Kultur : Der weise Spieler

GÜNTHER GRACK

George Tabori mit seinem Beckett beim Berliner TheatertreffenVON GÜNTHER GRACKDie Ältesten können die Jüngsten sein: George Tabori beweist im Umgang mit den theatralischen Mitteln eine Freiheit, wie sie so souverän nur ein junger Alter gewinnen kann."Wollen wir es so spielen, wie es da steht, oder anders?", hat er sich und seine Schauspieler Gert Voss und Ignaz Kirchner gefragt, als er im Oktober 1997 in Wien mit den Proben zu Samuel Becketts "Fin de Partie" begann, um schließlich zu dem Ergebnis zu kommen: "Wir machen es ganz anders." Eine Eigenwilligkeit, die sich freilich nur erlauben sollte, wer als Theatermann, Autor und Regisseur in Personalunion über soviel Erfahrung verfügt wie Tabori, der am nächsten Sonntag sein 84.Lebensjahr vollendet.Das Publikum des Berliner Theatertreffens nun entsandte die Geburtstagsglückwünsche gleichsam vorweg: Tabori wurde am Schluß der Vorstellung in der Freien Volksbühne mit standing ovations gefeiert - so enthusiastisch, wie dies bei diesem Theatertreffen noch keinem anderen Regisseur zuteil wurde.Die freie Interpretation des Beckettschen "Endspiels" wäre allerdings zu Lebzeiten des Autors wohl selbst Tabori nicht möglich gewesen.Jetzt aber zeigt sich, wie sinnvoll der Abschied von Modellinszenierungen sein kann, an denen festzuhalten nur die Gefahr der musealen Erstarrung bedeuten würde.Seit der Premiere im Wiener Akademietheater (Tagesspiegel vom 2.Februar) mag sich die Aufführung, die als Theaterprobe beginnt, noch besser eingespielt haben.Die erste halbe Stunde vergeht damit, daß Voss und Kirchner sich an die Beckett-Figuren Hamm und Clov herantasten; in kollegialer Konkurrenz, die für den Zuschauer als lachenden Dritten ihren eigenen Reiz hat, fühlen sie sich auftrumpfend-widerwillig ein in das Spannungsverhältnis von Herr und Knecht, die da in einer menschenleeren, vielleicht von einer atomaren Katastrophe verseuchten Welt eine Bruchbude miteinander teilen."Nimm mich doch zum Maß!" fordert Voss seinen Partner in dieser Phase einmal auf ...Wie von ungefähr schlüpfen die beiden dann in das Gehäuse des Beckettschen Textes, verwandeln sich nun in der Tat in Hamm und Clov, dieses Clownspaar einer absurden Existenz - oder doch nicht? Zu den kühnen Freiheiten, die sich Tabori gegenüber dem Autor erlaubt, gehört die Reduktion des Personals auf jene zwei: Hamms Eltern Nagg und Nell sind in dem Stück nicht mehr zu finden, genauer gesagt, in den Mülltonnen, in die der Sohn sie gesteckt hat.Noch genauer gesagt, Voss und Kirchner übernehmen diese Rollen selbst, und siehe, es gelingt auch dieses Experiment.Ja, die Szenen, in denen Nagg stur "Meinen Brei!" verlangt und Nell zart "Küß mich" bittet, geraten besonders stark: sie erschrecken und rühren zugleich.Bis zu dem Punkt, an dem die Gefühligkeit plötzlich erlischt wie unter einem Wasserschwall; da hat nämlich der Voss den Kirchner wieder einmal zu bevormunden versucht und damit zu der Gegenrede provoziert, doch am besten alles selber zu machen: "Willst du beide Rollen spielen?"George Tabori, am Sonntag vormittag im Publikumsgespräch, räumt ein: "Beckett dreht sich vielleicht im Grabe." Aber er verweist auch auf die Erfahrung des Theaterpraktikers, jeder Text sei vor allem eines: "die Vorlage für ein Spiel".Und auf Spiel, play, deute ja schon der Titel des Stücks hin, nicht nur der deutsche "Endspiel", sondern auch der des französischen Originals "Fin de Partie".Zum Wesen des Spiels rechnet Tabori auch, daß jede Vorstellung sich von anderen unterscheide, so auch die beiden vom Sonnabend mittag und abend: "Theater ist immer anders." Gert Voss bestätigt dies, verrät freimütig, das Puzzle dieser Aufführung aus "improvisatorischen Teilen" berge auch Gefahren, etwa daß man das Ganze auf zweieinhalb Stunden dehne.Auf Fragen, ob nicht gewisse Facetten des Stücks zu kurz kämen, antwortet Ignaz Kirchner, man habe sie keineswegs übersehen: "Alle Varianten haben wir ausgespielt."In freundschaftlichem Wettstreit singen sie im übrigen das Loblied ihres weißbärtigen Spiritus rector: Tabori, so Voss, sage dem Schauspieler nur, was ihm an seinem Spiel gefalle, und schaue am liebsten dem Probieren einfach zu.Tabori, so Kirchner, sei ein Animator - nicht ein Dompteur wie, und jetzt kann er sich kaum einkriegen vor Abscheu, Einar Schleef.Voss beruhigt ihn, erinnert in rühmendem Ton daran, daß auch schon Rudolf Noelte seine Darsteller in jeder Sekunde dirigiert habe.Tabori, gelassen vor sich hin blickend, mischt sich nicht ein, äußert lediglich seine Hochachtung vor dem Schauspielerberuf und vor seinem Adressaten, dem Publikum: das ist für ihn "keine Armee", die auf das Erlebnis Theater reagiert wie ein Mann, sondern eine Versammlung von "500 Einzelnen".

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