineswegs. Die Reise geht zwar von New York über Memphis und Las Vegas zurück nach New York – aber anders als Wim Wenders, sein ferner Traumbruder im Geiste, sucht Wong Kar-Wai wie schon in seinen in Hongkong gedrehten Filmen kaum je amerikanische Landschaft und Weite. Alles bleibt „Innen. Nacht“. Bleiben ein paar Leute, die die Kamera aus immer wieder stürzend neuen Winkeln zu ergründen sucht. Bleibt viel flachgründelnder Voice-Over. Bleibt ein sanftes Zuviel an Gefühlspedal, von Cat Power bis Ry Cooder. Und schärft nebenbei schmerzhaft die Erinnerung an „In the Mood for Love“, Wongs minimalistisches, ungeheuer konzentriertes Meisterwerk. „My Blueberry Nights“ wirkt dagegen, wie schon „2046“, wie das Dokument einer Schaffenskrise. Wenn da die zwei, drei grandiosen Augenblicke der Stille nicht wären, die jeden Einwand davonwischen mit aller Zärtlichkeit.

Immerhin, schon spukt’s fortan schön durchs Festivalhirn, was sich von David Finchers „Zodiac“, in den USA gefloppt und bei uns ab Ende Mai im Kino, kaum behaupten lässt. Imponierend ist das Serienkillerdrama nach realen Fällen im Kalifornien der späten Sechziger und frühen Siebziger allein in dem Bemühen, gerade nicht wie Finchers genreverwandter „Seven“ (1995) zu sein: also kaum Spannung und Schock, dafür die fast bürokratisch präzise Nachstellung journalistischer und polizeilicher Recherchen, an deren Erfolglosigkeit immerhin ein paar Karrieren zerbrechen. Jake Gyllenhaal, Mark Ruffalo und Robert Downey jr. machen, zwischen Kaffeebechern, Telefonlärm und Uralt-Schreibmaschinen, das Beste draus, aber für einen Zweieinhalbstunden-Genrestoff ist „Zodiac“ denn doch nicht fesselnd genug geraten.

Halt, hätten wir abseits jener Regisseurs-Alphatiere und kinematografischen Alphakontinente da nicht glatt die erste mögliche Palme dieses Festivals übersehen? Den Film eines gewissen Cristian Mungiu, 1968 in Rumänien geboren, der vor fünf Jahren in Cannes schon mit „Occident“ auf sich aufmerksam machte? „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“ ist 432-mal spannender als der neue Fincher und 432-mal anrührender und aufrührender als Wongs Zauberkunststück – mit nichts als einer starken, großartig besetzten und fast in Realzeit untadelig geradeaus erzählten Geschichte.

Die Studentin Gabita (Laura Vasiliu) ist im vierten Monat schwanger und will abtreiben – aber im verrotteten Rumänien des Jahres 1987, für das der Film erschreckend mühelos Bilder findet, ist Abtreibung mit harten Gefängnisstrafen bedroht. Also liefert Gabita sich gegen viel zusammengeliehenes Geld einem Kurpfuscher aus, der ihr das Kind wegmachen soll. Otilia (Anamaria Marinca), ihre Mitbewohnerin im Studentenheim, wird ihr beistehen und, so lautet der Plan, den Fötus sofort verschwinden lassen, irgendwo im Hochhaus-Müllschlucker fern in einem anderen Stadtbezirk. Doch der scheinbare Retter (Vlad Ivanov), der bald im trostlosen Hotelzimmer eintrifft und mit brutaler Coolness seinen Vorteil sucht, will mehr als Geld.

Wie grausig das Vorhaben gelingt und zugleich scheitert, welche Risse es zwischen Menschen reißt und doch wieder kittet, welches Opfer gebracht wird und welches Schweigen, all das inszeniert Mungiu völlig unspekulativ. Immer wieder führen spektakuläre Details auf Fährten, die sich als segensreich falsch herausstellen, und dann kann ein einziger Satz, leise dahingesagt, ein Sprengsatz sein. Vor 15 Jahren hat István Szabó mit „Süße Emma, liebe Böbe“, schon damals anhand zweier Wohnheim-Freundinnen, ein heiteres Bild jener wirren Wendejahre gezeichnet. „4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage“ funktioniert dazu wie das faszinierend düstere, nachgetragene Gegenstück. Womit Cannes, die Weltbühne großer Autorenfilmer und großer Filmstoffe, ganz bei sich selber angekommen wäre.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben