„Der Trost des Nachthimmels“ von Dževad Karahasan : Giftmord im Orient

Elf Jahre: Solange hat der bosnische Autor Dževad Karahasan an seinem historischen Roman "Der Trost des Nachthimmels" gearbeitet. Er entführt ins Persien des 11. Jahrhunderts. Eine Welt, in die es abzutauchen lohnt.

Tobias Schwartz
Fabulieren ohne Ende. Dževad Karahasan.
Fabulieren ohne Ende. Dževad Karahasan.Foto: picture alliance / dpa

Es passt ziemlich gut zusammen: die spektakuläre Entdeckung eines jahrhundertelang verschollenen Manuskripts in einer kleinen anatolischen Bibliothek und das Erscheinen von Dževad Karahasans umfangreichem Roman „Der Trost des Nachthimmels“. Bei dem Bibliotheksfund handelt es sich um nicht weniger als das „glückliche Ende“ der sagenhaften Geschichten aus Tausendundeiner Nacht, den Abschluss der Rahmenhandlung von der klugen und schönen Erzählerin Scheherazade. Die Arabistin Claudia Ott hat es für den C.H. Beck Verlag gerade ins Deutsche übersetzt.

Der Bosnier Dževad Karahasan wiederum führt einen direkt in die Blütezeit des Orients, ins Reich der Seldschuken im 11. Jahrhundert. Sein Buch basiert nicht nur weitgehend auf wahren Begebenheiten, sondern angeblich auch auf dem Fund eines alten Manuskripts.

Jedenfalls will uns Karahasan das nach 700 gelesenen Seiten weismachen, wenn er einen Bosnier in einer Bibliothek in Sarajewo auf eine Handschrift stoßen lässt, die die Lebensgeschichte der historischen Persönlichkeit Omar Chayyam enthält, eines persischen Astrologen, Mathematikers, Dichters und Philosophen, niedergeschrieben wiederum vor Jahrhunderten von einem jungen Bosnier.

Im Balkankrieg wird die Bibliothek von Sarajewo 1992 von Serben zerstört, die Handschrift geht in Flammen auf – der verstorbene Umberto Eco lässt grüßen – , und ihr Entdecker rekonstruiert sie frei aus dem Gedächtnis. Mit einem Erinnerungserzeugnis haben wir es also zu tun – zumal Karahasan 1993 aus der belagerten Stadt floh, die neben Graz heute wieder seine Heimat geworden ist.

Ein Spiel mit Genrekonventionen

Nur darf man nicht vergessen, dass auf dem Buchdeckel Roman steht und der 1953 in Duvno geborene Erzähler, Dramatiker und Essayist Karahasan – 2009 war er Siegfried-Unseld-Gastprofessor an der Humboldt-Universität Berlin, 2012 erhielt er in Weimar die Goethe-Medaille des Goethe-Instituts – ein literaturhistorisch ungemein bewanderter und gewiefter Autor ist. Natürlich spielt er mit dem Genre des historischen Romans, aber „Der Trost des Nachthimmels“ erinnert nur aus weiter, man könnte auch sagen postmoderner Ferne an Walter Scott, Henryk Sienkiewicz oder den großen Orientalisten Gustave Flaubert und dessen Meisterwerk „Salammbô“. Karahasan experimentiert zudem mit der mündlichen Erzähltradition, wie sie uns aus „Tausendundeiner Nacht“ vertraut ist.

Das Leben des Hofastronomen und Alchemisten Omar Chayyam erscheint durchaus romanhaft. Im Auftrag des Großwesirs hat er einen Giftmord aufzuklären, verliebt sich in die Tochter des Opfers und kann die Wahrheit nicht ans Licht bringen, ohne seine junge Liebe zu gefährden. Letztlich aber bietet das Geschehen nur den Anlass, Vergangenes mit Gegenwärtigem zu verknüpfen. Es geht um eine radikalisierte Volksgruppe, die die Ordnung im Nahen Osten bedroht, um Anschläge, die Errichtung eines Nachrichtendienstes, um Spitzeleien, um die Bedrohung wissenschaftlichen Fortschritts vor dem Hintergrund des Islams und schließlich den Zerfall des Reiches von Sultan Malik-Schah.

Elf Jahre lang hat Dževad Karahasan an diesem Roman gearbeitet. Dafür brauchte er langen Atem, der ihn allerdings mitunter auch zur Langatmigkeit verleitet hat. Doch durch seine intime Kenntnis des Orients und eine ausgeprägte Vorliebe fürs sprechende Detail erschafft dieser Schriftsteller eine Welt, in die es abzutauchen lohnt.

Dževad Karahasan: Der Trost des Nachthimmels. Roman. Aus dem Bosnischen von Katharina Wolf-Grieshaber. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016. 724 Seiten, 26,95 €.

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