Kultur : Der versteckte Schatz

15 Jahre Ferdinand-Möller-Stiftung: Das Geld des Kunstretters dient heute der Restitutionsforschung.

Elke Linda Buchholz

Ganze Räume voller Kunst von Kirchner, Heckel, Feininger – und alles zu moderaten Preisen. Vier Kunsthändler waren eingeladen, um nach Belieben aus dem Fundus zu wählen, was sie übernehmen und weiterverkaufen wollten. Doch die Sache hatte einen Haken: Das Kunstkonvolut, das die Säle im Schloss Schönhausen in Pankow füllte, hatte die Kunstkommission der Nationalsozialisten aus deutschen Museen beschlagnahmt. Einer der mit dem Verkauf der „Entarteten Kunst“ betrauten Händler war Ferdinand Möller, seit 1918 ein überzeugter Verfechter der Moderne und insbesondere des deutschen Expressionismus.

Viele der Gemälde und Zeichnungen, die Möller damals gegen Devisen oder im Tausch gegen ältere Kunst erworben hatte, hängen heute in deutschen Museen. Kaum eines allerdings kehrte an seinen ursprünglichen Ort zurück. Wer sich über das Schicksal jener Werke informieren will, kann dies seit April auf einer Online-Datenbank der Freien Universität Berlin tun. Bereits seit acht Jahren arbeitet eine Gruppe von Wissenschaftlern um den Kunsthistoriker Andreas Hüneke daran, sämtliche 20 000 von den Nazis konfiszierten Kunstwerke akribisch zu erfassen.

Finanziert wird die Recherche von der 1995 gegründeten Ferdinand-Möller-Stiftung. Die an der FU Berlin und der Hamburger Uni angesiedelte Forschungsstelle „Entartete Kunst“ ist ihr wichtigstes Förderprojekt. 38 Magisterarbeiten und Dissertationen sind bereits entstanden, eine Publikationsreihe arbeitet die Geschichte des NS-Kunstbetriebs auf. An diesem Wochenende feiert die Stiftung nun ihr 15jähriges Bestehen und weiht an Möllers ehemaligem Galeriestandort in der Schöneberger Ufer 78 eine Gedenktafel ein.

Seine Besucher empfängt Wolfgang Wittrock, der die Stiftung seit ihrer Gründung leitet, in einem Büro unweit der Neuen Nationalgalerie. Und erzählt, wie es zur Gründung der Stiftung kam. Es war ein spektakuläres Restitutionsverfahren, das der Stiftung zu ihrem Gründungskapital verhalf. Die jüngste Tochter Ferdinand Möllers, Angelika Fessler-Möller, erstritt nach der Wiedervereinigung gerichtlich die Rückgabe von vier Gemälden, die ihr Vater unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg der Moritzburg in Halle als Leihgabe überlassen hatte.

Die Bilder, darunter Feiningers berühmter „Dom zu Halle“, waren dem Museum durch die Nazis entwendet worden. Sie blieben in Halle, als Ferdinand Möller 1949 in den Westen ging. Mit im Gepäck: Dutzende von Werken jener „Entarteten Kunst“, die er während des Krieges in seinem von Hans Scharoun errichteten Landhaus in der Nähe von Neuruppin verwahrt hatte – entgegen der Anweisung der Nazis, sie zu verkaufen. Möller betrachtete die Bilder als sein Eigentum. Denn das NS-Gesetz zur Beschlagnahmung „Entarteter Kunst“ wurde nie aufgehoben.

Der Kunstretter, der die Schätze jedoch auch in Kapital ummünzte: In Köln baute Möller nach dem Krieg eine neue Kunsthandlung auf, die geretteten Werke bot er den Museen zum Rückkauf an. Doch diese waren selten bereit, die gestiegenen Preise zu zahlen, auch wenn es damals nur um einige tausend Mark ging. Richtig in Fahrt kam der Markt für Werke der Brücke-Künstler erst viel später. Als Angelika Fessler-Möller 1994 die vier noch in Halle befindlichen Werke aus dem Bestand ihres Vaters zurückforderte, musste das Museum mehrere Millionen Euro aufbringen, um sie für sich zu sichern.

Das Geld nutzt die Stiftung nun zur Förderung von Forschung, etwa für ein WillGrohmann-Projekt in Dresden. Es widmet sich einem bedeutenden Fürsprecher der Moderne, der mit Möller befreundet war; 2012 soll es eine Ausstellung geben. Für eine soeben erschienene Biografie von Ludwig Justi, dem Direktor der Berliner Nationalgalerie bis 1933, übernahm die Stiftung die Druckkosten. Auch ein in Wien angesiedeltes Projekt zum Kunsthandel der Moderne bis 1937 wurde unterstützt, ebenso das Werkverzeichnis der Kirchner-Grafik und die digitale Aufarbeitung von Möllers Archiv in der Berlinischen Galerie.

Wolfgang Wittrock sieht Möllers Handeln aus der Perspektive eines Kollegen: Auch Wittrock ist seit Jahrzehnten als Kunsthändler für die Klassische Moderne tätig. Bei spektakulären Museumserwerbungen, etwa als 1999 Ernst-Ludwig Kirchners „Potsdamer Platz“ in die Nationalgalerie gelangte, hatte Wittrock seine Hand im Spiel. Mittlerweile, so meint er, sei dieser Markt allerdings leer, so dass es für ihn kaum noch etwas zu tun gäbe. Doch in seinem Büro lehnt, Rahmen an Rahmen, eine komplette Paul-Klee-Ausstellung an der Wand, Skizzen von Gesichtern aus dem Jahr 1939. Alle verkäuflich, natürlich.

www.ferdinand-moeller-stiftung.de

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