Kultur : Der verlorene Vater

Zarte Familiengeschichte: So Yong Kims „For Ellen“.

Michaela Grimm

Joby Taylor ist einer dieser Typen, die man besser nicht anruft, wenn es ernst wird. Zum Scheidungstermin kommt er verspätet, und auch sonst schusselt sich er sich durch die Tage. Für immer Nimmerland! Plötzlich aber soll der Sänger und Gitarrist einer Rockband unterschreiben, dass er das Sorgerecht für Tochter Ellen an ihre Mutter Claire abtritt. Da zögert er denn doch.

Für dieses Zögern nimmt sich Regisseurin und Drehbuchautorin So Yong Kim in ihrem dritten Spielfilm „For Ellen“ ausführlich Zeit. Zeit und Raum, die Joby zwar nicht zu verdienen scheint, die aber Hauptdarsteller Paul Dano 94 Minuten lang großartig und glaubhaft füllt. Sein Joby schlittert so durch den Film wie die Jobys dieser Welt durch die Kaschemmen des Lebens.

In einer solcher verrockten Nächte landet der Antiheld mit Anwalt Butler (skurril-komisch: Jon Heder) im Dunkel einer Bar. Sobald dort Männerstimmen mit Gitarrensaiten um die Wette flirren, versinkt er in jedes gesungene Wort, zupft auf unsichtbaren Instrumenten, tanzt für sich allein, klagt – zwischen Tresen und Spielautomat – sein besoffenes Ebenbild im blinden Spiegel an, bis er sein verschwendetes Leben ausrülpst, aushustet. Und Claire anruft. Sie war es doch, die Ellen erst nicht wollte.

Lange agiert Joby wie eingepanzert: in Lederkutte, die Fingernägel schwarz lackiert; halblange Haare, Koteletten, ein Ziegenbärtchen verbergen das Gesicht. Spät erst nimmt die Kamera dieses Gesicht nah in den Fokus, spät erst auch scheint Jobys Blick sich selbst zu fokussieren, spät gewinnt dieser Mann eine Art Form zurück. Er darf sein Kind besuchen – und weiß um diese große Chance.

An Ellen (Shaylena Mandigo) holpert er sich unbeholfen heran. „Magst du Eis? Magst du Ponys? Kleine Mädchen mögen doch Ponys.“ Ellen mag beides nicht. Joby hat kein leichtes Spiel mit dem blonden Kind, seine schüchternen Versuche lässt Ellen ins Leere laufen. An diesem Nachmittag aber gibt es ihn dann doch, den anderen Joby, der sich kümmert, der seine Tochter fragt, ob sie ihn mag; den Joby, der auf dem Heimweg weint.

„For Ellen“ porträtiert Momente eines Verlorenen, eines Unnahbaren, der Frau und Kind verlassen hat. Vielleicht erging es So Yongs Vater einst ähnlich. Nur einmal begegnete sie ihm als Fünfjährige, mit zwölf emigrierte die Koreanerin in die USA. So wirkt der Film auch wie eine zart gezeichnete Widmung. Eine, die es im Film nicht geben wird: die des Vaters an sein Kind. Michaela Grimm

Central und fsk (beide OmU)

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