Kultur : Der wichtigste Film Leni Riefenstahls wird immer stärker als Meisterwerk gesehen

Jan Gympel

Es gibt Filme, die Meilensteine der Kinogeschichte sind, da eine neue Bildästhetik von ihnen begründet wurde oder in ihnen kulminierte. Dazu gehören Werke wie "Citizen Kane", "Panzerkreuzer Potemkin" oder "Außer Atem" - und es ist gut, wenn man sie immer wieder zeigt. Und dann gibt es Filme, die genauso bedeutend sind, die man jedoch nur höchst selten zu Gesicht bekommt. Und auch dies ist gut so. Eines der prominentesten Beispiele dafür ist Triumph des Willens, der wichtigste Film Leni Riefenstahls. Ihr zweiteiliger Olympia-Film wird immer stärker als Meisterwerk gesehen, und beim Hinweis auf den faschistischen Hintergrund ihres dort vorgeführten Kultes schöner Menschen und perfekter Körper geht man nur ungern der Frage nach, wie weit denn unsere heutige Ästhetik der Reklame und Sportberichterstattung faschistoid ist - schließlich eifert sie dem Vorbild oft munter nach. Gern wird aber auch unterschlagen: Die gleiche Ästhetik wandte die Regisseurin schon in ihrem Film über den NSDAP-Parteitag von 1934 an; es war nicht einer jener Hetzfilme, wie sie die Nazi-Propaganda so häufig produzierte, sondern einer der geschicktesten Reklamefilme für eine Ideologie, die je gedreht wurden. Auch noch nach fast siebzig Jahren und mit dem Wissen darum, wohin der Nationalsozialismus führte, vermag der Film auf Grund seiner Suggestionskraft mitzureißen. So modern ist seine Ästhetik, so hervorragend ist er gemacht. Und deshalb ist es gut, wenn man diesen Meilenstein der Filmgeschichte nur sehr selten zeigt, wie - selbstverständlich mit Einführung und anschließender Diskussion - heute um 20 Uhr in der Urania.

Propaganda ganz anderer Art präsentiert am Dienstag um 19 Uhr das Haus am Checkpoint Charlie: Geschichten jener Nacht ist einer jener Filme, mit denen die DDR den Mauerbau zu rechtfertigen und zu verharmlosen versuchte. In vier - mal spannenden, mal heiteren - Episoden wird die Nacht der Grenzschließung dargestellt. Nach der Vorführung diskutieren unter anderem Mitwirkende des 1967 entstandenen Films über das Werk und seinen zeitgeschichtlichen Hintergrund.

Weniger brisante deutsche Geschichte morgen im Arsenal: Die erste, kaum noch bekannte Adaption der Buddenbrooks, die der nachmalige "Emil und die Detektive"Regisseur Gerhard Lamprecht 1923 schuf. Zur Klavierbegleitung durch Willy Sommerfeld wird erstmals in Berlin die neu restaurierte Fassung gezeigt, die man auch viragiert, also in zeitgenössischer Form eingefärbt hat. Zwar war Thomas Mann von der ersten Verfilmung eines seiner Werke nicht sehr angetan: Man habe "ein gleichgültiges Kaufmannsdrama daraus gemacht und von dem Roman fast nichts übriggelassen als die Personennamen", beklagte er fünf Jahre später. Doch für uns Nachgeborene ist das Werk neben dem filmhistorischen Interesse zumindest wegen eines besonderen Umstandes sehenswert: Lamprecht konnte noch viele Innen- und Außenaufnahmen an Originalschauplätzen drehen, die der Zweite Weltkrieg zerstören sollte.

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